Gesellschaft | 01.11.2010

“Darauf sind wir besonders stolz”

Text von Philipp Breu | Bilder von Philipp Breu
Die Renovierung der Magen Abraham Synagoge im Libanon nähert sich dem Abschluss. Ein weiteres Kapitel in der bewegten Geschichte der Synagoge: Zerstört wurde sie von israelischen Bombern auf der Suche nach PLO-Kämpfern, aufgebaut dank libanesischen Staatsgeldern.
Die Vorderseite der Maghen Abraham Synagoge erstrahlt bereits, der Putz ist noch frisch und sauber. Eine Innenansicht lässt erahnen, wie das Gebäude wohl einmal fertig aussehen wird. Die Malereien wurden über die letzten Wochen hindurch abgeschlossen. Eine einheimische libanesische Malerin verpasst dem Eingangsbereich seinen letzten Anstrich. Der Grund für das strenge Fotografierverbot: Wadu Abi Jamil, das Viertel, in dem die Synagoge liegt, befindet sich direkt vor dem Regierungssitz des libanesischen Premierministers Saad Hariri. Ein Blick in Richtung des Eingangs der Synagoge. Die Decke und große Teile der inneren Wände erstrahlen bereits in einem strahlend reinen Hellblau.
Bild: Philipp Breu

Leuchtend rote Ziegel bedecken das Dach, die weisse Fassade ist schon von Weitem zu sehen. Im Innenhof parken die schwarzen Autos der Arbeiter inmitten von Bauschutt und die vier Dattelbäume vor dem Eingang sind mit reichlich Staub bedeckt. Wir befinden uns auf dem Gelände der Magen Abraham Synagoge im ehemaligen jüdischen Viertel Beiruts, Wadi Abu Jamil. Das Viertel liegt direkt vor dem Serail, dem Sitz des libanesischen Premierministers Saad Hariri. Das ist auch der Grund, warum es nicht möglich ist, diese Strasse entlang zu gehen, ohne von einem Wachmann aufgefordert zu werden, auf keinen Fall Fotos zu machen.

 

Alte Substanz neu erweckt

Umrundet von unfertigen Betonpalästen, mit Baunetz bespannten Gerüsten, sowie Ausgrabungsstätten links und rechts des Gebäudes steht die Synagoge relativ isoliert im Viertel. In einer Geräuschkulisse geprägt von Vogelgezwitscher und dem fernen Geräusch von Presslufthämmern, steht direkt an der einzigen Strasse die sefardische Synagoge, die bald als die einzige tatsächlich funktionsfähige Synagoge im Libanon ihre zweite Eröffnung feiern wird.

 

Noch ist die der Strasse zugewandte Seite nicht gestrichen, und wenn man die stets abgesperrte und bewachte Baustelle betritt, fallen Schutt und Baustoffe ebenso auf wie das Fehlen von Fenstern oder die farbig isolierten Drähte, die aus vielen Bereichen der Decke und der Fassade herausschauen. Die drei schwarzen Autos im Hof gehören den drei bis fünf Malern, die momentan damit beschäftigt sind, die künstlerische Gestaltung der Synagoge zu beenden. Das ganze Team besteht aus 15 Leuten, die meisten davon sind Muslime. “Für andere religiöse Renovierungsprojekte wurden Künstler aus dem Ausland bestellt, aber die Synagoge wird von Libanesen restauriert, darauf sind wir besonders stolz”, sagt der 37-jährige Maler, der heute mit zwei jungen Frauen die Schicht übernimmt, seinen Namen möchte er aus Sicherheitsgründen nicht nennen.

 

Wiederaufbau als Zeichen

Aber auch sonst ist dieses Projekt alles andere als gewöhnlich: 1925 als eine der grössten und schönsten Synagogen im arabischen Raum eröffnet, wurde die Synagoge am 12. August 1982 während des libanesischen Bürgerkrieges von israelischen Flugzeugen bombardiert, was das Gebäude schwer beschädigt ohne Dach zurückliess. Die israelische Armee vermutete auf Grund einer hohen Konzentration von palästinensischen Unabhängigkeitskämpfern (PLO) in dem Viertel versteckte Waffen. 2006 wurden erstmals Pläne über eine Renovierung geäussert, welche auf Grund der Finanzkrise schliesslich erst im Mai 2009 begann. Der heute 67-jährige Vorsteher der jüdischen Gemeinde im Libanon, Isaac Arazi, nahm die Gelder für den Wiederaufbau entgegen, die unter anderem von der staatlichen Wiederaufbaugesellschaft “Solidere” des ehemaligen Premierministers Rafik Hariri kamen. “Solidere” zahlte jeweils 150’000 Dollar an 14 verschiedene religiöse Organisationen, um Renovierungen zu unterstützen, darunter auch die der jüdischen Gemeinde.

 

Der damalige Premierminister sagte damals: “Wir respektieren das Judentum genauso, wie wir das Christentum respektieren. Unser einziges Problem ist Israel.” Auch der 37-jährige Künstler teilt diese Ansicht: “Es ist ein tolles Projekt, um anderen beweisen zu können, dass wir alle zusammen leben im Libanon. Die Leute sprechen über religiöse Probleme, die gar nicht existieren. Wir sind sehr offen, im Gegensatz zu manch anderen Ländern, und diese Renovierung ist das beste Zeichen dafür.” Tatsächlich werden 18 Konfessionen vom Libanon offiziell anerkannt, darunter auch das Judentum, deren permanent im Libanon lebende Anhänger Isaac Arazi auf weniger als 100 schätzt. Selbst die Hisbollah, die in der Vergangenheit mehrere Male Israel angegriffen und Soldaten getötet hatte, unterstützte den Aufbau der Synagoge, wenn auch nicht mit Geld. Hussain Rahal, ein Sprecher der Hisbollah, betonte, dass “die Juden stets Teil des Libanon waren” und man nur ein Problem mit israelischer Besetzung von libanesischem Territorium habe.

 

Nicht nur für Touristen

Die geschätzten Gesamtkosten von etwa 1,2 Millionen Dollar sind also durch staatliche und private Spenden bereits gesichert, doch es gab auch Probleme. “Wir wollten die Synagoge nach alten Fotos originalgetreu wiederherstellen, doch die wenigen Fotos der Fassaden waren weder komplett, noch in Farbe erhalten. Deshalb waren wir gezwungen, unseren eigenen Stil und eigene Zeichnungen einzubringen”, erläutert der Maler. Seine farbverschmierten Finger deuten auf die drei grossen, mit Goldfarbe gemalten Davidsterne an der himmelblauen Decke. Die Decke des Gebäudes wie auch grosse Teile der inneren Fassaden wurden in einem hellen, sanften Blauton gehalten. Weisser, handbemalter Marmor und goldene Davidsterne fügen sich harmonisch in das Gesamtbild ein. Alles deutet auf einen baldigen Abschluss der Arbeiten hin, der Fortschritt wird mit etwa 75 Prozent angegeben. Sollte es keinerlei Verzögerungen mehr geben, wird das Gebäude im Dezember 2010 feierlich eingeweiht. Zu diesem Anlass soll ein Rabbi aus Europa kommen, der eine religiöse Zeremonie abhalten wird und der Gemeinde die Synagoge dann in einem voll funktionsfähigen Zustand übergibt. “Wir renovieren dieses Gebäude nicht nur für die Touristen, die Synagoge wird auch eine funktionierende jüdische Einrichtung für die Gemeinde sein. Vielleicht kommen sogar einige der geflohenen libanesischen Juden wieder zurück, ich würde es mir zumindest wünschen”, drückt der Maler seine Hoffnungen aus, während sein Blick aus einem der noch unverglasten Fenster in die Ferne schweift.

 

Die Renovierung liegt im Zeitplan und auch die ausstehenden Arbeiten wie die Installation der Möblierung oder die Fertigstellung des Toraschreines dürften keine Probleme mehr bereiten. Ein in der Geschichte des Libanon einmaliges Projekt nähert sich seinem Ende. Wie geht es danach weiter? “Wir haben bereits Pläne, den zerstörten jüdischen Friedhof für 200’000 Dollar wieder herzustellen. Bisher freuen wir uns aber erst einmal, dass die Magen Abraham Synagoge fertig wird. Es ist das erste und letzte Mal, dass Libanesen eine Synagoge renovieren. Sie war einmalig und sie wird es wieder sein.” Seine Begeisterung für das Projekt könnte nicht authentischer sein, obwohl er nicht einmal Jude ist.