Kultur | 21.12.2010

„Ich habe immer Hoffnung!“

Text von Amadis Brugnoni | Bilder von Amadis Brugnoni
Sebastian Kölliker ist einer der fünf neuen Vorstandsmitglieder des Jugendkulturfestivals in Basel. Was sich am Festival ändern wird und wie sich die Jugendkultur überhaupt gestaltet, erzählt er in einem Interview mit Tink.ch.
Sebastian Kölliker im neuen JKF-Büro. Zum Glück ohne Beldona-Kalender.
Bild: Amadis Brugnoni

Ich treffe das neue Vorstandsmitglied des Jugendkulturfestivals Basel (kurz JKF) im gerade erst neueröffneten Stellwerk im Bahnhof Basel St. Johann, wo sich das Büro des JKF befindet. Die Treppe zum Eingang ist noch provisorisch, die Türrahmen sind vor fünf Minuten gestrichen worden und im Gang verhallen die letzten Einsätze der Schleif- und Bohrmaschinen. In einem kleinen Büro erwartet mich Sebastian Kölliker vor einem riesigen Computer-Bildschirm. Die Wände sind mit JKF-Plakaten geschmückt. Sebastian entfernt noch schnell einen Beldona-Unterwäsche-Kalender von der Wand. „Nicht, dass der noch aufs Foto kommt.“

Doch wir sind nicht hier, um uns über Frauenunterwäsche, sondern über Jugendkultur zu unterhalten. Denn im September 2011 ist es wieder soweit und das Festival bringt während zwei Tagen auf elf Bühnen mit 180 verschiedenen Formationen die Stadt Basel zum Beben.

 

Das JKF hat also eine neue Leitung?

Eine neue Leitung mit vielen Änderungen: Wir legen mehr Gewicht aufs Freestyleprogramm, welches neu auch Sport enthält und wir wollen ein noch breiteres Spektrum der Jugendkultur zeigen.

 

Es wird also alles besser?

Wenn es überhaupt besser werden kann als im Jahre 2009, dann wird es selbstverständlich besser! (lacht)

 

Und was soll denn besser werden?

Läuft man mal durch die Stadt, dann sieht man viele Skater oder Leute, die Parcours machen. Wir versuchen, Sport im Allgemeinen aber vor allem auch solche Szenesportarten ins Festival zu integrieren.

Ausserdem hoffen wir, dass uns die Leute durch das Freestyleformular etwas vorschlagen werden, wovon wir keine Ahnung haben oder was bis jetzt im Festival keinen Platz gefunden hat.

 

Ihr wollt mit dem Jugendkulturfestival ein breiteres Spektrum der Jugendkultur vertreten. Hast du denn das Gefühl, die Jugendkultur werde in Basel nicht genug gefördert?

Die Jugendkultur an sich wird in Basel schon respektiert. Liest man aber den neuen Entwurf des Kulturleitbildes von Basel, so kommt die Jugendkultur darin nicht vor. Das ist schade. Zum Glück wird die Jugendkultur noch partiell gefördert. So bekommt das Jugendkulturfestival von den Lotteriefonds beider Basel wichtige Geldbeträge. Auch Institutionen wie die Christoph-Merian-Stiftung oder die „Gemeinschaft für das Gute und Gemeinnützige“ in Basel (GGG) fördern die Jugendkultur. Aber ich habe das Gefühl, dass der Staat selbst der Jugendkultur zu wenig Respekt schenkt. Es geht dabei nicht nur um finanzielle Mittel, sondern auch um Wertschätzung und Akzeptanz oder darum, Freiräume zur Verfügung zu stellen.

 

Fehlt diese Akzeptanz nur beim Staat, respektive in diesem Fall beim Kanton, oder auch bei der Bevölkerung?

Ich glaube, dass die Jugendkultur den öffentlichen Raum aufwertet und somit auch die Akzeptanz der Bevölkerung gestiegen ist. Junge Menschen steigen nicht mehr auf so skandalöse Dinge wie die „Botellóns“ ein. Die Bevölkerung steht der Jugend gar nicht so kritisch gegenüber, wie man immer glaubt.

 

In Basel stöhnen die Jugendlichen immer, dass es keinen Raum gäbe. Ist das so oder sind die Kulturschaffenden einfach zu faul, sich ihren Raum und die finanziellen Mittel zu erkämpfen?

Als erstes muss man darauf hinweisen, dass der Kanton Basel-Stadt sehr klein ist. Daher gibt es einfach wenig Raum in Basel. Aber es war schon ein bisschen so, dass sich die Jugendlichen im Speck vom NT-Areal gesuhlt haben und nun durch die Überbauung des Areals ein Privileg verlieren. Aber die Jugendlichen wissen, dass sie sich jetzt einen neuen Platz erkämpfen müssen. Sehr bald wird gar kein Platz mehr auf dem NT-Areal zur Verfügung stehen und dann wird man bemerken, dass sich die Tausende von Jungen, welche heute am Wochenende den Freiraum nutzen, nicht in Luft auflösen, sondern sich einen anderen Ort suchen werden.

 

Weshalb suchen sich denn die Jugendlichen ihre eigene Kultur?

Die Jugendlichen bilden eine eigene Generation, die einen Zeitgeist auslebt. In den Achtzigern bildeten sich autonome Jugendzentren, in den 90er-Jahren ist es dann eine Kommerzjugend geworden und heutzutage gibt es immer mehr Bestrebungen, wieder vom Kommerziellen wegzukommen. Die Jugendlichen grenzen sich zu anderen Generationen ab und bilden eine Gruppe, die ihre eigene Kultur hat.

 

Jugendlichen wird jedoch vorgeworfen, sie würden sich keine Meinung bilden, nicht wählen gehen und hätten keine eigenen Ideen mehr. Wird die Jugendkultur nicht von Fernsehshows und Kulturmarketing völlig beeinflusst beziehungsweise manipuliert?

Klar, man muss aufpassen, dass man nicht abstumpft. Es gibt viele Menschen, die von acht bis 17 Uhr arbeiten und danach nach Hause gehen und ein Bier vor dem Fernseher trinken. Es gibt aber sicher genau so viele Menschen, die sich neben ihrer Arbeit freiwillig in Kulturbereichen engagieren, Energie und Freude in Vereine investieren und so für andere Menschen einen Mehrwert schaffen, ohne selbst einen Rappen dabei zu verdienen.

Die junge Generation heute hat sich zu der von gestern nicht wesentlich verändert. Es gab schon immer diejenigen, welche nach der Arbeit froh waren, den Rest des Tages vor dem Fernseher zu verbringen – das ist seit den 60er-Jahren so.

 

 

Ich möchte zu diesem Thema auf die Einschaltquoten zweier Samstagabendshows hinweisen: Am 6. November erreichte die RTL-Show „Das Supertalent“ eine Einschaltquote von 4.44 Millionen und „Wetten, dass…?“ eine von 2.87 Millionen Zuschauern im Alter zwischen 14 und 49 Jahren. Das sind schon grosse Massen.

Da kann ich nur eine Gegenfrage stellen: Was ist so schlimm daran? Viele dieser Millionen von Zuschauern sind nach der Unterhaltungsshow hinaus gegangen und haben sich mit anderen Menschen getroffen.

 

Du hast also noch Hoffnung?

Ich habe immer Hoffnung. Sonst könnte ich meine Sachen gleich packen und nach Hause gehen.

 

 

Info


Das Jugendkulturfestival sucht noch Teilnehmende. Anmelden können sich Musiker und Bands, Tanz- und Theatergruppen, Filmemacher, Standbetreiber, Helfende und alle anderen mit guten Ideen. Diese können via Freestyleformular eingereicht werden.

 

Anmeldeformulare und Bedingungen auf www.jkf.ch. Anmeldeschluss ist der 31. März 2011.