Kultur | 01.11.2010

“Tschiirget oder laatscht man herum?”

Ab heute findet das Musical "Ewigi Liebi" im Berner Wankdorfstadion seine Fortsetzung. Geliebt wird auf Berndeutsch - doch das will erstmal gelernt sein. Tink.ch hat die Antwort auf alle Mundartfragen getroffen: den hauseigenen Dialektcoach Reto Mosimann.
Reto Mosimann: "Manchmal haben wir 'kääret', welches Wort wir verwenden sollen."
Bild: Corina Fuhrer Sabe und Ferdinand im Musical "Ewigi Liebi", das laut Mosimann dem ABBA-Effekt einen Grossteil seines Erfolgs verdanke. Christian Knecht

Reto Mosimann, Sie sind beim Musical “Ewigi Liebi” als Dialektcoach tätig, nach der Saison 2008/2009 in Zürich nun auch dieses Jahr in Bern. Wie kamen Sie zu diesem – doch sehr außergewöhnlichen – Job?

Für die Arbeit als Dialektcoach fragte mich Regisseur Dominik Flaschka an, mit dem ich auch schon zusammengearbeitet hatte. Er wusste, dass ich Berner bin, und es wurde ein Ersatz für den früheren Coach gesucht. “Ewigi Liebi” spielt ja in Bern – genauer im Trueb – und daher müssen die Schauspieler schon Berndeutsch sprechen.

 

Was sind Ihre Aufgaben als Dialektcoach?

Darstellerinnen und Darsteller aus anderen Kantonen haben natürlich eine ganz andere Stimmmelodie und müssen zuerst einmal Wort für Wort auswendig lernen. Ich habe die Rollen auf Band gesprochen und den Schauspielern Stimmproben zum Lernen mitgegeben. Zum Teil handelt es sich nur um ganz kleine Unterschiede zwischen dem Berner Dialekt und anderen Dialekten, die man aber als Berner hört, wenn sie jemand falsch ausspricht. Gewisse Schauspieler haben dann zum Spass mit mir neben der Bühne auch Berndeutsch gesprochen – und ich habe sie natürlich konstant korrigiert – da haben sie es schnell wieder gelassen (lacht).

 

Welche Lernstufen durchläuft der Darsteller, bis er den Dialekt innehat? Wo liegen die Schwierigkeiten?

Zuerst ist es wirklich eine reine Fleissarbeit. Nach dem Auswendiglernen kommen die Emotionen dazu, welche der Schauspieler in die Rolle legen muss. Sobald man jedoch emotional wird, verliert man den fremden Dialekt eher wieder. Das war für die Schauspieler die grösste Schwierigkeit: Dass sie die Emotionen im Berndeutschen genau so transportieren können, als würden sie im eigenen Dialekt sprechen.

 

Etwa die Hälfte der Darsteller ist mit dem Musical von Zürich ins Wankdorf umgezogen. Welchen Umfang nahm Ihre Arbeit hier in Bern ein?

Ich bin jetzt in Bern auch noch Regieassistent und daher glücklicherweise die ganze Zeit vor Ort. Meine Arbeit als Dialektcoach ist noch nicht abgeschlossen, ich besuche die Proben und korrigiere wo nötig. Auch während der Show werde ich circa alle zwei Wochen reinschauen, und Dinge verfeinern, die vielleicht wieder etwas verloren gegangen sind – denn die Schauspieler selbst merken das nicht. Letztes Jahr in Zürich gab ich stundenweise Unterricht und habe zugleich den Hanspeter gespielt. Es ist jedoch viel einfacher, das Ganze nur vom Bühnenrand zu beobachten.

 

Sie sprechen neben dem Berner auch noch den Zürcher Dialekt.

Ja, ich wirke bei Hörspielen mit und mache auch Werbung fürs Radio – beides ist meistens auf “Zürideutsch”. Ich bin in Bern aufgewachsen und musste mir den Zürcher Dialekt auch zuerst aneignen. Es gibt meiner Meinung nach aber einfachere und schwierigere Dialekte. Um den St. Galler Dialekt zu sprechen, müsste ich sicherlich einiges mehr an Aufwand betreiben. Auch Innerschweizer Dialekte finde ich extrem schwierig. Je weiter weg die Dialekte jedoch vom eigenen Sprachgebiet liegen, desto leichter lernt man sie. Das ist mir auch jetzt bei den Schauspielern aufgefallen: Diejenigen, welche einen Dialekt nahe am Berndeutschen sprechen, hatten mehr Mühe damit, das reine Berndeutsch zu erlernen, als zum Beispiel Zürcher.

 

Die eher traditionellen Ausdrücke oder auch Flüche, welche im Musical verwendet werden, wie zum Beispiel “Gigu”, kommen doch sehr viel harmloser daher als das Vokabular der Jugendlichen. Wird sich in 50 Jahren niemand mehr an Worte wie “Chlööpe” oder “Galöri” erinnern?

Durch meine Tätigkeit als Lehrer ist es mir natürlich ein Anliegen, dass der Dialekt beibehalten wird. Ich bin gegen rein schriftdeutschen Unterricht, gerade in musischen Fächern wie Werken oder Sport. Wenn es Kinder in meiner Klasse hat, die den Dialekt nicht verstehen, ist ganz klar, dass ich das Gesagte auf Hochdeutsch wiederhole. Aber es ginge sehr viel von unserer Sprache verloren, wenn nur noch auf Hochdeutsch unterrichtet würde. Ich bin überzeugt, dass man dies irgendwann erkennen – und der Trend wieder zurück zum Dialekt gehen wird. Und wenn die Kinder in meiner Klasse nur noch auf Englisch fluchen, erinnere ich sie schon daran, dass es auch noch berndeutsche Ausdrücke gibt (lacht).

 

Sind sie ein Dialekt-Naturtalent oder gab es auch Berndeutsche Ausdrücke, die Sie vor Ihrer Stelle als Berndeutsch Coach noch nicht kannten?

Es gab Situationen wo wir “kääret” haben, ob man nun besser dieses oder jenes Wort verwenden soll. Berndeutsch ist sehr vielfältig, je nachdem, aus welcher Ecke jemand kommt, verwendet er unterschiedliche Begriffe für dieselben Dinge. Sagt man zum Beispiel besser man “tschiirget ume” oder man “laatschet ume” für herumlaufen? Bei den Proben gab es unter uns Bernern einige Diskussionen. Als das Musical in Zürich aufgeführt wurde, habe ich aber darauf geachtet, dass man allgemeinverständlichere Ausdrücke verwendet.

 

Über 350’000 Menschen haben die Vorstellung bisher besucht. Auch die Liebe des Publikums zum Musical scheint ewig. Woran liegt es ihrer Meinung nach?

Ich denke, das Musical trifft den Nerv der Zeit. Es ist unterhaltsam und zusammengesetzt aus Liedern, die jeder kennt. Ich nenne das den “ABBA-Effekt”: Bei “ABBA – Das Musical” kannte man die Musik auch schon vor dem Musical. Ich finde auch die Liederauswahl gut und wie sie in der Inszenierung eingebettet und umgesetzt werden – es ist leichte Unterhaltung, die ein breites Publikum anspricht. Jeder findet sich irgendwo wieder. Einfach einen Abend lang lachen, zurücklehnen und geniessen.

 

Grundlegend für den Erfolg des Musicals ist wohl auch die Thematik an sich: eine Liebesgeschichte mit glücklichem Ausgang – was sich jeder der Zuschauer wohl insgeheim auch für sich wünscht. Glauben Sie an die ewige Liebe?

Natürlich! So arbeitet Hollywood – so arbeiten auch wir beim Musical (lacht). Liebe kann sich verändern und entwickeln, daher glaube ich schon an die ewige Liebe. Wie man dann die Liebe sieht und ausdrückt, ist jeder und jedem selbst überlassen.

 

 

Er waltet im Klassenzimmer und auf der Bühne


Reto Mosimann, 1975 in Bern geboren, absolvierte in Bern die Lehrerausbildung und liess sich danach in London an der Mountview Theatre School zum Schauspieler ausbilden. Er war unter anderem mit Walter Andreas Müller mit einer Komödie auf Tournee und spielte in verschiedenen Musicals und Kindertheatern mit. Zurzeit ist er mit “Jim Knopf” im Bernhard-Theater in Zürich sowie in “Das Zelt” zu sehen. In Chur ist er diese Saison Schauspielleiter beim Jugendmusical.

 

Links

  • Im Jugendmusical Chur, studierst du – ob mit oder ohne Vorkenntnissen – innerhalb von 10 Tagen ein bühnenreifes Stück ein.
  • Härzchäferli! “Ewigi Liebi”, die leicht urchige Liebesgeschichte gastiert seit heute in Bern.