Politik | 30.01.2011

“Die ganzi Schwiz vou Solarzäue!”

Eine Berner Schulklasse diskutiert vor der Abstimmung am 13. Februar über den Bau eines neuen Atomkraftwerkes in ihrer Gemeinde. Schliesslich seien sie, so sagen die Schüler, am meisten betroffen von einer Entscheidung, zu der sie selber noch nichts beitragen können. Die Debatte um Atomstrom, Lagerstätten und erneuerbare Energien wird umso aktueller sein, wenn heutige Jugendliche als Erwachsene einmal selber Politik machen.
Das KKW Mühleberg am oberen Aarelauf ist seit 1972 in Betrieb.
Bild: Wikimedia Die 8. Sekundarstufe im Schulhaus Allenlüften verteilt sich im Raum nach dem Klassenfoto. Sophie Hirsig Livio (2.v.l.): "Gits de nid no ä angeri Entsorgigsart für dä... Atomküdder?" V.l.n.r.: David, Kerstin, Patrick Sophie Hirsig

Es ist Freitagmorgen früh. Lehrer Andreas Marti kommt nach der Neun-Uhr-Pause ins Klassenzimmer der achten Sekundarstufe in Allenlüften, Kanton Bern. Die Schülerinnen und Schüler sind alle schon mehr oder weniger auf ihren Plätzen, allerdings noch nicht wirklich parat für den Unterricht. Der Lärmpegel ist hoch. Einige Schüler hegen schon die Hoffnung, der angekündigte Mathematiktest werde verschoben, wenn die heutige Diskussion länger dauert. Es geht um die Abstimmung vom 13. Februar, Thema Energiepolitik.

 

Allenlüften ist ein kleines Dorf, eine Häuseransammlung inmitten der Gemeinde Mühleberg. Trotzdem erfüllt Allenlüften die Funktion eines Knotenpunktes für die Gemeinde. Hier sind Mittel- und Oberstufenzentrum sowie ein Jugendtreff untergebracht. In Mühleberg befindet sich ein Atomkraftwerk. Das AKW ist alt und soll ersetzt werden: Am 13. Februar entscheidet das Berner Stimmvolk, ob es der beschlossenen Ja-Parole des Grossen Rats zustimmt, ein neues AKW in Mühleberg zu bauen.

 

Ausnahmsweise findet heute der Unterricht auf Berndeutsch statt und es herrscht keine Handhochstreckpflicht.

 

Stromlücke – “Lüge der Atomlobby” oder ein tatsächliches wirtschaftliches Problem?

 

Marc: Ja, i dänke äs bruucht villech schones AKW, aber villech nid grad in Mühlebärg. Wüu äs isch nid so schlau, dr Stom eifach vo angerne Länder z importiere, äs chönnt ja scho si, dasses ä Stromlücke git. Aber z AKW sött nid in Mühlebärg si, wüu mir hie grad ir Nöchi wohne.

 

Jemand hakt nach, wo es denn sonst sein solle.

 

Marc: Ja irgendwo in Züri oder so.

 

Die Klasse lacht.

 

Livio: Aber i finges sowieso nid guet, wüus eifach d Umwäut so belastet. I wär lieber für angere Stom, aber irgendwie brucht me ja Strom.

Matthias: Mit Auternativenergie chönnt me natürlech di agsprochnigi Lücke ou no schliesse, auso… mit Solarzäue, Windreder, Wasserchraft… ja.

Livio: Auso das git nie so viu Strom wienes AKW git, Solarzäue. Da brücht mä ä Schwiz vou Solarzäue! Isch ja nid, dass mr das nid würd gfaue, aber das geit gar nid!

 

Er wirft energisch die Hände in die Luft. Wieder lacht die Klasse.

 

Livio: Ja chum… die ganzi Schwitz vou Solarzäue!

Matthias: Auso z AKW cha me ja schono bhaute, wüu z Bärn müesse zwüsche 2020 und 2043 ja sowieso aui AKWs autersbedingt abgschafft wärde.

 

Ob denn jemand etwas davon gehört habe, dass es in der Debatte auch noch um etwas anderes gehe als den Bau des Atomkraftwerkes, unterbricht der Lehrer. Die Klasse bleibt still. Ein Endlager solle auch errichtet werden. Sofort wird es laut.

 

Andreas Marti: Spiuts de ne Roue ob mer iz das AKW in Mühlebärg boue oder öb mers z Züri Oerlikon boue, wi dr Marc s vori vorgschlage het?

Marc: Ja!

Kerstin: Nei!

Andreas Marti: Auso a dä Fau, wo du dänksch Marc, spiuts de würklech ä Roue?

Marc: Nei, i dänke nid a das. I dänke eifach, äs sött nones AKW gä, wüu mr schüsch eifach z weni Stom hei und dä när nüm chöi exportiere und sogar müesse importiere. Aber äs chönnt ou nöi Technike gä villech so i füf Jahr, wo när angers Stom chöi produziere.

Livio: Mä chönnts ou z Züri mache u när eifach sone Glaschugle über Züri, de chämts nümme use.

David: Eh… so Sache würdi de nid z luut säge.

 

Einigen Schülern scheint der Kommentar zu gefallen. In einer Zürcher Klasse würde wohl ähnliches über Bern gesagt werden. Der Lehrer reagiert nicht auf den Vorschlag. Er interessiert sich stattdessen für die Frage, warum viele den AKW-Strom befürworten, aber niemand das Endlager haben wolle. Niemand antwortet. Stattdessen wirft Marc einen neuen Lösungsvorschlag in die Runde.

 

Marc: Mä chönnt ja ä Kanton eifach rume und nächhär dert eifach… ja…

Livio: Gits de nid no ä angeri Entsorgigsart für dä… Atomküdder? Z Problem isch ja gloub, dases so lang geit. Äs geit so lang, bis äs nümme radioaktiv isch. Irgendwie Millionejahr.

Marc: Und denn isches immer no radioaktiv, äs bizzli.

Larissa: …äs bizzi!

 

Was die Klasse denn von der Idee halte, das ganze ins All zu verfrachten? Die Meinungen sind gespalten.

 

Livio: När expodierts – u när… ?

Kerstin: Mä chönnt im Au das Chraftwärk mache.

David: Kerstle, da giz äs chlises Problem: Im Au hets ke Atom!

Kerstin: Scheisse.

Andreas Marti: Auso, i gseh, dir weit z Problem verlagere. Z Problem bi däm Zügs isch haut, dass das AKW extrem wit würkt. Auso öb iz d Zürcher das AKW hei oder mir, spiut ungerem Stich eifach ke Roue vor Stahlig här. Ehm … mit de Abfäu: Wenn dir nech zum Bispiu bewusst sid, dä Umfau ir Urkaine. Dä isch 1986 passiert und äs isch so, dass d Strahlig immer no würkt. Auso in Dütschland zum Bispiu isches immer no verbote, Piuze z verchoufe, wüu Piuze Radioaktivität, eh, besser binde. D Frag isch wiviu besser d Piuze us dr Schwiz si.

Cederic: Isch dä Chärn dert immer no heiss?

Andreas Marti: Dä isch immer no heiss. Das geit haut äs paar 100 Jahr.

Livio: Und wenn mes ufem Mond richtig würd lagere, das Atom? Dert würds eigentlech ja niemer störe.

David: Z Problem isch: das bringsch nid dert ufe. I dene grosse Mängine!

Marc: Ja mä cha ja äs paar mau ga – kes Problem!

David: Klar! När stürzt no dr Mond ab, wüu är z schwär isch.

Livio: Mä chas ja uf die Site tue, wome nid gseht, das wär guet.

 

Spürbare Belastungen für die Einwohner Mühlebergs – die Bauzeit

Matthias bringt die Diskussion wieder auf den Boden zurück.

 

Matthias: Wenn sis z Mühlebärg nid wei, de chöme ja immer no zwöi angeri Standorte i Frag. Bi dere Abstimmig geits ja meh drum, öb dr Kanton Bärn genereu würd “Ja” säge, da isch no nüt defitiv.

Andreas Marti: Äs geit ja när ou um ne wirtschaftlechi Frag. Gwüssi Lüt möchte natürlech das AKW boue, wüu si finanziell profitiere, und das isch natürlech ou ä Konkurränz zwüsche de Stromgnosseschafte. Dr Kanton cha mau grundsätzlech “Ja” oder “Nei” säge.

Livio: Z Problem isch ja ou no di längi Bouzyt. Das geit fasch sächs Jahr. Und die ir Nöchi vom AKW würde när extrem drunger lide, under dere länge Bouzyt.

Marc: Ja, i dänke, i sächs Jahr hei si ja sicher a besseri Lösig gfunge aus äs AKW.

 

Die Klasse ist sich einig: “Ja eh!”

 

Matthias: Ohni z AKW, wi wott d Energieversorgig ir Schwiz zuekünftig usgeseh? Auso i wär scho für nes AKW, äs birgt Vorteile… Nachteile natürlech o.

 

Die Entscheidung

In der Klasse wird abgestimmt. Ein neues AKW in Mühleberg: Ja oder Nein? Der Lehrer mahnt, zu versuchen, sich bei der Entscheidung nicht von anderen aus der Klasse beeinflussen zu lassen. Marc fragt, ob alle die Augen schliessen könnten.

 

Marc: Das machts viu Spannender!

 

Einige Mädchen wollen wissen, ob man sich enthalten dürfe. Das Resultat fällt nach der angeregten Diskussion etwas überraschend aus: 44 Prozent (8 Stimmen) der 8. Sekundarstufe Allenlüften enthalten sich. 22 Prozent (4 Stimmen) sind gegen ein neues AKW, 33 Prozent (6 Stimmen) stimmen dafür.