Gesellschaft | 13.12.2010

Die Anonymitäts-Aufzugsatmosphären-Blase

Sie hat keinen Namen, sie ist 13 C. Die urbane Anonymität gibt ihr Sicherheit. Bis zu dem Tag, als aus 13B Stephan wird.
Wenn die Anonymitäts-Aufzugsatmosphären-Blase platzt, wird die Fahrt im Aufzug plötzlich ganz unangenehm.
Bild: sxc.hu / davidlat Dabei gefällt es 13 C am besten, wenn sie das Kabinchen ganz für sich alleine hat. sxc.hu / idac

Als der Mensch begonnen hat, nicht nur horizontal, sondern auch gen Himmel zu bauen, um möglichst viel Platz zu sparen und die Stadt in eine Grossstadt zu verwandeln, wurde auch die urbane Anonymität erfunden. Aus Nachbarn wurden Fremde – man wohnte nicht mehr nur in derselben Strasse, sondern auch im selben Haus. Aus drei Häusern wurden fünfzehn Stockwerke, aus zwei wurden sechzig Personen. Und statt sich kennenzulernen, liess man sich lieber in die Anonymität fallen, ins beruhigende Desinteresse und Unbekannte, welches uns half, den Alltag zu bewältigen. Ein einfaches “Hallo” reicht. Smalltalk ist nicht erwünscht. Und so wohne ich nun also seit fünf Jahren in einem Gebäude in der Vorstadt, mit fünfundsechzig anderen Personen. Dieselbe Adresse ist jedoch das Einzige, was wir teilen. Im Aufzug herrscht eine fast schon kuschelige Ruhe. Blicke werden vermieden, Berührungen sind verpönt. Ein kurzer Blick, zuckende Mundwinkel und ein gemurmeltes “Schönen Tag noch” ist das absolute Maximum an Kommunikation. Beim Lächeln Zähne zu zeigen oder gar noch versuchen, ein Gespräch zu starten, ist zwar freundlich – aber seit wann soll ein Aufzug ein Ort der Begegnung sein? Er soll uns nach oben, oder unten bringen. Nicht mehr und nicht weniger. Am liebsten fahre ich sowieso alleine.

 

Jeder Hochhausbewohner versteht mich wohl, wenn ich sage, dass Sido mit seiner “Mein-Block-Theorie” total übertreibt. Die wohlige Anonymitätsblase finde ich auch in einem anderen Hochhaus wieder. Und das ist doch ein schönes Gefühl. Dieselben Regeln des süssen “Nebeneinanderherlebens”, dieselbe Aufzugsatmosphäre und die Wand voller Briefkasten mit unbekannten Namen. Die Namen – das letzte Merkmal, dass hier Individuen leben. Aber auch die Namen sind uns am Ende doch egal. Ich bin 13 C. Und ich fühlte mich wohl. Wohl in meiner Anonymitäts-Aufzugsatmosphären-Blase.

 

Doch dann kam der Tag, als aus 13 B Stephan wurde. Und er war grausam dieser Tag. Ich glaube, es war ein Dienstag. Die Geschichte begann aber schon eine Woche vorher. An diesem Morgen wachte ich bereits mit einem mulmigen Gefühl auf. Doch aus irgendeinem Grund ignorierte ich dieses Gefühl. Als die Türglocke mich beim Kochen unterbrach, öffnete ich die Türe. In der Mitte des sonst leeren Ganges stand eine grinsende Dame mit einem Stapel Bibeln in der Hand. “Wollen Sie mit mir und ihren Nachbarn vielleicht über Gott sprechen?”, fragte sie mich direkt. Beim Wort Nachbarn wurde ich stutzig und schaute zu den sonst verschlossenen Türen nebenan. Vier ebenso verdutzte Augen glotzten mich an – 13 B und 13 A. Dieses unvorbereitete Aufeinandertreffen überforderte uns und liess den Blickkontakt länger dauern als es angemessen war. Schnell versuchten wir mit einem kurzen “Nein, Danke” und einem Nicken die unangenehme Situation zu beenden. Die Türen flogen zu. Mein Appetit war jetzt auch weg.

 

Und schon bald sah ich 13 B wieder. Wieso musste er auch zur selben Zeit nach Hause kommen wie ich. So standen wir also im Aufzug. Als die Türe sich schloss, war es wie gewohnt still und wir hatten noch 13 Stockwerke vor uns. Wieso musste er auch zur selben Zeit nach Hause kommen wie ich?

 

Kurz nach dem zweiten Stock grinste er mich freundlich an. Ich wartete weitere zwei Stockwerke, um ihm mit einer ausgeprägten Bewegung meiner Mundwinkel zu antworten. Er liess ein paar Sekunden verstreichen, bevor er mir mit einem Luftholen signalisierte, dass er zur Kommunikation ansetzen wollte. Ich strafte ihn mit einem bösen Blick und senkte diesen dann wieder zum Boden. 13 B war das wohl egal: “Wie geht’s so?” Wie es so geht? Verwundert schaute ich ihn an. Was soll denn das? Fast schon panisch schielte ich Richtung Anzeige – siebtes Stockwerk. Fluchtwege gab es hier nicht. Was fällt ihm auch ein, die Aufzugsatmosphäre, diese wunderbar ruhige Oase, zu stören? Ich versuchte es noch einmal mit einem Lächeln. Achter Stock. “Ich heisse Stephan, Stephan Kramer aus 13 B”, meinte er und schob seine Hand in mein Sichtfeld. “Ignorieren – bloss nicht in Panik geraten. Bald bin ich wieder in meiner Wohnung. 13 C”, dachte ich. Diese Unverschämtheit, einfach in meine Privatsphäre einzudringen und den Anonymitätskodex zu brechen. Dann grinste der Stephan auch noch. Elfter Stock und langsam wurde es peinlich. Er zog die Hand zurück und räusperte sich. Er schien verstanden zu haben. Zum Glück erreichten wir in diesem Moment auch das 13. Stockwerk und die Türe ging auf. «Freiheit«, wollte ich schreien, beliess es dann aber bei einem gemurmelten “Abend”. Bevor ich dann ganz hinter meiner Wohnungstüre verschwinden konnte, rief er mich noch ein “Tschüss, 13 C” nach.

 

Immer noch ein wenig paralysiert und geschockt von diesem neuen Erlebnis setzte ich mich direkt vor meinen PC und postete auf Twitter. Drei Tage später erhielt ich dann auf Facebook eine Freundschaftsanfrage von einem gewissen Stephan Kramer. Ich akzeptierte. Wir stupsen uns seither auch gelegentlich an. Im Aufzug habe ich ihn bisher nicht mehr gesehen, zum Glück.