Kultur | 06.12.2010

Fataler Kuss am Bahnsteig

Text von Carmen Ferri | Bilder von Tine Edel
Tim Kramer, Schauspieldirektor am Theater St.Gallen, inszenierte Ödön von Horváths "Der jüngste Tag" in der Lokremise. Die Geschichte spielt an einem kleinen Bahnhof. Viel los ist dort nicht, ab und zu fährt ein Zug vorbei; noch seltener hält einer.
Die Bürger der Kleinstadt begutachten die Unglücksstelle.
Bild: Tine Edel

Thomas Hudetz (Mirko Roggenbock), Bahnhofsaufseher, ist für das Stellen der Weichen zuständig. Stets pflichtbewusst, wie er selbst betont, sorgt er dafür, dass auf dem Bahnhof alles rund läuft. Eines Tages taucht jedoch Anna auf (Hanna Binder), lebhafte und emotionsgeladene Wirtstochter. Obwohl sie eigentlich Ferdinand dem Metzger (Fredrik Jan Hofmann) versprochen ist, versucht sie, den Bahnhofsaufseher zu bezirzen. Doch dieser geht nicht auf ihre Avancen ein. Anna lässt in ihrer kindlichen Naivität und Verspieltheit jedoch nicht nach und küsst den Bahnhofsaufseher unerwartet und heftig auf den Mund. Thomas Hudetz vergisst in der Aufregung das Signal für den vorbeieilenden Zug zu tätigen, was fatale Folgen für 18 Menschen hat. Der Zug entgleist und viele Passagiere und der Zugführer finden den Tod.

 

“Nicht schuldig!”

Im Gespräch mit dem Staatsanwalt (Matthias Albold) schwört Anna unter Eid, dass der Bahnhofsaufseher Hudetz nicht für das Unglück verantwortlich gemacht werden kann, da er das Signal rechtzeitig betätigt habe. Was die beiden allerdings nicht ahnen ist, dass Hudetz Frau (Annette Wunsch) die beiden von ihrem Fenster aus beobachtet hat. Da allerdings das Gerücht umher geht, dass Frau Hudetz geistesgestört und ausserdem sehr eifersüchtig sei, da sie einige Jahre älter als ihr Ehemann ist, will ihr niemand Glauben schenken und alle vertrauen dem unschuldigen Wirtstöchterchen. Die Geschichte hätte an dieser Stelle enden können, doch Anna plagt fortan das schlechte Gewissen und sie sucht das Gespräch mit Thomas Hudetz. Dieser allerdings ist dem Gedanken verfallen, unschuldig zu sein und will von den Gewissensbissen seiner Verehrerin vorerst nichts wissen.

 

Echtes Bahnhofs-Flair

Der Theaterraum in der Lokremise bietet ein einmaliges Ambiente, öffnet sich doch die Bühne zum St. Galler Hauptbahnhof hin, welche sich als Schauplatz für Horvaths Stück gerade zu perfekt eignet. Das Bühnenbild (Gernot Sommerfeld) besticht durch seine Schlichtheit. So finden sich nur ein paar wenige Requisiten auf der Bühne; so auch neun Bahnhofsuhren, welche hoch über den Köpfen hängen und jeweils unterschiedliche Zeiten angeben. Daneben ein Kiesplatz, einzelne Bäume und ein Kubus, welcher sich drehen und auf der einen Seite als Fahrkartenhäuschen und auf der anderen Seite als Bar verwenden lässt. Der “verwandelbare” Würfel erweist sich als praktisches Utensil, da er sich mit nur einer Drehung in die jeweilige Szene eingliedern lässt. Er ist sogar so praktisch, dass die Darsteller gleich selber ihr Bühnenbild umkonstruieren können. Ein unglücklicher Entscheid, da dadurch die Illusion des Schauspiels ein wenig verloren geht. Für reichlich Illusion sorgt indes Rolf Irmer, welcher mit seinen Lichtspielen stets das Gespielte wiedergibt, mal grell weiss, dann betörend rot, aber ohne dabei kitschig zu wirken. Besonders in der Szene, als Anna und Hudetz sich einander hingeben, lässt sich ein kleiner Hitchcock der Lichttechnik hinter der Bühne vermuten, welcher Wahnsinn und Liebe – welche bekanntlich oft beieinander liegen – nahezu verschmelzen lässt.

 

Stefan Röhrles Kostüme sind weder atemberaubend, noch äusserst fantasievoll, genau so wie es sich eben für Kleinstadtbürgerinnen und -bürger gehört. Röhrle gelingt es, mit seinen Kostümen die jeweilige Lebenseinstellung und Situation der Figuren einzufangen und wiederzugeben. So erscheint Frau Hudetz zu Beginn in einem roten Kleid, was ihre “Andersartigkeit” – wie zunächst vermutet wird – unterstreichen soll. Als dann aber ihre Unschuld bewiesen ist, tritt Frau Hudetz im unschuldigen Weiss auf.

 

Durchtriebene Kleinstadtbewohner

Mirko Roggenbock als Thomas Hudetz überzeugt in seiner Rolle. Er spielt mal den Unnahbaren, dann den Verletzlichen, wird zum Auferstandenen und verfällt schliesslich dem Wahn. Dabei weiss er seine Stimme gekonnt einzusetzen, spricht klar und deutlich, ohne dass seine Figur dabei an Glaubwürdigkeit verliert. Bei seinem Gegenpart, Hanna Binder als Anna, ist man sich jedoch als Zuschauer im Unklaren, ob man das junge Mädchen nun hassen oder lieben soll. Einerseits gelingt es Hanna Binder das Fräulein richtig naiv und unschuldig zu spielen, andererseits kann man den Hundeblick, mit welchem sie ihren fiktiven Geliebten anschaut, bald nicht mehr ertragen. Dennoch lässt sich Potential in der 25-Jährigen vermuten, da in ihrem Falle weniger manchmal vielleicht mehr wäre. Annette Wunsch, als verschmähte Ehefrau und vertriebene Kleinstadtbewohnerin, bewegt das Publikum in ihrer verletzlichen aber dennoch geraden Art. Ihre scharf geschürzten Lippen und die blitzenden Augen, als ihr Ehemann sie aufsucht, gehen unter die Haut.

 

Auch Boglárka Horváth als Bardame Leni schafft es, auch als Hochschwangere vulgär zu wirken; eine Frau, die sich nicht zu schade ist, mit der eigenen Spucke den Tresen zu wischen. Bruno Riedl als Annas Vater, Matthias Albold als Rechtsanwalt, Fredrik Jan Hofmann in der Rolle des Verlobten, Diana Dengler als allwissende Frau Leimgruber und Alexandre Pelichet als Bruder der verstossenen Frau Hudetz, spielen ihre Figuren teilweise klischeehaft, grob und altklug, andere sind verletzlich, wenn nicht gar verzweifelt und fügen sich herrlich in die versnobte Kleinstadt ein. Einen echten Charakter verkörpert der Waldarbeiter (Hans Rudolf Spühler): Betrunken, laut und noch lauter hockt er da, säuft sein Bier, gibt seine Meinung über die aktuellen Geschehnisse preis und hackt am Ende wieder friedlich sein Holz, als wäre nichts gewesen.

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