Gesellschaft | 24.01.2011

“Das ständige Balancieren will gelernt sein”

Duschen über dem Klo, haarige und andere Überraschungen erwarteten die Kolumnistin bei ihrem Gastaufenthalt in Marokko.
Im Morgenland.
Bild: Valentina Schweizer

Ich habe soeben dreieinhalb Stunden mit marokkanischem Tee zu Tode geschlagen und stehe nun endlich, stinkend und schnaufend, am Bahnhof Rabat, der Hauptstadt Marokkos. Es geht gegen Mitternacht zu, doch auch meine langen Kleider schützen nicht vor neugierigen Blicken. Umso mehr jedoch mein Odeur. Ein Auto fährt vor und der Fahrer winkt mich schelmisch lächelnd heran. Froh, endlich abgeholt zu werden, lasse ich mich mit den Worten “As salam aleikum, Rachad!” auf den Beifahrersitz fallen. Der bärtige Marokkaner heisst mich willkommen und fährt los. Rund zehn Minuten später klingelt mein Handy und eine besorgte Stimme meldet sich. Der echte Rachad. Hysterisch lache ich meinen Chauffeur an. “Je m’appelle Mustafa”, bekomme ich zur Antwort. Ob er mich vielleicht zum Bahnhof zurück fahren könne? Mais bien sûr.

 

Platsch, sagte das Fettnäpfchen

Von einem Desaster geht’s dann auch gleich ins nächste. Rachad, der Leiter der Austauschorganisation, die sich in Marokko um mich kümmert, nötigt mich mit mitleidvollem Blick über das eben Geschehene zum Wasserpfeife Rauchen. Nach kurzer Zeit sehe ich nur noch Sternchen.

 

Endlich bei meiner Gastfamilie angekommen, begrüsse ich die rund 20 bis 25 köpfige Familie sowie sämtliche Kakerlaken, und ziehe mich dann völlig erschlagen in mein neues Zimmer zurück. Überglücklich ziehe ich mein Salamisandwich hervor. Die Gastmutter, die zufälligerweise hereinkommt, erblickt das Schweinefleisch und rennt wortwörtlich schreiend davon. Das erste Fettnäpfchen.

 

Haarsträubend

Und doch: schnell nimmt mich die herzliche Familie in ihre Kreise auf. Ich habe sogar die Ehre, der Gastgrossmutter ihre stachligen, abwechselnd weiss-schwarzen Barthaare auf meinem (!) Bett auszuzupfen. Auch das mit den marokkanischen WCs (ähnlich den italienischen Plumpsklos) ist und bleibt tückisch: Der Akt des ständigen Balancierens will gelernt sein, auch hat Mann und Frau sich an die kalte Dusche, die direkt über die Toilette montiert ist, zu gewöhnen. Hinzu kommt, dass Klopapier in Marokko nicht vorhanden zu sein scheint.

 

Die Gastschwester bemerkt meine Qualen betreffend des kalten Wassers und zeigt mir grossherzig den Weg zum Hamam, dem öffentlichen Bad. Hier tummeln sich überall nackte und korpulente Frauen, die sich gegenseitig die dicken Oberschenkel abschrubben. Um Zentimeter entkomme ich einem frechen Schamhaarbüschel, der sich offenbar mit meinen Füssen paaren möchte. Das warme Wasser kann ich dann nur noch mit Vorsicht geniessen.

 

Umso mehr schmerzt dann auch die Ohrfeige meines Gastbruders, als ich nicht sogleich aufspringe, um ihm einen Tee zu machen. Und auch die Tatsache, dass die Gastmutter nicht mit einer Nicht-Muslima am Tisch isst, tut weh. Einmal wollen sie wissen, ob in der Schweiz Milch aus den Wasserhähnen fliesse.