Gesellschaft | 15.11.2010

Sind wir Schweizer staatshörig?

Text von André Müller | Bilder von Berliner BGE-Bote
Deutschland ist im Castor-Fieber, wie immer, wenn die Atomzüge nach Gorleben rollen. In der Schweiz wird der Protest gegen die Kernkraft auf anderen Wegen ausgetragen. Woran mag das liegen?
Eine breite Front gegen Atomstrom: In Deutschland wird der Protest nicht an der Urne ausgetragen.
Bild: Berliner BGE-Bote

Blockaden, Proteste, Ungehorsam. Wenn Deutschland seinen Atommüll nach Gorleben transportiert, wiederholt sich Mal für Mal dasselbe Spiel: Atomgegner besetzen die Bahnstrecke des Castor-Transports, zehntausende Polizisten tragen sie von den Geleisen, um dem Plutonium den Weg frei zu räumen. Begleitet wird die Aktion vom rhetorischen Feuerwerk der Politiker von links bis rechts, welche meist der Gegenseite vorwerfen, die Zukunft Deutschlands aufs Spiel zu setzen.

 

In der Schweiz vermögen diese Transporte nicht dieselbe Wirkung zu erzielen. Die abgebrannten Brennelemente aus Mühleberg, Leibstadt und Gösgen finden ohne Probleme den Weg ins Zwischenlager Würenlingen. Allgemein fehlt unserer Atomdiskussion die Leidenschaft der Castor-Gegner und -Befürworter. Sind die Schweizer einfach disziplinierter, angepasster, gar staatshöriger als die Deutschen?

 

Demo auf dem Wahlzettel

Das trifft kaum zu, greift der Deutsche Staat doch viel energischer ins Leben seiner Bürger ein, ohne dass diese sich lebhaft dagegen zur Wehr setzen. Kaum ein Deutscher fordert ein Bankgeheimnis für die Bundesrepublik. Wie kann man die eidgenössische Atom-Passivität sonst noch erklären? Meist bleiben wir hier bei unserer Allerweltserklärung: Die direkte Demokratie macht-˜s möglich. Weil wir in jeder Sachfrage mitbestimmen, akzeptieren wir die gefällten Entscheidungen viel leichter.

 

Schaut man hingegen nach Frankreich, verliert diese Theorie etwas an Glaubwürdigkeit. Die Franzosen zeigen ihre Meinung oft und gerne auf der Strasse, Blockaden und Streiks gehören schon fast zum politischen Alltag. Doch obwohl die 60 Reaktoren in Frankreich weit mehr Atommüll produzieren als deren 17 der deutschen Nachbarn, lockt das keinen auf die Schienen.

 

Das Atom, Stolz der Nation

Die politische Kultur eines Landes spielt also eine entscheidende Rolle in der Frage, ob man die Atomtechnik als Skandal betrachtet. Für viele Franzosen gehört die „force frappe“, das Arsenal an Atomwaffen, zu ihrem Staat dazu. Das Atom liefert eher Grund zum Stolz als Anlass zur Angst vor Verstrahlung und einem Super-GAU. Auch hier besteht eine Parallele zur Schweiz, welche sich nach dem Zweiten Weltkrieg selbst überlegte, Atomwaffen herzustellen. Erst 1981 wurden die dafür vorgesehenen militärischen Uranreserven aufgehoben und für die zivile Nutzung verwendet. Im Falle des besiegten Deutschland wiederum hatte sich die Frage der atomaren Bewaffnung nach dem 2. Weltkrieg gar nie ernsthaft gestellt.

 

Die Schweiz ist nun aber weder Frankreich, noch Deutschland. Vermutlich stimmt sie gegen Ende 2013 darüber ab, ob ein bis zwei neue Atomkraftwerke gebaut werden sollen. Von Staatshörigkeit wird sicher nicht viel zu spüren sein, wenn Greenpeace und andere AKW-Gegner zum Nein aufrufen. Aber unabhängig davon, wie die Abstimmung ausfallen wird: Man wird sich wohl auch hier auf den Protest an der Urne beschränken.

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