Kultur | 01.11.2010

Ein Lehrabend elektronischer Musik

An einem Anlass, der sich mit «Festival der elektronischen Künste« betitelt, darf eine prominente Kunstform natürlich nicht fehlen: Die elektronische Musik. Am Freitagabend standen in der Konzerthalle des Shift Festivals in Basel neben Altmeister Bruno Spoerri auch Vertreter der jüngeren Generation der Soundtüftler auf der Bühne.
Die grossen Stars des diesjährigen SHIFT-Festivals: Bruno Spoerri mit Joy Frempong (aka OY).
Bild: Tobias Söldi Gijs Gieskes mit seiner audiovisuellen Performance aus alten Gameboys und ähnlichen Geräten. Der Pionier Bruno Spoerri verbindet "traditionelle" Instrumente mit verschiedenen Synthesizern. Matthew Herbert und seine brillante Show, für die er verschiedene Atmosphärengeräusche in abgefahrene Musik verwandelt.

Den Anfang macht Gijs Gieskes aus Holland. Um seinen “Arbeitstisch”, der vor der Bühne steht, hat sich bereits eine Menschentraube gebildet, die dem Musiker – und das ist schon fast wörtlich zu nehmen – über die Schultern schauen. Kein Wunder, denn Gieskes arbeitet mit den typischen, wohl bekannten Gameboy-Sounds. Vier dieser mittlerweile doch ziemlich antiquarisch und klobig wirkenden Spielkonsolen sind auf seinem DJ-Pult aufgebaut und mit anderen nicht zu identifizierenden Geräten verkabelt. Ein nicht ganz alltäglicher Anblick. So stolpert und holpert die Musik Gieskes durch ein halbstündiges Set, und bleibt doch – zumindest streckenweise – tanzbar.

 

Altmeister der elektronischen Musik

Nicht so tanzbar, dafür unvergleichlich experimentell ist der Auftritt von Bruno Spoerri. Spoerri ist ein Schweizer Pionier der elektronischen Musik und gilt als eine der Hauptattraktionen des Shift Festivals . Das Trio, vervollständigt durch Sängerin Joy Frempong und Bassisten Flo Götte, verfremdet so ziemlich alle Töne, die sie auf ihren Instrumenten hervorbringen können. Auf diese weise werden sie dem Etikett “improvisierte Klangexperimente” gerecht, wie Spoerri ihre Musik in einer Ansage charakterisiert. Mit Gebrauchsmusik, wie sie der mittlerweile über 70-Jährige einst für Werbespots und TV-Shows komponierte, hat das nur wenig zu tun. Diese Musik bedarf einer ungeteilten Aufmerksamkeit, damit man den schrägen Tönen, den teils atmosphärischen Soundflächen und der mal treibenden, mal vertrackten Rhythmik folgen kann. Aus diesem Grund wohl ist die Konzerthalle für dieses Konzert noch bestuhlt. Und vielleicht auch wegen dem etwas fortgeschrittenen Durchschnittsalter der Besucher. Denn unter den Anwesenden sind auch einige Schulfreunde Spoerris zu finden. Witzig anzusehen auch, wenn Spoerri mit einem 20 Jahre alten Kamera-System perkussive Töne erzeugt, indem er vor einem Laptop mit Kamera stehend in der Luft herumfuchtelt. Das erinnert überraschend an die neuesten Entwicklungen aus der Game-Branche, man denke nur an Nintendo Wii.

Fazit: In Sachen experimentelle Musik kann manch junger Musiker auch von einem älteren Herrn noch etwas lernen.

 

Nicht ganz so tanzfreudiges Publikum

Dann werden die Stühle weggetragen, um Platz zum Tanzen zu machen. Es tritt der Schweizer Tomek Kolczynski auf, der allein mit seiner Stimme, einem Mikrofon und einem Computer das Publikum zum Tanzen bringt. Oder besser gesagt: Eigentlich zum Tanzen bringen sollte. Denn das nun eher jüngere Publikum gibt sich – abgesehen von einer Handvoll begeistert Tanzenden – etwas steif und distanziert.

 

Auch der englische Sampling-Künstler Matthew Herbert, der bereits Remixes für bekannte Künstler wie R.E.M. oder Björk angefertigt hat, schafft es nicht, das ganze Publikum zu animieren. An seiner Bühnenpräsenz kann es allerdings nicht liegen: Wie ein Derwisch springt Herbert zwischen seinen DJ-Pulten hin und her, klettert auf eine Leiter, um zu einem dort platzierten Musikgerät zu gelangen, und schüttelt dabei noch Kopf und Oberkörper, sogar auf der wackligen Leiter. Immerhin taut das Eis gegen das Ende etwas auf, und ein Teil lässt sich von den wummernden, heftigen Beats mitreissen. Doch tanzbar im klassischen Sinne ist das nicht, denn Herbert flechtet in seine Performance auch klassische Musik oder sonstige Klassiker der Popkultur ein, indem er an seinem tragbaren Handradio am Frequenzrädchen dreht. Oder er lässt einen Beat nur für Sekunden laufen und bricht ihn dann plötzlich unvermittelt wieder ab, wodurch er für verwirrte Gesichter im Publikum sorgt.

 

So bietet der Abend ein abwechslungsreiches Programm, das dem Namen des Festivals gerecht wird. Denn elektronische Musik – oder was man an diesem Abend zu hören und zu sehen bekam – darf man wohl getrost eine ernst zunehmende, spannende Kunstform nennen.