Gesellschaft | 06.12.2010

30 Zentimenter Neuschnee am Hauptbahnhof

Text von Céline Graf | Bilder von Julia Weiss
Behäbig sollen sie sein, die Berner. Zur Rushhour am Berner Hauptbahnhof sieht das anders aus. Doch wenn 30 Centimeter Neuschnee die Schienen blockieren, muss sie wieder zurückkehren: Die Behäbigkeit der Berner.
Der Winter kann auch leise sein.
Bild: Julia Weiss

30 Zentimeter Neuschnee und die Schweiz steht still. Die ganze Schweiz? Nicht ganz. In Bern schleicht an diesem Mittwochabend ein roter Trolleybus einen Hang hinauf. “Wir haben jetzt drei Möglichkeiten”, lässt der Chaffeur verlauten. “Entweder, die Reifen halten, wir beten oder ihr steigt aus und stosst.”

 

Der Winter brach letzte Woche auch über die Schweiz herein, und zwar richtig. Der erste grosse Schnee hat – wie jedes Jahr – ein Verkehrschaos verursacht und sich gleichzeitig wie ein riesiger Schalldämpfer über Wald und Wiesen gelegt.

 

Kein Grund zum Stress

“4 Min. Verspätung”, “7 Min.”, “22 Min.” – Die blaue Anzeigetafel über dem Treffpunkt am Hauptbahnhof Bern zieht die wartenden Menschen in ihren Bann. Hie und da telefoniert jemand, gestikuliert, andere warten aber auch einfach nur auf die Begleitung zum Kaffee in die Stadt. “Mein erster Gedanke war ‘Scheisse!’, ich habe mich genervt”, sagt Karin Vollenweider, 21. “Aber ich bin froh, bin ich nicht mit dem Auto unterwegs. Ich habe sowieso Ferien und von daher keinen Grund zum Stress.”

 

Die meisten Reisenden, die an diesem Abend in Bern mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind, machen einen ebenso gelassenen Eindruck. Nicole Mallet, 69, erzählt, sie komme gerade aus Paris, der Zug nach Genf hatte eine Stunde Verspätung. “Das Chaos”, findet sie, “scheint mir aber kleiner zu sein als in Frankreich. Ich denke, in der Schweiz ist man mehr an den Schnee gewöhnt.”

 

Gute Ausrede

So gewöhnt daran ist man, dass Helfer bei den Busstationen im Einsatz stehen, um vereiste Türen zu schliessen oder die Busse über die glatte Fahrbahn zu lotsen. Auch die Räumungsteams für die Strassen sind im Nullkommanichts organisiert. Und doch ist der Schnee der Stärkere. “Kann ja mal passieren. Wenn das unsere Probleme wären!” Baschi Aeschlimann, 16 und Max Hubacher, 17 warten auf das Tram. “Kämen wir jetzt zu spät zur Schule, weil das Tram im Schnee feststeckt, hätten wir jedenfalls eine gute Ausrede parat.”

 

Inzwischen hat es der Trolleybus unter Ächzen und Spulen bis nach oben geschafft. Die Fahrgäste stehen dicht an dicht, Erleichterung steht den meisten ins Gesicht geschrieben. “Danke fürs Beten”, tönt es durch die Lautsprecher. Ein kleiner Junge dreht sich daraufhin zum seinem Vater um: “Der Busfahrer hat aber Humor.”