Politik | 30.11.2010

Es bleibt dunkel

Text von Luzia Tschirky
Es wird nach einer Demonstration viel geschrieben. Die Nachrichtenagenturen füttern die Medien mit Meldungen, die oftmals eins zu eins wiedergegeben werden. Auf Tink.ch könnt ihr den Bericht einer jungen Demonstrantin lesen, die keine Steine geworfen hat.
Die Demonstration brachte nicht mehr Licht ins Dunkle.

Ohne grosse Worte

Der Limmatquai ist voll. Die Menschen stehen dicht an dicht. Nein, die Streetparade wurde nicht auf November verschoben. Die Leute sind nicht hergekommen, um zu feiern. Es ist ein Trauerzug, der sich Richtung Bellevue schiebt. Beim Anblick der Massen überkommt mich innere Wärme. Am liebsten würde ich jeder und jedem die Hand schütteln und mich bedanken. “Schön, dass es dich gibt.” Den Leuten mit Flaschen, Steinen oder bengalischem Feuer würde ich die Hand jedoch nicht schüttlen. Unterwegs zum Bellevue sieht man immer wieder eingeschlagene Scheiben. Um mich herum höre ich öfters ein Murmeln. “Nicht gedacht, dass so viele kommen würden.” Ja, das hätte ich tatsächlich auch nicht gedacht. Auch wenn man die Leute um sich nicht kennt, so blickt man einander ins Gesicht und lächelt. Man scheint sich ohne grosse Worte zu verstehen. Nachdem so viel vor dem Wahlkampf geschrien wurde, ist die Stille angenehm.

 

Das Auge brennt

Weiter geht es am Stadelhofen vorbei. Jemand hat auf der Strasse einen grünen Van parkiert und aus grossen Boxen schallt Musik. Die Demonstranten werden leicht und fröhlich gestimmt. Aber nicht mehr lange, denn kaum sind wir um die Ecke gebogen, sehe ich die eingeschlagenen Scheiben bei der NZZ. Die Zeitung wird bestimmt nett über die Demonstration schreiben. Spätestens jetzt ist mir bei der Sache nur noch halb so wohl im Bauch. Aber ich entscheide mich doch dazu, weiterzugehen. Nur weil man an derselben Demonstration mitgeht, unterstützt man noch lange nicht alles, was an der Demonstration selbst geschieht. Vor dem Opernhaus liegt ein brennender Müllwagen auf der Strasse. Die Ausländerinnen und Ausländer, die ihn wegräumen müssen, werden keine Freude haben. Wir kommen an einem der nobelsten Zürcher Restaurants vorbei. Mit grossen Augen schauen die Hotelgäste aus dem Fenster. So etwas hätten sie wohl in Zürich nicht erwartet. Die ganze Situation erinnert an die Französische Revolution. Neben mir wird gefragt: “Weisst du, welche Bastillon wir stürmen?” Gerne wüsste ich auf diese Frage eine Antwort. Das Ganze erscheint mir immer zielloser zu sein. Kurz vor dem Rathaus kommt die Demonstration ins Stocken. Es werden Feuerwerke gestartet und beissender Rauch steigt in meine Nase. Ja, so also muss man sich Tränengas vorstellen. Das gute Gas hat seinen Namen wohl verdient.

 

Was bleibt

Die meisten Leute machen auf dem Absatz kehrt und kommen uns entgegen. Eine kleine Gruppe versucht mit der Parole “Keine Gewalt!” die Demonstranten an der Spitze vom Gegenteil zu überzeugen. Aber sie sind chancenlos. Nachdem die Demonstranten in alle Richtungen davon gesprungen sind, kommen wir um die Ecke beim Rathaus. Der Boden ist übersät mit Scherben. Mein Herz blutet. Auf der Strasse liegen Tische und Stühle eines Cafés. Der Kellner räumt sie von der Strasse. Auf mein Hilfsangebot meint er in gebrochenem Deutsch: “Fast fertig. Nur bitte nicht mehr machen.” Heute Abend bin ich auf die Strasse, weil ich dachte, Ausländerinnen und Ausländer verlören Rechte. Die Demonstration hat die Rechte jedoch wohl kaum gestärkt. Von hinten war nicht zu erkennen, wer die Demonstration anführte. Als ich bei mir zu Hause angekommen Bilder ansehe von der Demonstration, steht der schwarze Block zuvorderst. Ich ärgere mich. Solchen Leuten möchte ich auch im übertragenen Sinn nicht folgen. An der anschliessenden Diskussion über die Abstimmungsergebnisse mag stimmen, dass es in der Schweiz keine genügend starke Gegenkraft gibt. “Weisst du, ich habe vor der Abstimmung keine Plakate dagegen gesehen”, meint eine Bekannte am nächsten Tag zu mir. Ich muss ihr zustimmen. Wir sind in der Schweiz tatsächlich wieder soweit, dass wir Plakate für die Menschenrechte aufhängen sollten.