Politik | 27.12.2010

Die Last einer ungewissen Zukunft

In der Arbeitsgruppe «Unbegleitete minderjährige Migranten« (MNA) diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über die Situation der jungen Migranten in der Schweiz. Ein heikles Thema, vor allem weil in dieser Gruppe drei MNA anwesend waren. Einer kam mit einer speziellen Botschaft und erzählte uns seine Geschichte.
Bild: Forum3 Sadou Kane aus Mauretanien: "Es ist schwierig, im Bewusstsein zu leben, dass von einem Tag auf den anderen alles vorbei sein könnte." Foto: Katharina Good

Ich heisse Sadou Kane. Ich komme aus Mauretanien, aus Westafrika, und bin nun seit eineinhalb Jahren in der Schweiz.

Ich bin hierher gekommen, weil ich Probleme hatte in meinem Land. Ich bin Waise und wohnte in einer Gastfamilie, die nicht dieselbe Religion hatte wie ich. Ich durfte nicht an das glauben, was ich wollte, und selbst wenn ich nicht sehr praktizierend bin, betrachteten mich die Leute, mit denen ich zusammenlebte, als etwas Minderwertiges. Zudem riskierte ich wegen meiner unterschiedlichen Religion mein Leben, würde ich verraten. werden Als mir dann jemand aus meinem Umfeld erklärte, wie ich in die Schweiz gelangen könnte, entschied ich mich, diese Reise zu unternehmen. Man steckte mich auf ein Boot und eines Tages kam ich in Italien an. Von dort aus brachte man mich nach Vallorbe in der Schweiz. Ich begann, Französisch zu lernen, weil ich mich richtig integrieren wollte. Ich ging in ein Bildungszentrum und machte verschiedene Praktika. Das dritte beginne ich im Dezember.

 

Nicht still bleiben

Meine Situation ist instabil und ich weiss nicht, was mich erwartet, da ich immer noch keine Antwort auf meine Asylanfrage erhalten habe. Ich weiss nicht, ob ich die Antwort noch vor meinem 18. Geburtstag erhalten werde, deshalb gebe ich mir grosse Mühe, mich zu integrieren, während ich auf den Entscheid warte. Ich glaube, dass ich es schaffe, weil ich sehr motiviert bin. Ich bin aufmerksam und engagiert. Das Schwierigste ist allerdings, dass ich nicht weiss, was mich erwartet. Die Entscheidung des Migrationsbüro wird bestimmen, ob ich meine Ausbildung weiterführen kann oder nicht. Die ganze Prozedur kann sehr lange und mühsam sein, deshalb nehme ich an Projekten wie der Jugendsession teil, um mich ausdrücken zu können und meine Meinung zu sagen, damit die Dinge fortschreiten. Das ist schon ein grosser Schritt, dass solche Veranstaltungen statt finden. Und ich ziehe es immer vor, meine Meinung zu sagen, selbst wenn es am Ende nichts ändern sollte. Ausserdem ermöglicht es mir, Personen kennen zu lernen, die in der gleichen Situation sind wie ich.

 

Sind wir nicht alle gleich?

Seit zehn Monaten lebe ich in Lausanne, in einem Heim für unbegleitete minderjährige Migranten. Das Heim ist nur für Minderjährige und ich denke, dass das besser ist, als wenn man mit Erwachsenen zusammen lebt. Doch selbst wenn wir unter Jungen sind, so kann ich nicht behaupten, dass wir besser betreut sind. Es fehlt uns an vielen Dingen. Die Unterkunft ist gut, weil wir unter Jungen dieselben Erfahrungen durchmachen. Doch es gibt gewisse Probleme. Ich kann nicht viel dazu sagen. Einfach, dass viele Dinge fehlen. Wir haben nicht die gleichen Rechte und Pflichten wie die Schweizer Kinder. Aber wir sind doch auch Minderjährige! Und nach den Kinderrechten sollten wir alle gleich sein. Zum Beispiel können manche nicht in die Schule, weil sie Probleme mit der Prozedur des Asylantrages haben. Sie haben auch kein Geld, um dafür zu bezahlen. Also warten sie darauf, 18 Jahre alt zu sein. Eines Tages werden sie volljährig und man wird ihnen nur sagen: “Es ist vorbei”. An jenem Tag wird dir niemand mehr helfen, du wirst nicht wissen, was aus dir werden wird. Es ist schwierig, im Bewusstsein zu leben, dass von einem auf den anderen Tag alles vorbei sein könnte.

 

“Es ist, als hätte ich hier das Leben entdeckt”

Trotzdem glaube ich, dass es mir hier besser geht, weil die Lebensumstände dort, wo ich früher lebte, schrecklich waren. Die Personen, die mich beherbergten, waren wie Fremde für mich. Ich machte nichts anderes als Hausarbeit, ich wurde ausgenutzt. In der Schule waren die Leute respektlos. Seit ich in der Schweiz angekommen bin, ist es, als hätte ich hier das Leben entdeckt. Ich habe vorher nie wirklich “gelebt”! Es gefällt mir, hier zu sein. Und vor allem, wenn ich mir sage, dass ich – wäre ich nicht geflüchtet – vielleicht gar nicht mehr da wäre. Trotzdem gibt es einen Gedanken, der mir nicht aus dem Sinn geht. Ich bin mir bewusst, dass ich morgen einen negativen Asylentscheid erhalten könnte und alles aufgeben müsste. Ich versuche, nicht zu viel daran zu denken, aber manchmal verliere ich die Kontrolle. Ich werde im März 18 Jahre alt und wenn mich die Schweiz rauswirft, dann kann ich mir nicht vorstellen, wie meine Zukunft aussieht.