Kultur | 30.11.2010

Das Ende hat begonnen

Kaum jemand dürfte es übersehen haben. Auf Plakaten, in Zeitungen und Zeitschriften, im Fernsehen wird darauf hingewiesen: Im Kino läuft der neue "Harry Potter". Bereits über 75'000 Deutschschweizer strömten in der ersten Woche ins Kino, um sich bei Teil eins von "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes" zu gruseln, zu unterhalten und über einige Details zu wundern.
Harry Potter alias Daniel Radcliffe ist erwachsen geworden.
Bild: © Warner Bros Der siebte und letzte Teil der Reihe ist auch der düsterste.

Keiner kann leben …

… während der Andere überlebt. So will es die Prophezeiung. Hart auf hart soll es kommen. Entweder Lord Voldemort oder Harry Potter müssen sterben. Dunkle Mächte haben im letzten Teil von Joanne Rowlings Romanreihe sowohl das Zaubereiministerium in London als auch die Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei übernommen. Schulleiter Albus Dumbledore, der Harry als Einziger noch Sicherheit geben konnte, ist tot. Nirgends ist es mehr sicher für Harry, und die Zeichen stehen schlecht für ihn. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Und so macht er sich mit seinen altbekannten Freunden Ron Weasley und Hermine Granger auf, die sieben Horkruxe zu suchen, in die der dunkle Lord seine Seele aufgeteilt hat. Seine letzte Chance ist es, alle diese Horkruxe zu zerstören. Nur so kann Voldemort besiegt werden…

 

Buchgetreuer denn je

Für die Filmindustrie hat die Zweiteilung der Verfilmung von “Harry Potter und die Heiligtümer des Todes” einen angenehmen Nebeneffekt: Der Goldesel Harry Potter kann bis zum Maximum ausgeschlachtet werden. Abgesehen davon macht es aber dramaturgisch tatsächlich Sinn, den siebten Band von Harry Potter in zwei Filmen umzusetzen. Regisseur David Yates kann sich so viel Zeit nehmen, das grosse Finale um Harry Stück für Stück zu erzählen. Dies kommt Yates, der auch bei den beiden Vorgängerfilmen Regie geführt hat, zugute. Schliesslich wurde er insbesondere für die Umsetzung von”Harry Potter und der Orden des Phönix” stark kritisiert. Teil fünf gilt als der am schlechtesten umgesetzte der Harry Potter-Reihe, nicht zuletzt, weil sich Yates darin beträchtlich von der Romanvorlage abgewandt hat. Nicht so im aktuellen Film. Noch nie war ein “Harry Potter”-Film so buchgetreu gehalten wie dieser. Bis auf einige Ausnahmen sind alle im Buch vorhandenen Handlungssequenzen umgesetzt oder zumindest angetönt.

 

Düster und trotzdem komisch

Harry beziehungsweise sein Darsteller Daniel Radcliffe ist spätestens mit dem siebten Film erwachsen geworden. Wie das Buch ist auch der Film mit Abstand am düstersten ausgefallen. Auf Folter- und Mordszenen wird mit der Kamera draufgehalten und auch sonst kommt der Film in einem unheimlichen Grauton daher, der mitunter historische Vergleiche zieht. Wenn Harry, Ron und Hermine sich in eine im Zaubereiministerium abgehaltene Gerichtsverhandlung schmuggeln und dort sehen, wie eine Muggelgeborene nur aufgrund ihrer Herkunft aus einer Nicht-Zaubererfamilie verurteilt werden soll, dann kommen einem unweigerlich Parallelen zum zweiten Weltkrieg in den Sinn.

 

Doch es darf auch gelacht werden. Zum Brüllen komisch umgesetzt ist etwa das Täuschungsmanöver von Mitgliedern des Orden des Phönix: Sie verwandeln sich optisch in viele Harry Potters, während die Charakterzüge dieselben bleiben.

 

Reise durch “Mittelerde”

Die Suche nach den Horkruxen führt denn die drei Freunde zu verschiedenen Schauplätzen. Vom Piccadilly Circus im Zentrum Londons durch dunkle Wälder bis hin zu Godrics Hollow, dem Dorf, in dem Harrys Eltern gelebt haben. Dabei lehnt der Film zeitweise an Szenen aus “Der Herr der Ringe” an. Als Harry einen noch nicht zerstörten Horkrux trägt und das Böse beginnt, auf ihn einzuwirken, fühlt man sich einen Moment lang in Mittelerde. Wunderschön hervorgehoben wird die Stimmung im Film mit Helikopteraufnahmen von Wäldern und Flüssen. Melodien untermalen die Szenerie, die bereits aus älteren Filmen bekannt sind und das Bild so magisch unterstützen.

 

Das komplette Fernbleiben von Hogwarts als Handlungsort sowie der Mix zwischen Grusel und Komödie bieten Abwechslung vom Feinsten. Dass die emotionalste Szene allerdings gerade jene ist, in der man den – wohlverstanden computeranimierten – Hauselfen Dobby leiden sieht, spricht nicht gerade für die schauspielerische Leistung der Darsteller. Der Film weist ausserdem tricktechnische Schwächen auf: Voldemort lässt aus dem Körper einer alten Frau eine Schlange austreten. Rowlings Idee ist zwar kreativ, im Film wirkt die Szene ziemlich unglaubwürdig. Nie hängt jedoch die Story durch in “Harry Potter und die Heiligtümer des Todes”. Zweieinhalb Stunden lang besteht eine angenehme Anspannung, von Anfang bis Ende. Das pompös inszenierte Ende des Films macht Lust auf das definitive Finale im nächsten Juli. Dann, in Teil zwei, wird auch auf der Leinwand endgültig entschieden, wer überlebt.