Kultur | 29.11.2010

Peer und die Party im Theater

Das Luzerner Theater lud zur Take-Off-Party für junge Menschen ein - und zeigte Henrik Ibsens fabelhaftes Stück "Peer Gynt". Die Geschichte eines abenteuerlichen Lebens.
Der junge Peer Gynt malt sich eine Zukunft als Kaiser aus.
Bild: T+T Fotografie / Toni Sutter / Luzerner Theater Das Ende des alten Peer Gynt ist nahe.

Auf der Suche nach dem roten Faden

Ich setze mich auf meinen Platz in der zweiten Reihe und bestaune das Interieur der Bühne. Bücher und Reisekoffer türmen sich, eine alte Badewanne steht mitten im Raum, in einer Ecke liegen Stofftiere, die verwitterten Wände zeugen noch von einstigem Prunk. Nichts scheint zusammenzupassen. Ich bin gespannt und freue mich auf das Schauspiel, das soeben beginnt. Es braucht einige Zeit, bis ich den roten Faden in der Geschichte finde und die Rollen zuordnen kann. Der junge Bauernsohn Peer Gynt versucht, mit Lügengeschichten der tristen Realität zu entkommen. Er sucht das Abenteuer, entführt die Braut eines anderen, verstösst diese kurze Zeit später wieder, geht seines Weges und trifft Trolle und andere Gestalten. Er gewinnt viel in seinem Leben, verliert jedoch alles. Peer wird dabei in drei Rollen besetzt: Als ärmlicher Jugendlicher, als gestandener Erwachsener und als verarmter Greis. Das äussere Erscheinungsbild verrät den Wandel in Peer Gynts Leben. Die drei «Ichs« führen oft einen emotionalen, verbalen Schlagabtausch, bei dem existentielle Fragen aufgeworfen werden.

 

Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens

Der alte Peer resümiert sein Leben passenderweise mit einer Zwiebel. Mit allen Kräften versucht er, die einzelnen Schalen abzureissen, um den Kern zu entdecken. Ich rieche den Zwiebelduft und kann ihm in dieser packenden Szene nachfühlen. Neben all den bedrückend wirkenden Szenen, in denen gestorben und geschrien wird, gibt es aber auch viele Momente, in denen ich ausgelassen lachen kann. Zum Beispiel, wenn sich die Darsteller immer wieder in kuriose Reimzwänge verstricken oder ein ganzer Hofstaat von Trollen zu Beyonce Knowles-˜ «Single Ladies« tanzt. Zeitgemässes vermischt sich mit dem klassischen Stück, das 1867 geschrieben wurde. Ohnehin passt die Thematik hervorragend in die heutige Zeit, was die Regie auch bewusst in Szene setzt. So verlässt der ergraute Peer seine Rolle und sinniert über das heutige Dasein als Schauspieler.

 

Wie lange dauert die Suche nach uns selber? Übernehmen wir Rollen und lügen damit andere, aber auch uns etwas vor? Wer sind wir am Ende? Mit einem Kopf voller philosophischen Fragen verlasse ich nach dem fulminanten Ende den Theatersaal. Beste Voraussetzungen für eine angeregte Unterhaltung an der Bar, denn anschliessend findet im Theaterfoyer eine Party mit DJ Chucks statt. Was bleiben wird, ist eine aufrüttelnde Sicht auf das eigene “Ich” und eine grosse Achtung vor den gezeigten schauspielerischen Leistungen. Und leider auch “Single Ladies” als Ohrwurm.

 

 

Info


Das Take-Off-Angebot des Luzerner Theaters richtet sich an junge Menschen bis 25 Jahre sowie an Studierende/Auszubildende. An ausgewählten Daten können bestimmte Vorstellungen für wenig Geld (15 Franken) besucht werden. Danach findet noch eine Party im Theaterfoyer statt. “Peer Gynt” wird noch am 30. Dezember 2010 sowie am 07. und 20. Januar 2011 aufgeführt.

 

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