Gesellschaft | 20.12.2010

“Eigentlich will man Einkommen, nicht Arbeitsplätze erhalten”

Text von André Müller | Bilder von André Müller
Christian Müller (29) ist Mitbegründer der Agentur mit Grundeinkommen. Die Agentur will zu einer breiten Diskussion über das Grundeinkommen beitragen und das Thema der Bevölkerung näher bringen. Tink.ch sprach mit ihm über die Vor- und Nachteile einer revolutionären Idee.
"Alle, die so leben wollen wie bislang, können das weiterhin tun."
Bild: André Müller

Tink.ch: Was ist eigentlich das Grundeinkommen?

Christian Müller: Es ist ganz einfach. Das Grundeinkommen ist ein Geldbetrag, welcher jedem Menschen in diesem Land monatlich und bedingungslos zur Verfügung gestellt wird. Das könnten geschätzt rund 2’500 Franken sein.

 

Wichtig ist, dass das Grundeinkommen in die bereits bestehenden Einkommen hineinwächst, seien dies Löhne oder andere Transferleistungen. Nur diejenigen, die heute weniger erhalten, hätten mit einem Grundeinkommen sicher mehr.

 

Du sprichst von 2’500 Franken. Wie kommt diese Zahl zustande?

Man soll mit diesem Geld in einem bescheidenen Mass leben können, so dass man auch am öffentlichen Leben teilhaben kann. Man kann auch einmal ins Kino gehen oder sich einen Pullover kaufen, auch wenn man bereits zwei im Schrank hat. Man lebt nicht an der Armutsgrenze.

 

Die Schweiz hat ja eigentlich eines der besten sozialen Sicherungssysteme der Welt. Warum braucht es da ein bedingungsloses Grundeinkommen?

Man muss sich zunächst überlegen: Wann ist ein Sozialversicherungssystem gut? In der Schweiz haben wir ein relativ stark ausgebautes System mit Beträgen, die in den meisten Fällen zum Leben reichen. Von daher ist es gut. Daneben gibt es einen negativen Drehtüreneffekt: Die Menschen fallen bei der einen Versicherung raus und kommen bei der anderen wieder hinein, das ist nicht gut.

 

Dann sollte man sich fragen: Wie fühlt sich der Mensch, der in diese Sozialversicherungsmaschine hineingerät? Man muss sich, je nach Lebenslage, bis auf die Unterhosen ausziehen, damit man dieses Geld überhaupt erhält. Danach erhält man jeden Monat einen Scheck, auf dem “Verlierer” steht. Man erhält Geld, ist aber stigmatisiert.

 

Es geht also auch um die Bewertung von Arbeit in unserer heutigen Gesellschaft. Bislang war es das Ziel aller Politiker, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Götz Werner, deutscher Unternehmer und Befürworter des Grundeinkommens, entgegnet, es sei die Aufgabe der Wirtschaft, den Menschen von der Arbeit zu befreien. Ist es nun gut oder schlecht, wenn weniger gearbeitet wird?

Es ist die Frage, welche Arbeit gemeint ist. Dank der fortschreitenden Technologisierung der Produktion werden die klassischen Arbeitsplätze im Fertigungsprozess abnehmen, das ist an sich eine gute Entwicklung. Die Arbeit, welche sonst anfällt, wird durch den Fortschritt überhaupt nicht verringert. Das ist Arbeit, die mit Menschen zu tun hat: Im Pflegebereich, in der Erziehung und Kinderbetreuung. Auch in der Landwirtschaft, bei Tierhaltung und Fleischproduktion finde ich es keine gute Entwicklung, wenn immer mehr rationalisiert wird. Es gibt viel Arbeit in diesen Bereichen, die heute nicht geleistet wird, weil niemand dafür zahlen will. Das Grundeinkommen subventioniert diese Arbeit und macht es den Menschen möglich, hier mehr Zeit zu investieren, was wünschenswert ist.

 

Jeder, der heute sagt, er wolle Arbeitsplätze erhalten, will eigentlich Löhne und Einkommen erhalten, das ist ein grosser Unterschied. Das Grundeinkommen will in erster Linie diese Einkommen sicher stellen, und nicht Arbeitsplätze.

 

Es folgt die Gretchenfrage: Wie soll das Grundeinkommen finanziert werden?

Zunächst ist noch die Frage wichtig, wie viel es kosten würde: Das wären insgesamt knapp 200 Milliarden für die Schweiz. Das ist viel Geld. In vielen Löhnen ist das Grundeinkommen allerdings bereits enthalten und wird nun einfach bedingungslos ausgezahlt. Dann kann ein Grossteil der Sozialleistungen und Transferleistungen abgezogen werden, welche man bereits heute auszahlt: Sozialversicherungen, Erwerbsersatz, Subventionen für die Landwirtschaft, Stipendien. Diese werden um den Betrag des Grundeinkommens verringert. Dann bleiben rund 25 Milliarden, welche noch fehlen, was lediglich rund 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht. Diese müssen mit Abgaben oder Steuern organisiert werden. Hierzu gibt es verschiedene Modelle, welche im klassischen politischen Prozess bewertet werden können.

 

Eine Variante, die gut zur Idee des Grundeinkommens passt, ist die Finanzierung dieses verbleibenden Restbetrages über die Konsumsteuer. Momentan ist die Erbschaftssteuer wieder im Gespräch, längst überfällig wäre auch eine ökologische Lenkungsabgabe auf umweltschädliche Ressourcen, was eigentlich auch eine Art Konsumsteuer ist. Ich würde allerdings nicht auf eine höhere Lohnsteuer gehen, um die Einnahmen zu generieren, das beisst sich mit der Idee des Grundeinkommens. Dieses soll Arbeit ermöglichen und auch für den Arbeitgeber subventionieren, während die Lohnsteuer Arbeit bestraft.

 

Das Grundeinkommen hat weitere Folgen: Wir müssen unser Leben wieder selbst organisieren. Wir entscheiden, wann und wie viel wir arbeiten wollen. Sind wir Menschen überhaupt fähig, mit dieser Freiheit umzugehen?

Das Schöne ist, dass alle, die so leben wollen wie bislang, das weiterhin tun können und sich diese 42 Stunden vom Arbeitsprozess organisieren lassen können. Es ist auch nicht so, dass auf einen Schlag alle selbständig werden und ihren Job künden. Es gibt zum Glück viele Leute, die mit ihrer Arbeit zufrieden sind, weil sie zu ihnen passt. Und wer sich diesen Fragen und Freiheiten nicht stellen will, der kann auch weiterhin einen mühsamen Job ausführen.

 

Nun zur Grundfrage: Kann der Mensch mit dieser Freiheit umgehen? Ja, hoffentlich! Wenn er das nicht könnte, wären wir ja himmeltraurig unterwegs. Das ist eine Frage des Menschenbildes. Aber ich gehe davon aus und betrachte es auch bei mir und in meinem Umfeld, dass dies sehr wohl möglich ist.

 

Es stehen sehr unterschiedliche Leute hinter dem Grundeinkommen: Das sind Unternehmer und Selbständige, es sind auch einige linke Parteien dabei, doch die Bewegung orientiert sich nicht am klassischen links-rechts-Schema. Was verbindet eigentlich die Befürworter des Grundeinkommens?

Es sind keine Leute, welche alles so belassen wollen, wie es ist. Es sind Leute, welche die Gesellschaft in der Zukunft weiterentwickeln wollen. Danach hört es bald einmal auf mit den Gemeinsamkeiten, denn es gibt ganz verschiedene Gründe, hinter dem Grundeinkommen zu stehen. Grundsätzlich sind es aber Leute, die interessiert sind an der Mitgestaltung und Weiterentwicklung unserer Gesellschaft. Also eher liberale, nicht konservative Kräfte.

 

Was wirst du tun, solltest du ein monatliches Grundeinkommen bekommen?

Eine Idee wäre, eine Beiz aufzumachen. Ganz gerne würde ich mich mit Bildung auseinandersetzen, vielleicht eine Schule gründen. Oder in einem Magazin schreiben. Wenn das Grundeinkommen einmal eingeführt ist, wird es noch tausend andere interessante Themen geben, über die man berichten kann. Aber die Beiz, das wäre schon etwas.

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