Kultur | 16.11.2010

“Du weisst nie, wann es dich erwischt”

Text von Martin Sigrist
You Say Party! besuchen die Schweiz, nachdem ihre Tour aufgrund des plötzlichen Todes ihres Drummers abgesagt wurde. Tink.ch traf die Sängerin der Band Becky Ninkovic.
Die Sängerin Becky Ninkovic spricht ganz offen mit Tink.ch. Bechy Ninkovic gemeinsam mit Tink.ch-Reporter Martin Sigrist vor der Kamera.

Wie geht es dir?

Becky Ninkovic: Es sind gemischte Gefühle. Bis jetzt fühlen wir uns auf diesem Trip gut. Es gibt aber immer wieder Momente wo wir Devon, unseren früheren Drummer, vermissen. Es kommen immer wieder Erinnerungen an ihn, teilweise durch kleine Auslöser. Heute habe ich einen Schwan gesehen, das hat schon gereicht. Du weisst eben nie, wann es dich erwischt.

 

Fühlt es sich komisch an, ihn nicht mehr dabei und ersetzt zu haben?

Wir sehen es nicht als Ersatz an, denn der neue Drummer ist einer von Devons besten Freunde. Wir fühlen uns alle sehr verbunden, auch mit dem neuen Keyboarder.

 

Bist du es leid, nur über euren verstorbenen Drummer zu sprechen? Dass ihr nur auf diesen Verlust reduziert werdet?

Nein, eigentlich haben wir nicht viel darüber gesprochen. Für eine Weile in Kanada hat es sich schon so angefühlt, aber jetzt tut es gut. Es ist wichtig, darüber zu sprechen, es kann hart, aber auch heilend sein. Oftmals ist es so schwierig, über solche Dinge zu sprechen, aber gleichzeitig auch ein Weg zu einem besseren Ort. Bis gerade war es mir nicht bewusst, doch jetzt merke ich, dass es gut tut, darüber zu sprechen. Es sind erst sechs Monate vergangen und wir erleben seitdem viele Dinge das erste Mal. Es ist aber auch eine Chance für einen Neuanfang und neue Gewohnheiten. Ich lebe jetzt mehr wie ich immer leben wollte. Ohne dieses einschneidende Erlebnis wäre ich wohl nie an diesen Punkt gekommen. Durch schwierige Zeiten, Verlust und Schmerz kann man viel lernen. Ich möchte, dass die Welt offener damit umgeht, auch mit schwierigen Zeiten.

 

Eure Band war oft nahe daran, auseinander zu fallen. Warum habt ihr immer weiter gemacht?

Wir wurden durch die Erfahrungen der letzten Jahre vorwärts getrieben. Wir haben einen Punkt erreicht, an dem wir vor Stress und Müdigkeit fast auseinander gefallen sind. Alles ist zusammen gekommen, psychisch und physisch. Wir mussten lernen, wie wir besser leben und uns lieben könnten. Dabei ist unser Album XXXX entstanden, wobei XXXX für Liebe steht, die Liebe als unsere Hymne sozusagen. Durch den Verlust von Devon und den Ausstieg unserer Keyboarderin Krista haben wir eine neue Einheit gefunden. Die Band funktioniert nun schon seit über sechs Jahren. Ich habe gemerkt, dass ich in Bewegung bleiben und mir Zeit für mich selbst nehmen möchte. Daneben aber auch die Fähigkeit zum Lachen und Spass habe. Man sollte es sich auch einmal erlauben, leicht und weniger ernst zu sein, Es gibt schon genug Scheiss im Leben. Auch auf die innere Stimme kommt es an, du kannst dich ins Grab oder in den Himmel reden. Ich musste lernen, was ich mir selber sage. Du bist immer dein eigener Gott, kannst dir alles sagen und es kommt die Antwort, die du willst.

 

Bringst du das alles rüber durch die Musik?

Ja, die Shows sind die wichtigsten Ventile für mich. Ganz egal, wie der Tag war auf der Tour, wenn die Zeit für den Auftritt kommt, dann ist es die Zeit, alle Energie raus zulassen, mich mit mir und den anderen zu verbinden. Es muss alles raus, das kann mal dunkel, mal eine Mischung aus dunkel und hell sein. Am liebsten mag ich es, wenn ich beides spüre.

 

Dann sind die Auftritte nicht immer glücklich?

Früher fühlte ich mich mehr unter Druck, glücklich zu sein auf der Bühne. Die Leute wollen doch Party haben, weswegen ich dachte, ich müsse also so oder so sein. Jetzt mache ich das nicht mehr, denn die Leute haben sowieso ihren Spass. Auch ich habe meinen Spass, wenn ich etwas aus meiner Seele raus lasse und dabei einen Ausgleich finde.

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