Politik | 22.12.2010

Sprachlosigkeit in Worten

Text von Anonym
«Der Letzte soll das Licht ausmachen": Die Stimmung nach den Wahlen in Belarus ist bedrückt.
In diesen Lastwagen wurden Inhaftierte über 24 Stunden lang festgehalten. Doch bevor der Sturm richtig losging, verliess die Autorin den "Schauplatz".

Die Ereignisse nach der Wahl liegen schwer auf dem Magen. Ein Grossteil der Minsker Bevölkerung ist traurig, depressiv. Der Letzte, der das Land verlässt, solle bitte das Licht am Flughafen ausmachen – so ein häufig gelesener Status in Vkontakte, dem russischsprachigen Facebook. Andere organisieren Hilfe für die Inhaftierten und fordern dazu auf, warme Kleider, Essen und Wasser in die Gefängnisse zu bringen. Denn dort fehlt es an allem, die Leute werden nicht mal mit dem Nötigsten versorgt. Einige wurden bis heute Dienstagmorgen, also über 24 Stunden, in den Gefängnis-Lastwagen festgehalten, die einem Viehtransporter ähneln. Und dies bei Temperaturen unter -10 Grad.

 

Diese “Autosäcke” genannten Fahrzeuge wurden übrigens pünktlich kurz vor dem “Sturm” auf das Regierungsgebäude aufgefahren. Augenzeugen berichten, dass die Glasscheiben von kräftig gebauten Männern im typischen Zivilisten-Look eingeschlagen worden seien, während die als Polizisten verkleideten Milizionäre erst friedlich zuschauten, bis das Kommando zum Zurücktreiben der Bevölkerung kam. Wer die Krawalle mit eigenen Augen gesehen hat, ist sich sicher, dass der ganze Sturm inszeniert war.

 

Anders natürlich die Menschen, die alles nur vom belarussischen Fernsehen her kennen. Die sind nun überzeugt, dass die Opposition Jugendliche aufgehetzt und zu solchen Ausschreitungen angetrieben hat. Das Bild der undankbaren Oppositionellen, die schlechte Verlierer seien, wird fleissig verbreitet. Dabei wird betont, dass nur die Politiker der Opposition dazu fähig seien, ein derartiges Chaos zu veranstalten. Damit wird auf die grösste Angst der Belarussen eingegangen – die Angst vor chaotischen Zuständen, Unordnung, Dreck. Lukaschenko sei ja schon nicht über alle Zweifel erhaben, aber schaut euch mal die Ukraine an, dort ist alles noch viel schlimmer, lautet eine besonders auf dem Land weit verbreitete Meinung.

 

Wegen solchen und ähnlichen Statements hätte man als naiver und unpolitischer Beobachter sich denken können, dass Lukaschenko wahrscheinlich auch ohne Wahlbetrug gewinnen könnte. Vielleicht nur knapp, aber doch mehr oder weniger fair. Nach dem, was nun aber passiert ist, scheint klar: Wenn man so ein Nachspiel braucht, sein Volk so erschrecken und zermürben muss, dann kann irgendwo etwas nicht stimmen.

 

 

Info


Die Autorin lebt und arbeitet für ein Jahr in Minsk, Belarus. Sie arbeitet als Langzeitfreiwillige im EVS (European Volunteer Service) bei einer regierungsunabhängigen Organisation für blinde Jugendliche. Dies konnte ermöglicht werden durch die Zusammenarbeit des SCI Schweiz und der New Group SCI Belarus und dank der Finanzierung durch Jugend in Aktion. Aus Selbstschutz möchte die Autorin anonym bleiben, so lange sie noch in Belarus arbeitet.