Kultur | 15.11.2010

“Je ne parle pas!”

Gerne sprechen die Schweizerinnen und Schweizer über die Sprachenvielfalt in ihrem kleinen Land. Aber wie sieht es in der Realität aus? Eine Alltagssituation kann zum Nachdenken anregen. Wem kommt eine solche Situation nicht auch bekannt vor?
Sprichst du schon, oder schweigst du noch?
Bild: Fritz Schuhmann / youthmedia.eu

Manchmal wundert man sich doch über die Schweiz. So ein kleines Land mit so vielen Sprachen. Und alle verstehen einander irgendwie. Die Betonung liegt wohl auf irgendwie und manchmal klappt es halt auch irgendwie nicht. Das kann dann in etwa so aussehen: Ein Mann sitzt mir gegenüber im Zug. Als der Kondukteur kommt, will der Mann wohl eine Frage stellen und versucht es mit “Excusez-moi”, woraufhin der Bahnmitarbeiter nur “Je ne parle pas français” entgegnen kann und mit schnellen Schritten das Zugabteil verlässt. Das Ganze wohlgemerkt bereits im französischen Teil der Schweiz. Ich bleibe peinlich berührt zurück und frage mich, wie der Herr eigentlich an den Job gekommen ist.

 

Papier versus Realität

Voraussetzung für die Tätigkeit als Zugbegleiter bei der SBB ist laut Stellenprofil das Beherrschen von zwei Fremdsprachen. Er konnte anscheinend noch nicht einmal Englisch. Vielleicht hat er sich aber auch von dem Klischee abschrecken lassen, Leute mit französischer Muttersprache würden Englisch mehr schlecht als recht beherrschen. Meiner Meinung nach liegt in diesem Klischee auch ein Fünkchen Wahrheit, eine andere Alltagssituation aus der Romandie: Ein Kunde in einem Selbstbedienungsrestaurant fragt die Bedienung auf Englisch, ob er bitte das Öl haben könne. Als diese mit “oui” antwortet, frage ich mich, was eigentlich so schwierig daran ist, “yes” zu sagen. Den französischen Akzent würde man bei dem kleinen Wörtchen ja auch nicht hören.

 

Hörbare Grenzen

Also ehrlich: Die sprachliche Verständigung klappt einfach nicht immer. Da gibt es auf der einen Seite Aufdrucke auf T-Shirts, mit denen sich über die Aussprache der Deutschschweizer lustig gemacht wird, wenn sie anders als der Zugbegleiter doch französisch sprechen. Auf der anderen Seite bringt es auch nicht viel, in der Schule hochdeutsch zu lernen und beim ersten “Grenzübertritt” statt eines “Guten Tag” plötzlich ein “Grüezi wohl” entgegengeschmettert zu kriegen.

 

Sprache ist Kultur

Und so viel nur zu Deutsch und Französisch. Ganz zu schweigen von den zwei anderen Amtssprachen Italienisch und Rätoromanisch. Beide Sprachen haben in den letzten Jahren kontinuierlich Sprecherinnen und Sprecher verloren. Wie machen die Übriggebliebenen das bloss? Sie müssen einfach noch eine zweite Amtssprache beherrschen, wollen sie mehr als nur ihren Heimatort sehen. Das Angebot mit nur einer kleinen Uni im Tessin ist recht begrenzt und so zieht es die meisten in andere Schweizer Städte. Diese Flucht in deutsch- oder französischsprachige Ballungszentren stellt auch eine Gefahr für den Weiterbestand der Rätoromanischen Sprache dar.

 

Sprache ist Kultur. Viele Sprachen bieten die Chance einer kulturellen Vielfalt. Die Eidgenossinnen und Eidgenossen können sich also glücklich schätzen. Und sollten diese Vielfalt schützen. Alle vier Amtssprachen stehen formell gleichberechtigt nebeneinander, Rätoromanisch wird aber mittlerweile nur noch von etwa 0,5 Prozent der Bevölkerung gesprochen. Die Sprache mit jahrhundertealter Tradition wird immer mehr von anderen Sprachen verdrängt und ist vom Aussterben bedroht. Stirbt sie, stirbt auch ein Teil der Schweizer Kulturgeschichte.

 

Zurück im Zug

Wie ging es weiter mit dem Mann im Zug? Zum Glück war der Sitznachbar dem Französischen mächtig. Ich glaube aus ihrem Gespräch herausgehört zu haben, dass es doch eigentlich “obligatoire” sein sollte, dass der Kontrolleur Französisch spricht. Mehr hab ich nicht verstanden. Aber muss ich ja auch nicht, n’est – ce pas?