Gesellschaft | 08.11.2010

Ein Wetterbericht aus dem Zentrum Europas

Ein Hochdruck bestimmt das Wetter im Zentrum Europas, weshalb in Belarus seit fünf Jahren dieselbe Sonne regiert. Ein etwas anderer Wetterbericht.
Unterschriftensammlung für den belarusischen Dichter Uladsimir Njakljaeu (auf russisch: Wladimir Nekljaev).
Bild: zVg ...für Jaroslaw Romantschuk... ...und für Andrej Sannikov (man beachte die Europafahne im Hintergrund) Auch Lukaschenko sammelt im grossen Stil.

Die Sonne scheint bei niedrigen Temperaturen auf die adrett mit Stuckatur verzierten Fassaden an der Minsker Hauptstrasse. Minsk ist die Hauptstadt von Belarus und liegt so ziemlich genau im geografischen Zentrum Europas, wie wir das aus belarussischen Schulbüchern oder Fremdenführern lernen. Die meisten Bäume haben ihr Laub schon verloren, die Wiesen in den Parks hingegen sind noch grün. Vor den zentralen Kaufhäusern und in sämtlichen Metro-Stationen werden fleissig Unterschriften gesammelt für nett von Plakatwänden lächelnde Herren im Anzug. Denn wer 100’000 Unterschriften gesammelt hat, darf für das Amt des Präsidenten kandidieren.

 

Freie Wahl?

Die Unterschriftensammler stehen bei jedem Wetter draussen, einige mit Zelten, alle warm eingepackt und mit Thermokrügen. Friedlich grüssen sie vorbei schlendernde Milizionäre. Sie müssen keine Angst haben, weggejagt zu werden. Ein erfreulicher Anblick. Wenn das nicht Demokratie ist? Lukaschenko selber habe gesagt, man dürfe schon für jemand anderen unterschreiben, man könne ja dann immer noch ihn wählen.

 

Kein Wind of Change

Kühles, aber sonniges Herbstwetter, mit vereinzelten Windböen. Ein richtiger Wind of Change will aber nicht aufkommen. Die Prognosen stehen gut, dass auch in den nächsten fünf Jahren dieselbe Sonne über Belarus regiert. Dies könnte noch eine Weile so weitergehen. Jedenfalls so lange, bis der Sohn das Amt übernimmt, so die längerfristigen Prognosen von Hobby-Meteorologen aus dem Volk.

 

Hochdrucklage

Für die aktuelle Wetterlage verantwortlich ist ein Hochdruck über ländlichen Gegenden sowie über Arbeits- und Studienplätzen. Der Winter verspricht hart zu werden, und bei einer eventuellen Abwahl des liebevollen Landes-Vaters könnte eventuell die Versorgung von einzelnen Dörfern mit gewissen Rohstoffen nicht mehr gewährleistet werden.

 

Und so schlecht geht es dem Volk ja nicht. Die Wohnungen werden besser beheizt als sonst im Herbst. Verhungern muss niemand, selbst von den kleinen Invalidenrenten kann man leben, vorausgesetzt man ist bereit, sich auf Haferbrei zu beschränken. Auch die Meinungsfreiheit ist gewährleistet, jedenfalls was die oben erwähnte Vergabe der Unterschrift betrifft, und allfällige Gerüchte, dass politisch aktive Jugendliche verschleppt worden seien, sind wahrscheinlich von den Russen gestreut worden. Die Russen stellen übrigens den grössten Unsicherheitsfaktor in unserer Prognose dar. Es bestehe gar die Möglichkeit, dass die momentane Wetterlage nur die Ruhe vor dem Wirbelsturm sei, der bald aus Russland her über das Land fegen könnte.

 

 

Info


Die Autorin lebt und arbeitet für ein Jahr in Minsk, Belarus. Sie arbeitet als Langzeitfreiwillige im EVS (European Volunteer Service) bei einer regierungsunabhängigen Organisation für blinde Jugendliche. Dies konnte ermöglicht werden durch die Zusammenarbeit des SCI Schweiz und der New Group SCI Belarus und dank der Finanzierung durch Jugend in Aktion.