Kultur | 31.01.2011

Dankbar für die kleinen Dinge

Sierra Leone vier Jahre nach Ende des Krieges. Brigitte Kornetzkys nimmt uns in ihrem Dokumentarfilm "God No Say So" auf eine intensive Reise durch die verschiedenen Gegenden dieses westafrikanischen Landes. Begegnungen, die unter die Haut gehen.
20'000 Menschen in Sierra Leone wurden die Hände amputiert. Doch trotz des Grauens haben die Menschen dort die Hoffnung nicht verloren.
Bild: © Brigitte Uttar Kornetzky 2010

Der Bürgerkrieg in Sierra Leone gilt als einer der grausamsten der letzten zwanzig Jahre. Zwischen 1991 und 2002 wurden zwei der fünf Millionen Einwohner des Landes aus ihren Dörfern vertrieben und 200-˜000 getötet. Laut Unicef wurden über 20-˜000 Kinder von ihren Familien getrennt und 8000 als Kindersoldaten missbraucht. Gefangenen und Verdächtigen, Frauen, Männern und Kindern, die zur Regierung hielten, wurden die rechte, die linke oder beide Hände abgehackt.

 

“The hand you have voted with for the civilian government, you will never vote with again.” 4000 der einst 20’000 amputees sind noch am Leben. Ein Leben, in dem sie kaum ihren Unterhalt finanzieren können. Womit auch? Zum Arbeiten braucht man schliesslich Hände. Die Zeit zieht weiter, die Mangobäume wachsen nach. Aber die Hände, die kommen nicht zurück. Sie wachsen nicht nach. Sie werden immer fehlen. Menschlichkeit dagegen floriert auf der Asche dieses Grauens in Gestalt einer Blume, eines Lachens, einer Hoffnung auf ein besseres Leben. So hofft die Prostituierte Julietta auf einen weissen Mann, der sich in sie verliebt, und die Männer vom Steinbruch leben noch immer im Bunker, der damals so viele Menschen vor dem Tod bewahrte. In den Gedärmen der Brücke verborgen. Waisenkinder an einem Schulfest. Das Lächeln ist nicht von den Gesichtern verschwunden, denn: “God just does a little something. But for that small thing I thank him.”

 

Und auch Brigitte Kornetzky nimmt die Zuschauer in ihren Bann. Sie wewegt durch die Schicksale, die im Film zu sehen sind, erinnert an viele weitere, die in diesen eineinhalb Stunden keinen Platz mehr gefunden haben. So steht sie vor uns. Die in Deutschland geborene Regisseurin ist Frau für alles. Im wahrsten Sinn des Wortes. So hat sie in ihrer neuen Produktion neben der Regie auch den Schnitt und den Ton übernommen und sogar eigens Musik komponiert. Ihr Stil ist eigenwillig, ungekünstelt, echt. Wer einen gewöhnlichen Dokumentarfilm erwartet hat, mag enttäuscht sein. Wer sich jedoch mitnehmen lässt auf diese aussergewöhnliche Reise, erlebt eine der spannendsten Dokumentationen unserer Zeit. Voller Schlichtheit und Ehrlichkeit und Menschen, deren Schicksale uns berühren, so wie sie sie erzählen. Ohne Pomp, ohne künstliche Spannung, ohne Pathos. Von Mensch zu Mensch. Und das ist trotz der Tragik des Erzählten ein wunderbares Gefühl.

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