Politik | 19.11.2010

“Man muss die Menschen mögen”

Alt-Bundesräte Ruth Dreifuss und Adolf Ogi haben heute Morgen als Schweizer Politprominenz die Jugendsession 2010 unter dem Motto "Politiker sein ist toll" eröffnet. In einem spannenden und erstaunlich offenen Gespräch haben sie den Jugendlichen einen Einblick gegeben, was am Politikerleben toll ist - und was weniger.
200 Jugendliche im Nationalratssaal: Die Eidgenössische Jugendsession 2010 ist eröffnet.
Bild: Michael Dolensek Ruth Dreifuss und Adolf Ogi erzählen, was am Politikerleben toll ist. Mit seiner menschennahen Art erntet Ogi viel Applaus.

“So ruhig war’s im Nationalratssaal noch nie”, sagt Sonja Hasler, die an der Eröffnung das Gespräch mit den Alt-Bundesräten Adolf Ogi und Ruth Dreifuss moderiert. Erstaunlich eigentlich. Immerhin sitzen heute 200 Jugendliche im Nationalratssaal an Stelle der gestandenen Politiker des Schweizer Parlamentes. Aus allen Sprachregionen der Schweiz sind sie angereist, um während 55 Stunden miteinander zu debattieren, sich kennen zu lernen und es zu geniessen.

 

Ruth Dreifuss wurde 1993 nach der Nichtwahl der offiziellen SP-Kandidatin Christiane Brunner von einer Protestwelle als zweite Frau in der Geschichte der Schweiz in den Bundesrat getragen. Adolf Ogi, der ehemalige SVP-Bundesrat, ist mit seiner Neujahrsrede vor dem Lötschbergtunnel und seinem Ausruf “Freude herrscht” zu einer wahren Kultfigur geworden. Die beiden leidenschaftlichen Bundesräte eröffnen die diesjährige Jugendsession mit ihrem Gespräch über ihren Werdegang und ihre Motivation Politik zu machen.

 

Ruth Dreifuss erzählt, wie sie Adolf Ogi zum ersten Mal auf dem Trottoir vor dem Bundeshaus angetroffen hat. Er war bereits Bundesrat. Sie war als Gewerkschaftsführerin aus dem Fernsehen bekannt. Adolf Ogi sei einfach auf sie zugekommen und habe sie begrüsst: “Bonjour, Madame Dreifuss.” Dies sei Ogi, meint sie. Er habe immer erkannt, dass es aus allen politischen Lagern Leute braucht, die sich einsetzen, und dieses Engagement geschätzt. Das herzliche, ja freundschaftliche Verhältnis des ehemaligen SVP-Bundesrates und der ehemaligen SP-Bundesrätin ist beeindruckend. Für beide ist klar, dass es wichtig ist, auf die Argumente der andern zu hören, den andern zu respektieren. “Man muss die Menschen mögen”, sagt Adolf Ogi. Dieses Prinzip der “Vier M”, habe ihn in seiner ganzen Politik-Karriere geleitet.

 

Adolf Ogi und Ruth Dreifuss haben ihre Leidenschaft für Politik gemeinsam. Die Wege, wie sie dazu gekommen sind, unterscheiden sich aber deutlich. Ruth Dreifuss ist in Genf, der wohl internationalsten Stadt der Schweiz aufgewachsen. Vor der Schweizer Politik hat sie sich vor allem für die grossen Fragen der Weltpolitik interessiert. Adolf Ogi nennt drei Menschen, die seinen Weg geprägt haben: Sein Vater und sein Schulleiter, die beide Gemeindepräsidenten waren, sowie der Dorfpfarrer. Dass die Welt auf der andern Seite der Alpen weitergeht, hat er durch die zahlreichen ausländischen Touristen, die bei seinem Vater Ski fahren gelernt hatten, erfahren.

 

“Herr Ogi, was war das spannendste Thema, das Sie als Bundesrat behandelt haben?«, will Melanie Schuler aus dem Plenum wissen. Das spannendste, aber auch das schwierigste Projekt sei die NEAT gewesen, sagt Ogi. Der Kampf um diesen Tunnel habe ihn sogar nachts gequält. Hier habe er gelitten.

 

Wenn man plötzlich nicht mehr Bundesrat ist, gibt es aber auch Dinge, die einem fehlen. Ruth Dreifuss sagt, sie hätte vor allem ihr Team, ihre Mitarbeitenden vermisst. Dennoch: Weder Dreifuss noch Ogi erachten die Zeit im Bundesrat als den wichtigsten Abschnitt ihres Lebens. Für Ruth Dreifuss war die Arbeit bei der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) prägend, für Ogi war seine Aufgabe als UNO-Botschafter für Sport, Frieden und Entwicklung die Krönung seiner Karriere.

 

Ein bisschen Bundesrat aber, so scheint es, ist Ogi auch heute noch. Auf die Frage, was er über die provokativen SVP-Plakaten zur Ausschaffungsinitiative denke, gibt er eine klare Antwort. Er steht auf, zieht seine Weste demonstrativ aus und sagt, dass er seinen Parteichef-Kittel abglegt habe, als er zum Bundesrat gewählt wurde. Er werde deshalb auch bei der Ausschaffungsinitiative wie der Bundesrat stimmen. Das Votum erntet Applaus.

 

In ihrer Schlussbotschaft an die Jugendlichen betont Ruth Dreifuss noch einmal, wie wichtig es sei, als Politikerin oder Politiker die Ohren offen zu halten für die Argumente aller Seiten. Oder, wie es Ogi sagt: “Wir bauchen dringend eine bessere Welt! Dafür brauchen wir Politiker, religiöse Leader, Wissenschaftler und Wirtschaftsleute. Und wir brauchen auch die Jugendlichen.” Zuletzt gibt er den Jugendlichen noch folgenden Tipp: “Wenn ihr Bundesräte werdet, denkt auch an die Zeit danach. Stellt einen Sekretär ein.” Fanpost will schliesslich auch beantwortet werden.