Kultur | 13.12.2010

“Wir stecken in einer Revolution”

Eine Diagnose der Medien-Schweiz von Rainer Stadler, Medienjournalist bei der Neuen Zürcher Zeitung. Zur Zukunft der Schweizer Presse sagt er: "Alles ist offen".
Werden die Zeitungen überleben? Sie werden, meint Rainer Stadler. "Neue Angebote entwickeln, auch ausserhalb des Internetbereichs", beschreibt er die Neupositionierung der Medien.
Bild: zVg

Im Februar 2009 läuteten Sie in einem Leitartikel in der NZZ den Untergang der “alten Medien-Schweiz” ein. Was verstehen Sie darunter?

Rainer Stadler: Eine Zeitungslandschaft, die vor allem aus einer Vielfalt von Pressetiteln besteht. Tageszeitungen, die über das Wichtigste aus Politik und Wirtschaft informieren, erbrachten bisher die Kernleistung der Schweizer Medien. Und diese haben nun ein grosses finanzielles Problem. Im Moment ist es unklar, wer eigentlich die Presse ablösen könnte, falls sie einbricht. Ich wollte einfach ein Problembewusstsein unter den Lesern schaffen, indem ich einen dramatischen Titel wählte.

 

Wie sieht Ihre Diagnose für die Presselandschaft der Schweiz heute aus?

Von der Nutzung her gar nicht so schlecht. Laut Forschungszahlen wird die Presse immer noch sehr stark genutzt. Es gibt zwar einen Leser- und einen Auflagenrückgang, aber auch der ist nicht so dramatisch. Die Werbung ist aber dramatisch zurückgegangen und das höhlt eine wesentliche Finanzierungssäule der Presse aus. In den letzten zehn Jahren sind ein paar 100 Millionen aus der Schweizer Pressewerbung verschwunden, dies hat man mit Einsparungen, Fusionen und Einstellungen kompensieren müssen. Die Folge ist ein schmaleres redaktionelles Angebot, was wiederum die Vielfalt der Meinungen und Informationen schmälert.

 

Wo sehen Sie die Hauptursachen für den Wandel in der Presselandschaft?

Erstens beim Satellitenfernsehen, das in den 80er-Jahren aufkam. Auf einmal konnte man viel mehr Sender empfangen in der Schweiz. Damit verteilten sich die Aufmerksamkeit der Leute und auch die Werbeströme. Zweitens beim Internet: Vor 20 Jahren hatten wir die Wochenendausgabe der New York Times abonniert, ein dickes Paket, das jeweils mit dem Flugzeug kam. Entsprechend teuer war ein Abonnement. Und jetzt klicke ich einfach einmal, bin bei der New York Times und habe die Informationen täglich, minütlich. Insofern stehe ich als Onlineredaktor in direkter Konkurrenz zur New York Times, aber auch zu Unterhaltungsangeboten wie Onlinespielen oder Facebook, die ebenfalls nur einen Klick weit entfernt sind. Kurz gesagt: Die Digitalisierung und Elektronisierung von Information haben diesen grossen Wandel bewirkt, und jetzt befinden wir uns in einer Revolution.

 

In einer Revolution?

Ich denke schon, es ist nicht abzuschätzen, was in vier Jahren ist, welcher Kanal morgen mehr Bedeutung bekommt und was sich als Blase entpuppen wird. Zum Beispiel hat Rupert Murdoch eine Musikplattform aufgebaut und ist nun damit gescheitert, Apple hingegen hat Erfolg. Da investiert man x Millionen in so eine Plattform – und dann floppt sie. Die NZZ kann es sich nicht leisten, so viele Millionen zu investieren mit dem Risiko, dass sich das Geld in zwei Jahren in Luft auflöst. Das sind die Probleme, mit denen sich alle Medien beschäftigen.

 

Am Forum “Staat und Medien in der Demokratie” im November zeigten Sie sich auch skeptisch, was die Onlineangebote der Zeitungen angeht. Sehen Sie auch eine Chance im Internet?

Im Internet kann man extrem spannende Sachen machen, aber man muss es finanzieren können. Im Moment sieht es nicht danach aus, als würden viele Werbegelder in Informationswebseiten fliessen. Gleichzeitig sind die Leute nur begrenzt bereit, für Onlineinformationen zu bezahlen. Als emanzipierter Nutzer lebe ich zurzeit sozusagen im Paradies. Es ist mir möglich, gratis sehr gute Informationen zu holen, weltweit. Die Frage ist aber, wie lange noch, weil das Onlineangebot in dieser Breite und Vielfalt auf Dauer nicht finanzierbar ist.

 

Gibt es einen Königsweg in die “neue Medien-Schweiz”, der neue Finanzierungsmöglichkeiten der Zeitungen verbindet mit der publizistischen Freiheit und der Qualität?

Ich denke, die Medien müssen diversifizieren, neue Angebote entwickeln, auch ausserhalb des Internetbereichs. Was auch bereits einige tun: Ringier etwa positioniert sich neu als Unterhaltungskonzern, verkauft Konzertickets und vermarktet Künstler. Man muss möglichst exklusive Informationen schaffen, für die die Leute bereit sind zu bezahlen. Aber das alles ist noch offen. Diese Neupositionierung ist das Revolutionäre in der Entwicklung, das hat es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben.

 

Mit welchen Gefühlen sehen Sie als Journalist, der schon länger im Geschäft ist, dieser Revolution entgegen?

Für Leute wie mich ist es natürlich schwierig. Wir haben gute Zeiten erlebt, und jetzt sind wir seit zehn Jahren am Sparen, was keine einfache Perspektive ist: Die Welt aus der Sicht des Sparens, des Abstiegs wahrzunehmen. Aber grundsätzlich würde ich sagen, dass eine Gesellschaft früher oder später eine Lösung für Ihre Probleme findet, sicher wird Neues entstehen.

 

Den Fall der Basler Zeitung bezeichneten Sie als Beispiel dafür, dass “Zeitungen immer noch als wichtige Foren der Öffentlichkeit angenommen werden.” Sind Sie Optimist, was die Zukunft der Schweizer Presse anbelangt?

Die Presse ist nach wie vor die wichtigste Mediengattung in der Schweiz. Es stellt sich einfach die Frage nach der langfristigen Finanzierung. Im Moment herrscht eine Grundstimmung, wonach die Zeitungen untergehen. Das bestreite ich: Zeitungen werden überleben. Ungewiss ist aber, mit wie vielen Titeln und mit welcher Berichterstattungsdichte. Gibt es am Schluss nur noch drei Zeitungen, die täglich drei Seiten publizieren? Das wäre eine dünne Suppe. Aber ich denke, so schlimm wird es nicht kommen. Kommt hinzu, dass die Schweiz föderalistisch ist. Wer liefert in einer Gemeindedemokratie den Bürgern die Informationen, wenn es die Zeitungen nicht mehr tun? Wer ist das Forum für Auseinandersetzungen zu diesen Themen? Ich kann nicht sagen, wie es ausgeht. Alles ist offen.

 

 

“In Medias Ras”


Rainer Stadler, 1958 geboren in St. Gallen, studierte Philosophie und französische Literatur und Linguistik in Zürich und Paris. Ab 1987 war er Mitarbeiter eines Pressebüros, 1989 wechselte er zur NZZ. Dort ist er zuständig für Medienpolitik, Medienberichterstattung und medienethische Fragen. Er ist hauptsächlich im Ressort Inland und für die Beilage “Medien” tätig. Jede Woche kommentiert er in seiner Kolumne “In Medias Ras” aktuelle Medienthemen. 2008 erhielt er den Zürcher Journalistenpreis für das Gesamtwerk.