Politik | 24.01.2011

“Das Gruppenfoto war das Schwierigste”

Text von André Pérler | Bilder von André Pérler
Wahlkampf zu führen ist eine anstrengende Sache. Und trotzdem will der Gymnasiast André Perler, 19, in die Politik. Der Parteilose kandidiert für den Generalrat in seiner Gemeinde. Auf Tink.ch erzählt er, warum es trotzdem Spass macht.
Statt Hausaufgaben steht im Terminkalender schon mal "Wahlpropaganda fertigstellen".
Bild: André Pérler

“Politik hat mich schon immer interessiert. Warum, weiss ich auch nicht genau. Vielleicht, weil ich gerne diskutiere. Oder weil es mich direkt oder indirekt betrifft. Ich finde es wichtig, dass sich gerade auch Junge in der Politik einsetzen, damit nicht über uns, sondern mit uns entschieden wird. Ich denke, die nächste Zeit in der Schweizer Politik ist besonders wichtig. Wir werden darüber entscheiden müssen, wohin wir uns bewegen, wie die Schweiz in Zukunft aussehen soll. EU oder nicht? Mehr oder weniger Ausländer? Wie sieht es mit der Armee aus?

 

Aber immer nur über politische Themen diskutieren? Nein, ich war neugierig darauf, wie es ist, selbst in der Politik aktiv zu sein. Da beschloss ich, für den Generalrat in meiner Gemeinde im Kanton Freiburg zu kandidieren. Der fünfzigköpfige Generalrat ist eine Art Gemeindeparlament. Bei den Wahlen im kommenden März ersetzt er bei uns die Gemeindeversammlung und trifft somit die wichtigen politischen Entscheidungen für die Gemeinde. Ich wollte mich aber (noch) nicht für eine Partei entscheiden. Darum stelle ich jetzt mit einem guten Kollegen eine eigene Kandidatenliste.

 

Natürlich haben wir das nicht über Nacht entschieden. Unsere Idee ist es, die Jungen im Generalrat zu vertreten. Zuerst fragten wir bei Freunden nach, ob sie interessiert wären. Nach mehrheitlich negativen Rückmeldungen begannen wir mit Flugblättern in der ganzen Gemeinde junge Menschen anzufragen. Wer uns nicht sofort absagte, wollte es sich ‘einmal überlegen” Doch am Ende konnten sich leider die wenigsten zu einer Kandidatur durchringen. Die meisten gaben an, keine Zeit zu haben, oder sie seien zu wenig an Politik interessiert. Mit den elf Kandidaten und Kandidatinnen, die jetzt auf der Liste stehen, sind wir trotz der vielen Absagen zufrieden. Angesichts dessen, dass die ‘heutige Jugend’ den Ruf hat, sich sowieso nicht für Politik zu interessieren, ist das doch ein respektables Resultat. Auch die grössten Gemeindeparteien sind nicht weit über 20 Kandidaten hinaus gekommen. Letzte Woche haben wir die Liste eingereicht.

 

Ans Zurücklehnen ist jedoch nicht zu denken. Im Gegenteil, nun beginnt das nächste anstrengende Kapitel: Das Propagandamaterial. Jede Partei oder Gruppierung, die gewählt werden will, muss ein Papier gestalten, welches vor der Wahl an alle Haushalte verschickt wird. Der Flyer zeigt von jedem Kandidaten und jeder Kandidatin ein Foto und allgemeine Informationen. Die Werbung soll schliesslich die Stimmbürgerinnen und Stimmürger dazu bewegen, uns zu wählen. Zudem sind wir noch auf Spendensuche, da wir den Wahlkampf – allein die Wahprospekte kosten 1000 Franken – nicht vollständig aus der eigenen Tasche finanzieren können.

 

Das Schwierigste an einem Wahlkampf ist, so habe ich den Eindruck, einen Termin für das Gruppenfoto zu finden, der allen passt. Wir führten eine Umfrage auf Doodle durch – mit sage und schreibe 40 Terminen. Gerade mal ein Datum passte – mit viel Überredungskunst –allen elf Kandidierenden. Auch das Gestalten des Wahlprospekts ist anspruchsvoll und frisst bald einmal ein ganzes Wochenende.

 

‘Warum mache ich das überhaupt?’, frage ich mich manchmal. Bei allem Interesse für Politik, kann ich nicht wie andere junge Menschen einfach meine Freizeit geniessen? Ich hätte schon lange aufgehört, würde es mir nicht so grossen Spass machen zu kandidieren und alles Drum und Dran zu organisieren. Trotz der paar Unannehmlichkeiten und des hohen Zeitaufwandes engagiere ich mich gerne. Weil, würde ich denn in den Generalrat gewählt, ich aktiv mitbestimmen könnte, was in meiner Gemeinde läuft – und was nicht. Darauf freue ich mich.”