Politik | 22.12.2010

Das bessere Argument zählt

Text von Clau Dermont | Bilder von Katharina Good
Die Jugendlichen zu einer lebendigen Diskussion anregen, ohne ihre Meinung zu beeinflussen. Die Zeit im Griff haben, ohne die Jugendlichen bei ihrem Schaffen einzuschränken. Wie ein Gruppenleiter die Jugendsession erlebt.
Clau Dermont (hinten links) mit seiner Gruppe.
Bild: Katharina Good

Im Saal erblicke ich die Gesichter von 200 jungen Menschen, die auf die Arbeit in ihren Gruppen warten. Gruppen, in denen sie vielleicht niemanden kennen. Trotzdem sind sie hier: Um sich mit politischen Themen auseinanderzusetzen, und zwar mit dem Fokus auf die Anliegen ihrer Altersgruppe.

 

Und das wollen sie bei dir, in deiner Gruppe! 13 Jugendliche mit verschiedenen politischen Positionen, von unterschiedlichem Alter und in unterschiedlichen Lebenssituationen. Eine Mischung, die genügend Zunder bietet, um eine lebendige Diskussion über die Rolle der Religionen in der Schule zu entfachen. Du musst den Jugendlichen helfen, sich auszudrücken. Denn sie sollen sich an der Diskussion beteiligen und sich zu einem Thema äussern, mit dem sie sich vielleicht noch nie umfassend auseinander gesetzt haben. Du musst Fragen stellen, die eine Diskussion anregen, die Meinung der Jugendlichen jedoch nicht beeinflussen. Schliesslich sollen die jungen Menschen selber eine Forderung erstellen.

 

Die Zeit läuft…

Diese Jugendsession ist meine fünfte. Eine habe ich als Teilnehmer und zwei als Mitglied des Forums Jugendsession erlebt. Nun bin ich zum zweiten Mal Gruppenleiter. Jede Jugendsession hat mir eine neue Sichtweise auf das Projekt Jugendsession eröffnet. Ein Projekt, das stets im Wandel ist – so gibt es jedes Jahr neue Debatten und andere politische Kontexte, welche die Forderungen und die Arbeit in der Gruppe beeinflussen.

 

Dabei ist die Zeit rar – so auch dieses Jahr. Die Diskussion mit dem Experten (alt Grossrat der EVP) und der Expertin (Geschäftsleiterin der Freidenker) braucht keine Anregung, die Teilnehmenden ergreifen das Wort und moderieren die Diskussion gleich selber. Doch auch über eine geeignete Forderung und die Formulierung mit der grössten Erfolgschance im Plenum diskutieren die Jugendlichen – was viel Zeit verlangt.

 

Das alles unter einen Hut zu bringen, verlangt ein gutes Zeitmanagement – nicht, dass der eine oder andere Punkt verloren geht. Leider rauben Projekte wie “Art of Politics” viel wertvolle Zeit. Zeit, die die Teilnehmenden für die Vorbereitung auf das Plenum einsetzen könnten. Die Gruppe sollte sich beispielsweise darauf vorbereiten, wie sie ihre Forderung dem Plenum vorstellt. Auch sollten sich die Teilnehmenden mit den anderen Forderungen auseinandersetzen, damit sie wissen, worüber sie abstimmen werden.

 

Bessere Vorbilder

Trotz Zeit- und Schlafmangel bin ich jedoch immer wieder erstaunt, mit welcher Hingabe sich die Teilnehmenden am Sonntag präsentieren. Anders als die, welche sonst auf diesen antiken Stühlen ihren Platz haben, sind die Teilnehmenden im Nationalratssaal konzentriert. Sie folgen der Diskussion und bilden ihre Meinungen aufgrund von Argumenten und nicht wegen einer Parteifarbe. Auch wenn die Polarisation der Jugendsession in den letzten Jahren zugenommen hat – Partei oder Position stehen nicht im Mittelpunkt der Session. Die Diskussion folgt meistens dem “nicht zwingendem Zwang des besseren Argumentes”. Und so sollte es auch sein. Denn wenn sich bereits die junge Politik in polarisierende Situationen hineinmanövriert, wird die Lösungsfindung blockiert. Jene, welche in den normalen Sessionen wieder auf diesen Stühlen Platz nehmen, könnten von der Jugendsession etwas lernen. Und sei es nur, dass selbst dann eine gute Stimmung unter den KollegInnen herrscht, wenn sich die Meinungen widersprechen.