Kultur | 02.11.2010

Reale Illusion

Das Shift Festival der elektronischen Künste zeigt eine Welt, die als Welt der Illusionen längst Realität geworden ist.
Die Glaubwürdigkeit mancher historischer Quellen muss in Frage gestellt werden. Dies ist die Aussage des Videos "Once In The XX Century" (2007) von Dimantas Narkevičius...
Bild: Katharina Good ...und des Werkes "Fure Perfect, 21st Century" (2006) von Marie Velardi. "Warum sollte uns virtuelle Realität überzeugen, wenn manchmal nicht einmal die Realität selbst überzeugend ist?", fragt der Künstler Niklas Roy mit der Installation "Grafikdemo" (2004).

Lenins Rückkehr

Die Menschen jubeln. Begeistert sehen sie zu, wie die Lenin-Statue in der Stadt Vilnius, Littauen aufgebaut wird. Als der Oberkörper des kommunistischen Führers und Gründers der Sowjetunion auf dem Laster zum Sockel transportiert wird, brechen die Emotionen aus: Tanzende Zuschauer, geschwenkte Fahnen, vermutlich die ganze Stadt beobachtet die Montage des Denkmals. Doch Halt! War das nicht anders? Die Statue wurde doch nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 zerstört?

Der litauische Künstler Deimantas Narkeviius formte die Aufnahmen des Medienereignisses kurzerhand um. Durch den Schnitt des originalen Filmmaterials, das zur damaligen Zeit im Fernsehen übertragen wurde, verleiht er den historischen Dokumenten eine neue Bedeutung. Die Dokumentation zeigt statt dem Abbau nun den Aufbau des Lenin-Denkmals. Eine Dokumentation, wie wir sie heutzutage aus den Nachrichten kennen.

 

Atomkrieg und Vernichtung der Menschheit

Auf eine andere Art verfährt Marie Velardi aus Genf. In einem Zeitstrahl präsentiert sie die Zukunft der Menschheit im 21. Jahrhundert. Nach einem nuklearen Krieg werden sich die Maschinen gegen die Menschen wenden. 2037 wird nach einem Unfall der Mond zerstört werden, dessen auf die Erde stürzende Fragmente werden die Menschheit auslöschen. Velardi zitiert Ereignisse, die Filme oder Autoren “vorausgesagt” haben. Sie stellt somit die historischen Quellen in Frage. Sind die Ereignisse heute noch als fiktive Erfindungen von James Camerons “Terminator” und H.G. Wells-˜ “The Time Machine” bekannt, können sie in verändertem Kontext als historische Quellen Verwendung finden.

 

Traue deinen Augen nicht!

Die Frage nach der Wahrheit der technischen und medial vermittelten Ereignisse ist heute aktueller denn je. Zwischen Realität und Vorstellung scheinen die Grenzen zu verwischen. Die dreidimensionale Illusion einer Teekanne in einem CBM Computer der 80er-Jahre entpuppt sich als Drahtmodell, das mit fluoreszierender Farbe behandelt ist. In der Arbeit “Grafikdemo” von 2004 des deutschen Künstlers Niklas Roy ist die Illusion plötzlich die Realität selbst. In der Frage “Warum sollte uns virtuelle Realität überzeugen, wenn manchmal nicht einmal die Realität selbst überzeugend ist?” ist es der Betrachter, der die physisch reale Welt als Illusion konstruiert.

 

Reale Erfahrung der Illusion

Die Illusionen der technischen Bilder und der elektronischen Erzeugnisse sind schon lange Teil unserer Realität. Elektronische Musik wie auch elektronische Bilder sind im alltäglichen Leben verankert. Eine klare Abgrenzung zwischen realer und illusorischer Welt fällt zunehmend schwerer. Durch Computer erzeugte Bilder sind optisch nicht mehr von einer Fotografie zu unterscheiden. Als Teil unserer Kultur eröffnen sie neue Erfahrungshorizonte, führen mit einer eigenen Ästhetik zu neuen Betrachtungsweisen der realen Welt und entführen in eine andere Welt. Keine Illusion der Erfahrung, sondern die reale Erfahrung der Illusion. In der Welt der Games, derjenigen der elektronischen Musik oder der Welt der Bilder.

 

Das Shift Festival der elektronischen Künste in Basel zeigt Kunst, die sich mit der Illusions- und Realitätsbildung beschäftigt. Die elektronischen Bilder regen gleichsam an zur Reflexion wie auch zum Eintauchen in Illusionen, die längst zur Realität geworden sind.