Die Last einer ungewissen Zukunft

Ich heisse Sadou Kane. Ich komme aus Mauretanien, aus Westafrika, und bin nun seit eineinhalb Jahren in der Schweiz.

Ich bin hierher gekommen, weil ich Probleme hatte in meinem Land. Ich bin Waise und wohnte in einer Gastfamilie, die nicht dieselbe Religion hatte wie ich. Ich durfte nicht an das glauben, was ich wollte, und selbst wenn ich nicht sehr praktizierend bin, betrachteten mich die Leute, mit denen ich zusammenlebte, als etwas Minderwertiges. Zudem riskierte ich wegen meiner unterschiedlichen Religion mein Leben, würde ich verraten. werden Als mir dann jemand aus meinem Umfeld erklärte, wie ich in die Schweiz gelangen könnte, entschied ich mich, diese Reise zu unternehmen. Man steckte mich auf ein Boot und eines Tages kam ich in Italien an. Von dort aus brachte man mich nach Vallorbe in der Schweiz. Ich begann, Französisch zu lernen, weil ich mich richtig integrieren wollte. Ich ging in ein Bildungszentrum und machte verschiedene Praktika. Das dritte beginne ich im Dezember.

 

Nicht still bleiben

Meine Situation ist instabil und ich weiss nicht, was mich erwartet, da ich immer noch keine Antwort auf meine Asylanfrage erhalten habe. Ich weiss nicht, ob ich die Antwort noch vor meinem 18. Geburtstag erhalten werde, deshalb gebe ich mir grosse Mühe, mich zu integrieren, während ich auf den Entscheid warte. Ich glaube, dass ich es schaffe, weil ich sehr motiviert bin. Ich bin aufmerksam und engagiert. Das Schwierigste ist allerdings, dass ich nicht weiss, was mich erwartet. Die Entscheidung des Migrationsbüro wird bestimmen, ob ich meine Ausbildung weiterführen kann oder nicht. Die ganze Prozedur kann sehr lange und mühsam sein, deshalb nehme ich an Projekten wie der Jugendsession teil, um mich ausdrücken zu können und meine Meinung zu sagen, damit die Dinge fortschreiten. Das ist schon ein grosser Schritt, dass solche Veranstaltungen statt finden. Und ich ziehe es immer vor, meine Meinung zu sagen, selbst wenn es am Ende nichts ändern sollte. Ausserdem ermöglicht es mir, Personen kennen zu lernen, die in der gleichen Situation sind wie ich.

 

Sind wir nicht alle gleich?

Seit zehn Monaten lebe ich in Lausanne, in einem Heim für unbegleitete minderjährige Migranten. Das Heim ist nur für Minderjährige und ich denke, dass das besser ist, als wenn man mit Erwachsenen zusammen lebt. Doch selbst wenn wir unter Jungen sind, so kann ich nicht behaupten, dass wir besser betreut sind. Es fehlt uns an vielen Dingen. Die Unterkunft ist gut, weil wir unter Jungen dieselben Erfahrungen durchmachen. Doch es gibt gewisse Probleme. Ich kann nicht viel dazu sagen. Einfach, dass viele Dinge fehlen. Wir haben nicht die gleichen Rechte und Pflichten wie die Schweizer Kinder. Aber wir sind doch auch Minderjährige! Und nach den Kinderrechten sollten wir alle gleich sein. Zum Beispiel können manche nicht in die Schule, weil sie Probleme mit der Prozedur des Asylantrages haben. Sie haben auch kein Geld, um dafür zu bezahlen. Also warten sie darauf, 18 Jahre alt zu sein. Eines Tages werden sie volljährig und man wird ihnen nur sagen: “Es ist vorbei”. An jenem Tag wird dir niemand mehr helfen, du wirst nicht wissen, was aus dir werden wird. Es ist schwierig, im Bewusstsein zu leben, dass von einem auf den anderen Tag alles vorbei sein könnte.

 

“Es ist, als hätte ich hier das Leben entdeckt”

Trotzdem glaube ich, dass es mir hier besser geht, weil die Lebensumstände dort, wo ich früher lebte, schrecklich waren. Die Personen, die mich beherbergten, waren wie Fremde für mich. Ich machte nichts anderes als Hausarbeit, ich wurde ausgenutzt. In der Schule waren die Leute respektlos. Seit ich in der Schweiz angekommen bin, ist es, als hätte ich hier das Leben entdeckt. Ich habe vorher nie wirklich “gelebt”! Es gefällt mir, hier zu sein. Und vor allem, wenn ich mir sage, dass ich – wäre ich nicht geflüchtet – vielleicht gar nicht mehr da wäre. Trotzdem gibt es einen Gedanken, der mir nicht aus dem Sinn geht. Ich bin mir bewusst, dass ich morgen einen negativen Asylentscheid erhalten könnte und alles aufgeben müsste. Ich versuche, nicht zu viel daran zu denken, aber manchmal verliere ich die Kontrolle. Ich werde im März 18 Jahre alt und wenn mich die Schweiz rauswirft, dann kann ich mir nicht vorstellen, wie meine Zukunft aussieht.

Spannende Diskussionen im Nationalratssaal

Ein liebevolles Willkommensklatschen erfüllt plötzlich den Nationalratssaal, als die Plenumsdiskussion der Jugendsession beginnt. Der Nationalratspräsidentin Pascale Bruderer zuhörend, fällt auf, dass nicht alle Jugendliche auf den 200 Stühlen Platz haben. Ganz schnell wird erklärt, wie der Tag abläuft und wie die Technik in diesem Saal funktioniert. Dazu gehören die Übersetzungsgeräte. Kanal 1: Deutsch, Kanal 2: Französisch, Kanal 3: Italienisch. Und wo bleibt Kanal 4: Romanisch?

 

Im Saal gibt es gewisse Momente der Unruhe, des Schimpfens und der Wut während den Diskussionen, doch auch andere Momente mit grosser Spannung, in denen kein Atemzug zu hören ist, wie zum Beispiel während den Auswertungen der Abstimmungen. Man spürt sehr gut, auf welcher politischen Seite ein Jugendlicher steht, wenn er spricht, manchmal weiss man sogar, zu welcher er gehört. Zu den Themen “Religion und Schule” und “Familienpolitik” gibt es grosse Diskussionen. Ein sehr aktuelles Thema für die Jugendlichen ist das Glücksspiel. Viele Spielende melden sich gleich selbst zu Wort.

 

Für die Jugendlichen sind diese drei Tage sehr speziell und besonders, was man auch aus den folgenden Statements entnehmen kann:

 

Silas (21), Scharans: “Die Atmosphäre ist sehr gut, auch wenn manchmal einander angegriffen wird. Die Diskussionen sind sehr interessant und nicht zu vergessen laut. Im Allgemeinen sind wir alle eine sehr angenehme Gruppe von Jugendlichen, die die gleichen Interesse haben.”

 

Alessandra (16); Igis: “Ich nehme zum ersten Mal an der Jugendsession teil und alles ist für mich sehr neu und speziell. Es gefällt mir sehr gut hier und ich interessiere mich für die Politik. Besonders gut gefallen hat mir der Spielabend am Freitag. Zum heutigen Tag kann ich sagen, dass ich das Gefühl habe, dass man sich im Nationalratssaal viel älter und erwachsener fühlt.”

 

Annabarbara (18), Chur: “Ich nehme schon zum fünften Mal an der Jugendsession teil, weil es mir sehr gut gefällt, so viele Leute kennen zu lernen. Vor allem kann man hier seine eigene politische Meinung repräsentieren, die auch bemerkt wird. Wir machen uns keine Gedanken über Sachen, die weder Hände noch Füsse haben. Die Jugendsession ist Realität. Nach drei Tagen haben wir ein Resultat vor uns und wir können stolz darauf sein. Es ist super, dass es so etwas gibt, weil schlussendlich muss unsere Generation mit der Politik leben, die gemacht wird.”

 

Tim (19), Flims: “Ich bin beeindruckt von der Jugendsession. Obwohl ich der Meinung bin, dass alles etwas zu linkslastig ist, vielleicht weil das Organisationskomitee auch eher links ist. Die Diskussionen wurden einige Male provoziert von gewissen Meinungen, aber das ist eigentlich alles egal. Das Schöne ist, mit anderen Leuten zusammen zu sein.”

 

Einer der Höhepunkte ist die Rede der Bundespräsidentin Doris Leuthard und die Gelegenheit, ihr Fragen bezüglich ihres Lebens und ihrer Karriere zu stellen. Mit ihrer Verabschiedung wird die Jugendsession 2010 beendet.

Das bessere Argument zählt

Im Saal erblicke ich die Gesichter von 200 jungen Menschen, die auf die Arbeit in ihren Gruppen warten. Gruppen, in denen sie vielleicht niemanden kennen. Trotzdem sind sie hier: Um sich mit politischen Themen auseinanderzusetzen, und zwar mit dem Fokus auf die Anliegen ihrer Altersgruppe.

 

Und das wollen sie bei dir, in deiner Gruppe! 13 Jugendliche mit verschiedenen politischen Positionen, von unterschiedlichem Alter und in unterschiedlichen Lebenssituationen. Eine Mischung, die genügend Zunder bietet, um eine lebendige Diskussion über die Rolle der Religionen in der Schule zu entfachen. Du musst den Jugendlichen helfen, sich auszudrücken. Denn sie sollen sich an der Diskussion beteiligen und sich zu einem Thema äussern, mit dem sie sich vielleicht noch nie umfassend auseinander gesetzt haben. Du musst Fragen stellen, die eine Diskussion anregen, die Meinung der Jugendlichen jedoch nicht beeinflussen. Schliesslich sollen die jungen Menschen selber eine Forderung erstellen.

 

Die Zeit läuft…

Diese Jugendsession ist meine fünfte. Eine habe ich als Teilnehmer und zwei als Mitglied des Forums Jugendsession erlebt. Nun bin ich zum zweiten Mal Gruppenleiter. Jede Jugendsession hat mir eine neue Sichtweise auf das Projekt Jugendsession eröffnet. Ein Projekt, das stets im Wandel ist – so gibt es jedes Jahr neue Debatten und andere politische Kontexte, welche die Forderungen und die Arbeit in der Gruppe beeinflussen.

 

Dabei ist die Zeit rar – so auch dieses Jahr. Die Diskussion mit dem Experten (alt Grossrat der EVP) und der Expertin (Geschäftsleiterin der Freidenker) braucht keine Anregung, die Teilnehmenden ergreifen das Wort und moderieren die Diskussion gleich selber. Doch auch über eine geeignete Forderung und die Formulierung mit der grössten Erfolgschance im Plenum diskutieren die Jugendlichen – was viel Zeit verlangt.

 

Das alles unter einen Hut zu bringen, verlangt ein gutes Zeitmanagement – nicht, dass der eine oder andere Punkt verloren geht. Leider rauben Projekte wie “Art of Politics” viel wertvolle Zeit. Zeit, die die Teilnehmenden für die Vorbereitung auf das Plenum einsetzen könnten. Die Gruppe sollte sich beispielsweise darauf vorbereiten, wie sie ihre Forderung dem Plenum vorstellt. Auch sollten sich die Teilnehmenden mit den anderen Forderungen auseinandersetzen, damit sie wissen, worüber sie abstimmen werden.

 

Bessere Vorbilder

Trotz Zeit- und Schlafmangel bin ich jedoch immer wieder erstaunt, mit welcher Hingabe sich die Teilnehmenden am Sonntag präsentieren. Anders als die, welche sonst auf diesen antiken Stühlen ihren Platz haben, sind die Teilnehmenden im Nationalratssaal konzentriert. Sie folgen der Diskussion und bilden ihre Meinungen aufgrund von Argumenten und nicht wegen einer Parteifarbe. Auch wenn die Polarisation der Jugendsession in den letzten Jahren zugenommen hat – Partei oder Position stehen nicht im Mittelpunkt der Session. Die Diskussion folgt meistens dem “nicht zwingendem Zwang des besseren Argumentes”. Und so sollte es auch sein. Denn wenn sich bereits die junge Politik in polarisierende Situationen hineinmanövriert, wird die Lösungsfindung blockiert. Jene, welche in den normalen Sessionen wieder auf diesen Stühlen Platz nehmen, könnten von der Jugendsession etwas lernen. Und sei es nur, dass selbst dann eine gute Stimmung unter den KollegInnen herrscht, wenn sich die Meinungen widersprechen.

Sprachlosigkeit in Worten

Die Ereignisse nach der Wahl liegen schwer auf dem Magen. Ein Grossteil der Minsker Bevölkerung ist traurig, depressiv. Der Letzte, der das Land verlässt, solle bitte das Licht am Flughafen ausmachen – so ein häufig gelesener Status in Vkontakte, dem russischsprachigen Facebook. Andere organisieren Hilfe für die Inhaftierten und fordern dazu auf, warme Kleider, Essen und Wasser in die Gefängnisse zu bringen. Denn dort fehlt es an allem, die Leute werden nicht mal mit dem Nötigsten versorgt. Einige wurden bis heute Dienstagmorgen, also über 24 Stunden, in den Gefängnis-Lastwagen festgehalten, die einem Viehtransporter ähneln. Und dies bei Temperaturen unter -10 Grad.

 

Diese “Autosäcke” genannten Fahrzeuge wurden übrigens pünktlich kurz vor dem “Sturm” auf das Regierungsgebäude aufgefahren. Augenzeugen berichten, dass die Glasscheiben von kräftig gebauten Männern im typischen Zivilisten-Look eingeschlagen worden seien, während die als Polizisten verkleideten Milizionäre erst friedlich zuschauten, bis das Kommando zum Zurücktreiben der Bevölkerung kam. Wer die Krawalle mit eigenen Augen gesehen hat, ist sich sicher, dass der ganze Sturm inszeniert war.

 

Anders natürlich die Menschen, die alles nur vom belarussischen Fernsehen her kennen. Die sind nun überzeugt, dass die Opposition Jugendliche aufgehetzt und zu solchen Ausschreitungen angetrieben hat. Das Bild der undankbaren Oppositionellen, die schlechte Verlierer seien, wird fleissig verbreitet. Dabei wird betont, dass nur die Politiker der Opposition dazu fähig seien, ein derartiges Chaos zu veranstalten. Damit wird auf die grösste Angst der Belarussen eingegangen – die Angst vor chaotischen Zuständen, Unordnung, Dreck. Lukaschenko sei ja schon nicht über alle Zweifel erhaben, aber schaut euch mal die Ukraine an, dort ist alles noch viel schlimmer, lautet eine besonders auf dem Land weit verbreitete Meinung.

 

Wegen solchen und ähnlichen Statements hätte man als naiver und unpolitischer Beobachter sich denken können, dass Lukaschenko wahrscheinlich auch ohne Wahlbetrug gewinnen könnte. Vielleicht nur knapp, aber doch mehr oder weniger fair. Nach dem, was nun aber passiert ist, scheint klar: Wenn man so ein Nachspiel braucht, sein Volk so erschrecken und zermürben muss, dann kann irgendwo etwas nicht stimmen.

 

 

Info


Die Autorin lebt und arbeitet für ein Jahr in Minsk, Belarus. Sie arbeitet als Langzeitfreiwillige im EVS (European Volunteer Service) bei einer regierungsunabhängigen Organisation für blinde Jugendliche. Dies konnte ermöglicht werden durch die Zusammenarbeit des SCI Schweiz und der New Group SCI Belarus und dank der Finanzierung durch Jugend in Aktion. Aus Selbstschutz möchte die Autorin anonym bleiben, so lange sie noch in Belarus arbeitet.

 

 

“Ich habe immer Hoffnung!”

Ich treffe das neue Vorstandsmitglied des Jugendkulturfestivals Basel (kurz JKF) im gerade erst neueröffneten Stellwerk im Bahnhof Basel St. Johann, wo sich das Büro des JKF befindet. Die Treppe zum Eingang ist noch provisorisch, die Türrahmen sind vor fünf Minuten gestrichen worden und im Gang verhallen die letzten Einsätze der Schleif- und Bohrmaschinen. In einem kleinen Büro erwartet mich Sebastian Kölliker vor einem riesigen Computer-Bildschirm. Die Wände sind mit JKF-Plakaten geschmückt. Sebastian entfernt noch schnell einen Beldona-Unterwäsche-Kalender von der Wand. “Nicht, dass der noch aufs Foto kommt.”

Doch wir sind nicht hier, um uns über Frauenunterwäsche, sondern über Jugendkultur zu unterhalten. Denn im September 2011 ist es wieder soweit und das Festival bringt während zwei Tagen auf elf Bühnen mit 180 verschiedenen Formationen die Stadt Basel zum Beben.

 

Das JKF hat also eine neue Leitung?

Eine neue Leitung mit vielen Änderungen: Wir legen mehr Gewicht aufs Freestyleprogramm, welches neu auch Sport enthält und wir wollen ein noch breiteres Spektrum der Jugendkultur zeigen.

 

Es wird also alles besser?

Wenn es überhaupt besser werden kann als im Jahre 2009, dann wird es selbstverständlich besser! (lacht)

 

Und was soll denn besser werden?

Läuft man mal durch die Stadt, dann sieht man viele Skater oder Leute, die Parcours machen. Wir versuchen, Sport im Allgemeinen aber vor allem auch solche Szenesportarten ins Festival zu integrieren.

Ausserdem hoffen wir, dass uns die Leute durch das Freestyleformular etwas vorschlagen werden, wovon wir keine Ahnung haben oder was bis jetzt im Festival keinen Platz gefunden hat.

 

Ihr wollt mit dem Jugendkulturfestival ein breiteres Spektrum der Jugendkultur vertreten. Hast du denn das Gefühl, die Jugendkultur werde in Basel nicht genug gefördert?

Die Jugendkultur an sich wird in Basel schon respektiert. Liest man aber den neuen Entwurf des Kulturleitbildes von Basel, so kommt die Jugendkultur darin nicht vor. Das ist schade. Zum Glück wird die Jugendkultur noch partiell gefördert. So bekommt das Jugendkulturfestival von den Lotteriefonds beider Basel wichtige Geldbeträge. Auch Institutionen wie die Christoph-Merian-Stiftung oder die “Gemeinschaft für das Gute und Gemeinnützige” in Basel (GGG) fördern die Jugendkultur. Aber ich habe das Gefühl, dass der Staat selbst der Jugendkultur zu wenig Respekt schenkt. Es geht dabei nicht nur um finanzielle Mittel, sondern auch um Wertschätzung und Akzeptanz oder darum, Freiräume zur Verfügung zu stellen.

 

Fehlt diese Akzeptanz nur beim Staat, respektive in diesem Fall beim Kanton, oder auch bei der Bevölkerung?

Ich glaube, dass die Jugendkultur den öffentlichen Raum aufwertet und somit auch die Akzeptanz der Bevölkerung gestiegen ist. Junge Menschen steigen nicht mehr auf so skandalöse Dinge wie die “Botellóns” ein. Die Bevölkerung steht der Jugend gar nicht so kritisch gegenüber, wie man immer glaubt.

 

In Basel stöhnen die Jugendlichen immer, dass es keinen Raum gäbe. Ist das so oder sind die Kulturschaffenden einfach zu faul, sich ihren Raum und die finanziellen Mittel zu erkämpfen?

Als erstes muss man darauf hinweisen, dass der Kanton Basel-Stadt sehr klein ist. Daher gibt es einfach wenig Raum in Basel. Aber es war schon ein bisschen so, dass sich die Jugendlichen im Speck vom NT-Areal gesuhlt haben und nun durch die Überbauung des Areals ein Privileg verlieren. Aber die Jugendlichen wissen, dass sie sich jetzt einen neuen Platz erkämpfen müssen. Sehr bald wird gar kein Platz mehr auf dem NT-Areal zur Verfügung stehen und dann wird man bemerken, dass sich die Tausende von Jungen, welche heute am Wochenende den Freiraum nutzen, nicht in Luft auflösen, sondern sich einen anderen Ort suchen werden.

 

Weshalb suchen sich denn die Jugendlichen ihre eigene Kultur?

Die Jugendlichen bilden eine eigene Generation, die einen Zeitgeist auslebt. In den Achtzigern bildeten sich autonome Jugendzentren, in den 90er-Jahren ist es dann eine Kommerzjugend geworden und heutzutage gibt es immer mehr Bestrebungen, wieder vom Kommerziellen wegzukommen. Die Jugendlichen grenzen sich zu anderen Generationen ab und bilden eine Gruppe, die ihre eigene Kultur hat.

 

Jugendlichen wird jedoch vorgeworfen, sie würden sich keine Meinung bilden, nicht wählen gehen und hätten keine eigenen Ideen mehr. Wird die Jugendkultur nicht von Fernsehshows und Kulturmarketing völlig beeinflusst beziehungsweise manipuliert?

Klar, man muss aufpassen, dass man nicht abstumpft. Es gibt viele Menschen, die von acht bis 17 Uhr arbeiten und danach nach Hause gehen und ein Bier vor dem Fernseher trinken. Es gibt aber sicher genau so viele Menschen, die sich neben ihrer Arbeit freiwillig in Kulturbereichen engagieren, Energie und Freude in Vereine investieren und so für andere Menschen einen Mehrwert schaffen, ohne selbst einen Rappen dabei zu verdienen.

Die junge Generation heute hat sich zu der von gestern nicht wesentlich verändert. Es gab schon immer diejenigen, welche nach der Arbeit froh waren, den Rest des Tages vor dem Fernseher zu verbringen – das ist seit den 60er-Jahren so.

 

 

Ich möchte zu diesem Thema auf die Einschaltquoten zweier Samstagabendshows hinweisen: Am 6. November erreichte die RTL-Show “Das Supertalent” eine Einschaltquote von 4.44 Millionen und “Wetten, dass…?” eine von 2.87 Millionen Zuschauern im Alter zwischen 14 und 49 Jahren. Das sind schon grosse Massen.

Da kann ich nur eine Gegenfrage stellen: Was ist so schlimm daran? Viele dieser Millionen von Zuschauern sind nach der Unterhaltungsshow hinaus gegangen und haben sich mit anderen Menschen getroffen.

 

Du hast also noch Hoffnung?

Ich habe immer Hoffnung. Sonst könnte ich meine Sachen gleich packen und nach Hause gehen.

 

 

Info


Das Jugendkulturfestival sucht noch Teilnehmende. Anmelden können sich Musiker und Bands, Tanz- und Theatergruppen, Filmemacher, Standbetreiber, Helfende und alle anderen mit guten Ideen. Diese können via Freestyleformular eingereicht werden.

 

Anmeldeformulare und Bedingungen auf www.jkf.ch. Anmeldeschluss ist der 31. März 2011.

 

Zeichen der Solidarität

Kurz nach Einbruch der Dunkelheit war es am Samstag soweit. Eine der ersten Kerzen auf dem verschneiten Markplatz in der Basler Innenstadt zündete Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt Dr. Carlo Conti an. “Es ist wichtig, einen Beitrag für humanitäre Hilfe als Ausdruck der Solidarität zu leisten. Ich wünsche mir, dass die Augen der Kinder auf der ganzen Welt leuchten können.” Eine Million Kerzen verwandelten die Schweiz in ein Sternenmeer und leuchteten als Zeichen der Solidarität für die Armen und Schwachen. Doch “Eine Million Sterne”, eine Aktion von Caritas Schweiz, ist mehr als ein Zeichen. Sie ist greifbare Hilfe für die Ärmsten. Die Hälfte des Erlöses aus dem Kerzenverkauf erhält der Caritas-Markt, der Lebensmittel und Gebrauchswaren zu stark vergünstigten Preisen anbietet. Die andere Hälfte geht an ein Caritas-Projekt in den Philippinen, das Kinder vor Ausbeutung schützt, die in den Slums von Manila leben.

Hilfe für die Kinder im Pandacan Slum Viertel

Die Situation für Mädchen und Knaben im Slum-Gebiet in Manila ist katastrophal. “In den urbanen Slum-Vierteln von Manila werden immer mehr Kinder Opfer von kriminellen Schlepperbanden, aber auch von Familienangehörigen oder Nachbarn. Mit falschen Versprechungen – wie Arbeitsplätze in einem Hotel oder als Hausangestellte – werden sie in die Städte gelockt, wo sie unter sklavenartigen Umständen leben und durch Schläge, Nahrungsentzug und Drogen zur Prostitution oder zu anderer ausbeuterischer Arbeit gezwungen”, so die Projektverantwortlichen des Caritas-Projektes in Manila. Das Projekt richtet sich an 3370 von Ausbeutung betroffene Kinder und Jugendliche, sowie an 300 von sexueller Ausbeutung betroffene Kinder und Frauen. Mit dem Projekt sollen die Sicherung der Lebensgrundlagen, wie Ressourcen, Infrastruktur und Bildung, für die Bevölkerung gewährleistet, die Kinder vor Menschenhandel geschützt und Jugend- und Elterngruppen aufgebaut werden, die für ihre Rechte einstehen.

Bakit ba – Warum?

Im Sommer 2009 besuchte Ernie Opiasa, aufgewachsen auf der philippinischen Insel Cebu, seine Heimat und war tief getroffen von den Lebensbedingungen, unter denen die Menschen in den Slums Manilas leben “Ich war geschockt. Die Menschen leben dort in grenzenloser Armut. Ich habe mich dauernd gefragt: Warum? Warum müssen diese Menschen so leben? Es scheint mir an ein Wunder zu grenzen, dass die Menschen, besonders die Kinder, unter solch’ widrigen Umständen überleben können.” Ernie hat seinen Besuch in Manila mit einem Konzert in den Slums verbunden, bei dem er den Menschen in den Slums ein Stück Hoffnung schenken konnte. “Mein Konzert war für sie vielleicht nur ein Tropfen auf den heissen Stein, aber ich konnte ein Zeichen setzen. Ein Zeichen der Solidarität und ein Licht der Hoffnung. Denn wir alle tragen ein Stück Verantwortung dafür, was mit ihnen geschieht. Was mit der Menschheit geschieht, geschieht durch die Menschheit.” In seinem 2005 veröffentlichtem Album “Malinis na trabaho – saubere Arbeit” singt Ernie über seine Heimat und jedes in seiner Landessprache gesungenen Songs begeistert durch melodiöse Gitarrenriffs, bewegende Melodien und tiefgründige Botschaften. Am Samstag bewegte Ernie in Basel die Menschen auf dem Markplatz mit den Songs aus seinem Album.

Im Song “Bakit ganito ang buhay – Warum ist mein Leben so?” singt Ernie über einen Jungen auf der Suche nach Hoffnung “Ich bin ziellos unterwegs Tag und Nacht. Ich bin allein. Sie haben mich ohne Abschied zurückgelassen. Ich bin unterwegs mit Angst, aber ich will leben. Immer auf der Suche nach Essen. Ich frage mich: Warum? Warum ist mein Leben so?” Mit seiner Musik setzte Ernie ein Zeichen für die Menschen in seiner Heimat, gegen Hoffnungslosigkeit und für das Licht der Solidarität.

One Million Stars for Manila

Die vom Caritas-Projekt unterstützten Kinder in Manila haben zusammen mit der Partnerorganisation Visayan Forum mit Kerzen eine Brücke zwischen der Schweiz und den Philippinen dargestellt als Zeichen, dass sie unser Licht erhalten haben.

 

Links

Weihnachten international

Brecht, 20, Belgien:

In Belgien verbringt man den Weihnachtsabend zusammen mit den Eltern und Geschwistern und packt Geschenke aus, die unter dem Weihnachtsbaum gestapelt sind. Fromme Familien würden auch in den Gottesdienst gehen. Bei meiner Familie ist es ein bisschen anders, wir waren seit Jahren nicht in der Kirche und ersetzen die traditionellen Gerichte wie Truthahn, Kaninchen oder Hirsch mit was Vegetarischem. Wir versuchen auch häufig, die Geschenkübergabe interessanter zu gestalten, indem wir sie mit einem Gesellschaftsspiel verbinden – nur wer gewinnt, kann ein Geschenk öffnen.

 

Saumya, 22, Indien:

In einem multikulturellen Land wie Indien hat das Weihnachtsfest verschiedene regionale Ausprägungen. Der Nordteil von Indien feiert das Fest nur in seiner festlichen Seite – mit Geschenken und Weihnachtsbäumen, die mit Lichtern dekoriert werden. Sie ähneln sehr dem indischen Festival “Diwali”, einem bedeutenden hinduistischen Lichterfest. In Richtung zur westlichen Küste, wo ein sehr grosser Anteil Christen wohnt, wird das Fest in seinem eigentlichen Sinne gefeiert. Die Kirchen werden dekoriert und es werden Messen durchgeführt. In Indien beginnt das Ritual des Austausches der Geschenke an Weihnachten und dauert bis ins neue Jahr.

 

Johan, 27, Dänemark:

Weihnachten in Dänemark fängt fast schon im November an. Die Tage sind bereits so kurz und kalt geworden, dass sich die Dänen lieber in ihren überheizten Häusern zu “julefrokoster”, oder Weihnachtsmittagessen treffen. Davon hat man viele: eins für die Arbeit, eins mit Freunden aus der alten Schule, eins mit den anderen Freunden, eins mit der Fussballmannschaft und mindestens eins mit der Familie. Für ein richtig dänisches Weihnachtsmittagessen sind einige Gerichte typisch, die unbedingt zu viel Bier gegessen werden: “Sild”, das sind in Essig eingelegte Heringe und der Stolz der dänischen Küche, heisse Leberpastete mit Essiggurken, sowie Schweinefleischbraten mit Kartoffeln. Als Nachtisch natürlich eine Auswahl an Käse und vielen Süssigkeiten.

 

Anna, 23, Polen:

Am 24. Dezember fasten wir, deshalb gibt es beim Abendessen zwölf fleischlose Gerichte als Symbole für die Monate des Jahres. Man muss jedes davon probieren, sonst bringt es Unglück für das nächste Jahr. Bevor wir mit dem Abendessen anfangen, muss das jüngste Kind in der Familie den ersten Stern am Himmel sehen. Dann teilen wir uns eine Oblate und wünschen uns gegenseitig Glück. Nach dem Abendessen packen wir die Geschenke aus. Um Mitternacht gibt es eine Weihnachtsmesse, die “pasterka”, also Hirtenmesse, genannt wird. Unsere Weihnachtsfeier dauert ganze drei Tage. Zeit, die wir mit unseren Familien verbringen.

 

Nora, 22, Deutschland:

Der 24. Dezember, Heiligabend, ist für die meisten deutschen Familien der wichtigste Weihnachtstag. Tagsüber ist man mit den Vorbereitungen für den Abend beschäftigt, am Abend gibt es dann meistens im Kreis der Familie oder mit Freunden ein grosses Weihnachtsessen. Traditionell isst man Gans, Rotkraut und Kartoffeln. Nach dem Abendessen versammelt man sich um den Weihnachtsbaum, wo auch gesungen wird. Danach gibt es Geschenke, die das “Christkind” gebracht hat. Erst am 06. Januar, dem Tag der “Heiligen Drei Könige”, wird der Weihnachtsschmuck in den Häusern weggeräumt.

 

Dane, 23, USA:

Weihnachten in Amerika verbringt man fast genauso, wie man das aus den Filmen kennt. Abends isst man zusammen mit seiner Familie Schweinebraten zu Hause. Später packt man die Geschenke aus – am Abend diejenigen von der Familie, und am nächsten Morgen diejenigen vom “Weihnachtsmann”. Über dem Kaminfeuer hängen die Weihnachtssocken, die mit Süssigkeiten gefüllt werden. In den USA ist Weihnachten jedoch zu einem ziemlich grossen Geschäft geworden und viele Läden und Restaurants machen überhaupt nicht zu.

Im Westen rollt Neues

Den ganzen Nachmittag hat es in Bern geschneit an diesem Freitag. Nur noch wenige Minuten, bis die Kirchenglocken das Wochenende vieler Arbeitstätigen einläuten. Aus der Spitalgasse schimmert eine Kombination von Neuschnee und Weihnachtsbeleuchtung, die die ganze Stadt in eine festliche Atmosphäre taucht. Aus eben jener Gasse fährt nun ein Tram ein. Es ist rot, wie die meisten Trams von Bernmobil, bedient jedoch keine altehrwürdige Berner Tramlinie Richtung Guisanplatz, Wabern oder Ostring. Es ziert sich auch nicht mit einer der bekannten Nummern 3 oder 5, ebenso wenig handelt es sich um das “Nünitram”, welches Mani Matter mit einem gleichnamigen Lied schweizweit bekannt machte. Das Tram trägt die Nummer 8 und fährt nach “Brünnen Westside Bahnhof”.

 

Pendler bereits eingependelt

Überfüllte S-Bahn-Züge und Busse können so umgangen werden. Im Tram Nr. 8 findet um fünf Uhr abends im Zentrum Berns jeder Fahrgast einen Sitzplatz. Dies vermag angenehm zu überraschen. Niemand scheint sich hier zu fragen, wie wohl bis vor einer Woche all die Pendler in einen Bus gepasst haben mögen. Ist das Tram Nr. 8, das sich durch das winterliche Bern auf Richtung Westen macht, bei den Passagieren bereits eine Selbstverständlichkeit? Am Loryplatz jedenfalls wirkt die Ein- und Aussteigprozedur so eingependelt, als hätte es gar nie einen Loryplatz ohne Tram gegeben.

 

“Bethlehem Kirche”, ertönt die Durchsage. Der an die Weihnachtsgeschichte erinnernde Name der Haltestelle unterstreicht die winterliche Stimmung an diesem Abend. Als das Tram schliesslich via Tscharnergut und Gäbelbach am Brünnen Westside Bahnhof eintrifft, werden alle Passagiere in die klirrende Kälte entlassen. Noch bevor die letzten im Wärme bietenden, grell beleuchteten Einkaufszentrum verschwunden sind, verlässt Tram Nr. 8 die Endstation in Richtung Saali. Dass eine Minute später bereits das nächste Tram auf den Gilberte-de-Courgenay-Platz rollt, zeigt, wie mobil die neuen Tramlinien Bern West machen.

 

“FC Basel-Fantram” kurvt durch die Gassen

Nicht nur im Westen hat es Änderungen gegeben für die Nutzer des öffentlichen Verkehrs. Das “blaue Bähnli” fährt jetzt von Worb her nicht mehr nur bis Zytglogge, sondern via Bahnhof bis Fischermätteli. Aber ein blaues Bähnli, das durch die ganze Stadt fährt, ist irgendwie kein blaues Bähnli mehr. Nicht nur, weil die Endstation traditionell auf dem Casinoplatz beim Zytglogge gewesen ist. Der RBS (Regionalverkehr Bern-Solothurn), der das blaue Bähnli betreibt, arbeitet nun enger mit Bernmobil zusammen. Schliesslich ist bis vor Kurzem noch das Tram Nr. 5 ins Fischermätteli gefahren. Deshalb hat das neue Bähnli im Mittelteil das Rot von Bernmobil angenommen. Als “FC Basel-Fantram” kurvt nun das blaurote Bähnli durch Berns Gassen und macht dabei einen etwas verlorenen Eindruck.

 

Trams gehören zu Bern und Berner lieben Trams. Dies ist ein altbekannter Fakt. Für einige Berner mögen Tram Nr. 7 nach Bümpliz, Nr. 8 nach Brünnen Westside Bahnhof und Nr. 6 nach Worb noch etwas Befremdendes haben. Sei es, weil die Trams mit anderer Nummerierung oder neuer Farbe durch die Stadt fahren: In einigen Jahren werden auch diese Linien gleichermassen zu Bern gehören wie das Nünitram. Vielleicht wird dann die eine oder andere Linie gar ebenfalls ein eigenes Lied haben.