Kultur | 13.12.2010

“Construction” durch “Destruction”

Text von Tobias Söldi
Wer sich über das manchmal abgehobene und elitäre Getue moderner Kunst aufregt, wer zeitgenössische Kunst einfach nicht mehr sehen kann, der sollte sich trotzdem in die laufende Ausstellung Under Destruction im Tinguely Museum in Basel wagen. Aber Achtung: Es ist gut möglich, dass man nach dem Museumsbesuch seine Meinung ändert.
Jonathan Schipper: "The Slow Inevitable Death of American Muscle" (2007-2008/ 2010). Fotos: Katharina Good Pavel Büchler: "Modern Paintings" (1999-2000) Jean Tinguely als Pionier der Destruktionskunst: "Rotozaza II" (1967) wird bis zum 23. Januar 2011 noch einige Glasflaschen zertrümmern. Martin Kersels: "Tumble Room" (2001)

Betritt man den ersten Raum der Ausstellung “Under Destruction”, wähnt man sich zunächst einmal am falschen Ort: Der Raum erinnert weniger an den einer konventionellen Ausstellung, vielmehr fühlt man sich auf eine Baustelle versetzt. Der Boden mit seinen Löchern sieht arg mitgenommen aus, nur an einer Wand hängen einige wenige, zerfetzt aussehende Bilder, die irgendwie fehl am Platz wirken, und am Ende des Raumes erblickt man ein Gerät, das an eine Baumaschine erinnert, die auf einem Förderband Erde abträgt.

 

Der zerstörte Boden, übrigens eine Arbeit von Monica Bonvicini namens “Plastered”, verbindet dabei sowohl physisch als auch thematisch alle Werke der Ausstellung miteinander, da er sich über den ganzen Ausstellungsraum erstreckt und zugleich auch das Thema der Ausstellung klar macht: Zerstörung.

 

Zerstörung auf verschiedenste Weise

Und diese thematisiert die Ausstellung auf witzige, leise, laute oder subtile Art. Jimmie Durham hat zehn Tage lang jeden Morgen einen Kühlschrank mit Pflastersteinen beworfen (ob und was ihm der Kühlschrank angetan hat, ist leider nicht bekannt) und die Aktion gefilmt. Eine Installation von Jonathan Schipper zeigt einen extrem verlangsamten Frontalzusammenstoss zweier Autos und verkehrt so einen normalerweise lauten, brutalen Vorgang der Zerstörung in etwas Ruhiges, ja fast Meditatives. Ganz leise hört man das Knirschen der unaufhaltsamen aber nicht sichtbaren Bewegung der sich ineinander verkeilenden Autos. Laut hingegen Martin Kersels “Tumble Room” – ein reales Mädchenzimmer, das sich mitsamt dem ganzen Mobiliar ständig um die eigene Achse dreht (wobei man eigentlich nicht mehr von Mobiliar, sondern eher von Sperrmüll reden sollte). Die anfangs erwähnten zerfetzten Bilder von Pavel Büchler sind übrigens Gemälde, die er in einer Waschmaschine gewaschen hat. Die Überreste der Gemälde, die den Waschgang überlebt haben und sich wohl glücklich schätzen, ihre ursprüngliche Bestimmung wieder annehmen zu können, hat Büchler auf einen Rahmen neu aufgezogen und nennt sie nun “Modern Paintings”.

 

Die Ambivalenz von Zerstörung

Ein eigentümliches Paradox tut sich im Verlauf der Ausstellung auf: Einerseits drehen sich alle Werke um die Idee der Zerstörung, einige zerstören sich im zeitlichen Verlauf gar selbst (wie zum Beispiel eine ausgestellte Bombe, die im Jahr 2104 explodieren wird), und trotzdem entsteht genau aus diesem Zerstörungsimpuls etwas Neues, nämlich ein Kunstwerk. Die Ausstellung zeigt, wie eng der Akt der Zerstörung und der Akt des Schöpfens und Erschaffens miteinander verbunden sind. In Anlehnung an den Ausstellungstitel könnte man von Schöpfung durch Zerstörung, von “Construction” durch “Destruction”, sprechen. Die Zerstörung hat ihre negative Aura abgelegt und zeigt sich hier durchaus als etwas Positives, als schöpferische und schaffende Kraft, durch die Neues entsteht.

 

Eine Kraft zyklischer Erneuerung

Eine Arbeit, die genau diese Idee auf exemplarische Weise behandelt, ist “The white Light of the Void” von Alexander Gutkes. Seine Filminstallation simuliert das Durchbrennen eines Filmstreifens. Auf einer weissen, flimmernden, auf die Leinwand projizierten Fläche breitet sich eine dunkle Form aus, welche das Durchbrennen des Filmstreifens nachahmt. Zuerst ist sie nur ganz klein in der Bildmitte zu erkennen, bis sie dann die ganze Bildfläche einnimmt und wieder ein weisses Nichts zurücklässt, wie das der Fall wäre, wenn der Filmstreifen tatsächlich durchgebrannt wäre. Nach einiger Zeit beginnt das Spiel mit dem erneuten Auftauchen einer dunklen, sich ausbreitenden Form wieder von vorne. Genau wie in diesem Werk erscheint in der Ausstellung die Zerstörung oft als “Kraft zyklischer Erneuerung”, wie die Beschreibung des Kunstwerks treffend bemerkt.

 

Diese vielleicht etwas theoretischen Gedanken sollen aber nicht von der Ausstellung abschrecken: Die ist nämlich humorvoll, kurzweilig und interessant, regt aber auch zum Nachdenken an. Wer aber schon im Vorfeld seines Museumsbesuchs mit einer diabolischen Freude die Zerstörung der Kunst erhofft, muss damit rechnen, dass seine Antipathie sich in Sympathie wandelt. Womit durch Zerstörung wieder einmal etwas Positives erreicht worden wäre.

 

 

Info


Die Ausstellung “Under Destruction” ist noch bis 23. Januar 2011 im Tinguely Museum zu sehen.