Kultur | 17.01.2011

Bummel durch Europa

Der Tourist von heute jettet im Billigflieger um die Welt. Noch zu Fuss erkundete Mark Twain Europa vor rund 130 Jahren. Das heisst, wenn er nicht gerade mit der Kutsche oder wie Huckleberry Finn mit einem Floss unterwegs war. Was der amerikanische Schriftsteller auf seiner Reise alles sah und erlebte, steht in seinem komischen Reiseroman "Bummel durch Europa", mit Bravour gelesen von Rufus Beck.
"Wir hätten den Gipfel wohl noch vor einbrechender Nacht erreicht, wäre nicht wegen eines verlorenen Regenschirmes Aufenthalt entstanden." Ironische Betrachtungen einer Wanderung.
Bild: americaslibrary.gov Mark Twain suchte ihn unter anderem auf der Rigi; den Alpenzauber, den die Plakate versprachen. Publizitätsdienst der Schweizerischen Bundesbahnen, 1934

“Zutreffende Auskünfte zu bekommen ist in jedem Land sehr schwierig”, notiert der Tourist Mark Twain auf seiner Europareise im Jahre 1878. Die grösste Mühe bereitet dem amerikanischen Schriftsteller die “schreckliche deutsche Sprache”. Mitnichten eine reine Vergnügungsreise nach Frankreich, Deutschland, Italien und in die Schweiz unternimmt er in Begleitung seiner Familie. Der gefeierte Autor der Abenteuer von “Tom Sawyer” und “Huckleberry Finn” sammelt Material für sein nächstes Buch. Zwei Jahre später erscheint “A Trip Abroad”, zu Deutsch “Bummel durch Europa”. Es ist sein zweiter Reiseroman, 1869 hat ihm der erste, “The Innocents Abroad”, weltweit den literarischen Ruf gesichert.

 

Einer, der sich mit der gesprochenen deutschen Sprache versöhnlich zeigt, ist Rufus Beck. Der Schauspieler und die deutsche Stimme der Harry Potter-Hörbücher liest den 720minütigen Reiseroman mit langem Atem und Bravour. Empfindsam. Rational. Empört. Entzückt. Beleidigt. Eben gerade so, wie Mark Twain Orte und Begegnungen erlebt, und wie er sich später, aus Distanz, beim Durchsehen der Notizen und Bilder daran erinnert.

 

Der wahre Reiz des Wanderns

“Der wahre Reiz des Wanderns liegt nicht im Laufen oder in der Landschaft, sondern in der Unterhaltung”, lautet einer von vielen geistreichen Kommentaren. Twain und sein Reisegefährte Harris (er hiess in Wirklichkeit Joe Twichell) kommen beim Wandern sprunghaft von der Grammatik auf die Zunft der Zahnärzte zu sprechen, flugs ist auch schon die Rede vom Tod.

 

Heute ist das anders. Zugfahren ohne Musik finden wir eine Zumutung. Genervtes Augenverdrehen, wenn Mitreisende sich zu laut unterhalten. Wandern zählen wir selten noch zu unseren Hobbys. Auch die Reisemittel sahen zu Lebzeiten des Schriftstellers anders aus. Man bewältigte noch hunderte Kilometer zu Fuss und zu Pferde. Aus Twains und Harris geplanter “Fussreise” wird jedoch ein Bummel, so sind die beiden nicht selten mit Kutsche oder Dampfschiff unterwegs. Den Neckar gleiten sie wie Huckleberry Finn auf einem Floss hinab. Eine wunderbare, leise Szene.

 

Das moderne französische Fechtduell

Und in Heidelberg gibt sich Twain dem “Lärm” einer Oper hin. Diese Musik zu mögen sei wohl “das folgerichtige Ergebnis von Gewohnheit und Bildung”. Überhaupt: Diese Europäer! In ein und demselben Land stossen Twain und Harris auf die “gusseiserne Gleichgültigkeit” in der “geistlosen” Stadt Baden-Baden und als nächstes auf den mit “reizendem Märchenzeug” ausgestatteten Schlossgarten Heidelbergs. Während in Frankreich edle Herren eigenartige Fechtduelle austragen. “Wie sehr das moderne französische Duell von gewissen Neunmalklugen auch lächerlich gemacht wird, ist es in Wirklichkeit doch eine der gefährlichsten Einrichtungen unserer Tage”, schreibt Twain. Schliesslich sei es so gut wie sicher, dass sich die Duellanten im Freien erkälten.

 

“Komödie und Tragödie liegen nah beieinander”, resümiert er weiter. Eine Mischung aus Humor und Ernst hat auch “Bummel durch Europa” inne. In erster Linie waren Twains Werke nämlich so phänomenal erfolgreich, weil Mark Twain selbst “sehr lustig war”, so Peter Messent, Professor für amerikanische Literatur an der Universität Nottingham.

 

Alpenparadies Schweiz?

Manchmal ist der Schriftsteller selbst unfreiwillig die Pointe. Er tut, was alle anderen Touristen tun – und karikiert so hoch komisch das Geschäft mit dem Reisen. In den Florentiner Uffizien entgeistert ihn die “Feigenblattplage” auf den Statuen und Gemälden. In Luzern überquert er die “krumme alte gedeckte Holzbrücke” (Kapellbrücke). Natürlich unternimmt er auch ausgedehnte Expeditionen in die Schweizer Alpen. Entschleunigt und unberührt bedeuten sie für Twain einen Gegenpol zum Amerika des rasanten technischen Fortschritts.

 

Unberührt? Entschleunigt? Weit gefehlt: Das selbsternannte Bergparadies Schweiz ist am Ende des 19. Jahrhunderts Pionier, was Sonderangebote für die Touristen aus England und Amerika betrifft, die in Scharen Europas Tausender erklimmen. Auf der Rigi Kulm bewundern Twain und Harris einmal, wie die Sonne unter- statt aufgeht. Sie haben just den Sonnenaufgang in den Alpen verschlafen, der ihr Reisehandbuch doch so wortreich angepriesen hat. In tadelloser deutscher Sprache.

 

Mark Twain: Bummel durch Europa. Gelesen von Rufus Beck, Hessischer Rundfunk 2010. Ab 12 Jahren.

Links

  • Diese Buchkritik erschien erstmals bei Leporello, dem Kulturmagazin für Kinder und Jugendliche.