Kultur | 07.12.2010

Musik ist nichts, worüber du schreibst

Mando Diao veröffentlichten eben ihr MTV-Unplugged Konzert, ihre sechste Platte in acht Jahren. Tink.ch traf die beiden Sänger und sprach mit ihnen über ihr mögliches Ende, ihre Fans und ihre Kritiken.
Björn und Gustav von Mando Diao.
Bild: Martin Sigrist Die beiden Sänger von Mando Diao. Ben Moser

Ihr habt mal gesagt, das Schwedische an eurer Musik sei der kühle und melancholische Teil. Draussen ist das perfekte Wetter dazu.

Gustaf Norén: Ja, es ist das gute Wetter für jede künstlerische Arbeit. Künstler sind sehr langsame Menschen, die noch langsamer werden, wenn es zu warm wird. Die Kälte holt uns am Morgen aus dem Bett.

Björn Dixgård: Wir sind kreative Faulenzer.

 

Eben habt ihr euer MTV Unplugged Album veröffentlicht. Waren das die Kreativen oder die Faulenzer in euch?

Gustaf: (lacht) Es war etwas zu viel für uns, so viele Alben in diesen wenigen Jahren. Aber es war einfach eine zu gute Möglichkeit, um sie abzulehnen. Wir wollten eigentlich nicht unsere Karriere zusammenfassen, wenn sie noch nicht zu Ende ist, aber es ist gleichzeitig sehr schwierig, ein Unplugged-Album zu machen, wenn die Karriere bereits vorbei ist. Es war eine grosse Ehre, ein solches Angebot zu erhalten. Nach diesem Album kommt etwas Neues. Es erinnert dich nicht mehr unsere alte Ära. Wir gehen in ein neues Jahrzehnt.

Björn: Es war ein gutes Ende für das erste Kapitel von Mando Diao, so sehe ich das. Wir wissen nicht, was danach kommt, aber wir hoffen auf etwas Frisches.

 

In Interviews mit euch hat sich der Fokus verschoben. Es geht nicht mehr um eure angebliche Arroganz sondern um euer nahendes Ende.

Gustaf: Ja, wann wird es enden? Es wird enden, wir können das nicht mehr sehr lange machen. Das einzige was ich weiss, ist, dass es ein weiteres Album geben wird von Mando Diao. Aber bereits bei den letzten drei Alben hatte ich immer das Gefühl, es sei das letzte Album von uns. Eines Tages wird es das letzte sein. Wenn ich Geld wetten müsste, würde ich uns vielleicht noch drei weitere Jahre geben.

Björn: Wir sind keine Band, die zehn Jahre voraus plant, oder die sich gegenseitig verspricht, noch fünf weitere Alben zu machen. Das wäre dumm.

 

Björn, vor drei Jahren von mir auf eure immer schlechter werdenden Konzerte angesprochen, meintest du, ihr wüsstet nicht mehr genau, was und wohin ihr wollt, dass ihr eine Pause bräuchtet. Hat sich da etwas geändert? Eine wirkliche Pause hattet ihr in der Zwischenzeit ja nie.

Gustaf: Die letzte Tour war sehr gross, also schwierig zu vergleichen mit dem, was wir vor drei Jahren gemacht haben. Bei der letzten Tour war mehr Produktion dahinter, mit MTV Unplugged haben wir viel gelernt, gerade wie wir auf die Szenographie schauen können, denn du brauchst auch einen Plan oder eine Geschichte für eine gute Show. Bei 200 Shows pro Jahr hatten wir bisher keine Zeit, uns darüber Gedanken zu machen. Im letzten Jahr hatten wir vermehrt die Möglichkeit dazu. Bezüglich der Performance und der Show konnten wir viel entscheiden und selbst planen.

Björn: Wir haben gelernt, dass wir keine normale Show machen müssen. Rock Shows sind sehr statisch, die meisten Bands haben gleiche Produktion und Licht, aber eigentlich kannst du alles machen, das ist toll. Wir haben diesen Sommer ein Konzert von Empire of the Sun gesehen, das war eine tolle Show, so etwas habe ich noch nie gesehen. Die hatten eine klare Geschichte vom ersten bis zum letzten Song. Damit ist uns klar geworden, dass wir bei Auftritten wirklich alles machen können.

 

Für diese Veränderung braucht es aber auch andere Musik.

Gustaf: Ja, natürlich, aber es ist nicht wirklich etwas anderes, denn wir waren immer ähnlich inspiriert. Das Meiste kommt von der American Black Musik, fast alles, was wir uns anhören, seit wir sechs Jahre alt sind. Nebenbei natürlich auch Beatles, die Stones und Frank Sinatra, aber sonst immer die American Black Scene.

Björn: Ich verstehe nicht, warum sich Weisse nicht mehr schwarze Musik anhören, gerade in England hören sie sich nur ihre eigene Musik an.

Gustaf: Es ist ein Absonderungs-[Segregation]Problem in Europa, es wird immer nationalistischer. Die Leute versuchen sich nur bei sich selbst zu inspirieren, nicht bei ihren Nachbarn. Es ist egoistisch, nur noch bei deinen dir nächsten zu schauen. Lady Gaga wird in Europa immer gewinnen gegen Mary J. Blige. Wir machen schon für so lange Zeit Musik, wir denken nicht in solchen Strukturen, in Farben oder Kulturen. Es geht um die Essenz der Musik, und die kommt von der Black Music of America.

 

Klischees und Kategorien haben auch euch geholfen. Schwedischer Indie Rock war ein grosses Ding vor fünf oder zehn Jahren. Davon habt auch ihr bei eurem Start profitiert, selbst wenn es nicht euer Ziel war.

Gustaf: In deinen Augen waren wir immer ein Teil dieser Szene. Meine Ansicht dazu zählt nicht. Musikjournalismus schreibt sich selbst, kreieren die Stile und benennen die Künstler, damit haben wir nichts zu tun. Es gab diese Szene in Schweden schon eine Weile. Seit zehn Jahren ist alles schon sehr ähnlich, es ist eine Inzucht, eine gegenseitige Beeinflussung. Diese Leute gehen und schreiben Musik für ihre Freunde, die Journalisten oder ebenfalls Musiker sind.

Björn: Wir waren immer auf uns selbst gestellt, immer ausserhalb dieser Welt in Schweden. Wir fühlten, dass wir nicht zu dieser Szene gehören.

 

Dieses Denken in Szenen, ein Teil des Journalismus, ist Kritisieren und eben Etikettieren.

Gustaf: Es macht Musik für die Leute verständlich, denn die Leute sind dumm und sie brauchen es, dass man ihnen sagt, was sie sich anhören sollen. Doch Musik ist nichts, worüber du schreiben kannst. Es ist etwas, was Leute einfach mögen oder nicht, ohne zu wissen warum. Mein intensivstes musikalisches Erlebnis hatte ich, bevor ich lesen konnte. Damals habe ich Musik noch auf eine andere Art wahrgenommen. Ich mag Bands nicht, über die ich schon gelesen habe, denn dann habe ich bereits eine bestimmte Meinung über sie. Musik ist so einfach, du hörst sie dir an und da ist sie. Leute sind einfach ein bisschen zu faul, daher brauchen sie Journalisten, die ihnen einen Weg zeigen, wie sie ein Gefühl über Musik haben. Es scheint nicht genug zu sein, Musik einfach zu mögen. Die Menschheit ist nicht selbstsicher genug, dass sie sich bedingungslos Musik anhören kann. Das ist traurig.

 

Du zeichnest kein gutes Bild von euren Fans.

Gustaf: Die reagieren auf Musik wie alle darauf reagieren. Ich mag niemanden, der Mando Diao nur mag, weil er etwas über uns gelesen hat oder ein Album nur auf Grund einer Kritik in einem Magazin kauft.

 

Aber ihr braucht die Medien, dass die Leute überhaupt von euch erfahren.

Gustaf: Ja, wir hatten während unserer ersten zwei Jahre einen Hype, aber das brachte uns gleichzeitig viele falsche Fans, die unsere Musik hören, indem sie darüber lesen. Die hören sie nicht, sondern lesen sie. Dabei gibt es Bücher, die du lesen kannst. Du fühlst bei Musik etwas, aber dieses Gefühl ist so abstrakt, du willst es beschreiben und weitergeben, darum gibt’s Schreiber über Musik, darum gibt’s Poesie über Liebe. Das ist aber nur eine Reflektion der echten Gefühle.

 

 

Verlosung


Tink.ch verlost drei signierte Ausgaben des neuesten Albums von Mando Diao. Eine Mail mit dem Betreff Mando Diao bis am 12. Dezember 2010 an martin.sigrist@tink.ch, Adresse nicht vergessen.

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