Gesellschaft | 08.11.2010

Austausch der Kulturen

Vorurteile hat jeder Mensch, doch man kann auch etwas dagegen tun. Zwei Gruppen von Jugendlichen, eine aus Serbien, die andere aus der Schweiz, haben sich im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen getroffen, um einander besser kennen zu lernen. Ein voller Erfolg.
Am Ende verbindet die Jugendlichen mehr als sie trennt. Von eins bis zehn auf Serbisch.
Bild: Silvia Holenstein.

Erwartungsvoll reden alle durcheinander. Nur noch wenige Minuten, dann werden sie den Jugendlichen aus Serbien gegenüberstehen. In der vorherigen Stunde bereiteten die Lehrlinge der Stadtverwaltung St.Gallen sich auf das Treffen vor. Auf einem Plakat mussten sie die Vorurteile über Serben aufzählen. Darauf standen Dinge wie: Probleme im Ausgang, Schlägereien, Strassenmusiker, aufdringlich, Zicken. Kein sympathisches Bild.

 

Englisch als Brücke

Diese jungen Leute werden sie nun endlich kennenlernen. Fünf Tage verbringen sie mit ihnen im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen und erfahren dabei verschiedene Dinge über die andere Kultur. “Seid ihr bereit für die Jugendlichen aus Serbien?”, fragt die Gruppenleiterin. Ein unsicheres Raunen geht durch den Raum. Dann geht die Tür auf und die Serben strömen herein, um sich neben uns in den Kreis zu stellen. Von nun an wird alles auf Deutsch gesagt, dann ins Englische übersetzt und auf Serbisch wiederholt und umgekehrt. Die einzige verbindende Sprache ist Englisch. Während die Schweizer eher verunsichert in die Runde blicken, können es die Serben kaum erwarten, sich endlich auszutauschen.

 

Schnell wird erklärt, dass sich immer ein Serbe und ein Schweizer zusammenstellen sollen und dass es dann ein Speed-Dating geben wird. Die Schweizer stehen verunsichert herum, während die Serben sofort auf ihre Zielpersonen zugehen und diese freundlich begrüssen. Es ist ein eher unangenehmes Gefühl. Was soll man nun mit ihnen reden?

 

Verworfene Vorurteile

Das Problem mit dem Reden erledigt sich von selbst. Die Jugendlichen aus Serbien fragen einem sofort Löcher in den Bauch und reden wie ein Wasserfall. Nachdem jeder einmal mit jedem Gesprochen hat, gibt es wieder ein Gespräch in getrennten Gruppen. Die Gruppenleiterin fragt, wie die Serben nun eingeschätzt werden. Es gibt nur noch positive Rückmeldungen, von “Freundlich!” über “Sympathisch!” bis zu “Witzig!”. Alle Vorurteile lösen sich durch diese wenigen Minuten sofort in Luft auf.

 

In den nächsten Tagen finden verschiedene Workshops mit den Serben statt. Papierbrücken werden gemeinsam gebaut, Plakate erstellt und Spiele gespielt. Immer wieder führt man Diskussionen über die Situationen in den doch so verschiedenen Ländern. Dabei stellt man fest, dass ein Lehrling in der Schweiz schon fast mehr verdient als ein Erwachsener in Serbien. In Serbien gibt es zum Beispiel auch keine Lehre. Entweder studiert man und wird danach etwa Arzt oder Lehrer, oder man wird “Arbeiter”.

 

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Auch nach den Workshops hört der Austausch nicht auf. Oft entdeckt man Jungs, die zusammen Basketball spielen, oder Mädchen, die darüber diskutieren, welcher Junge des anderen Landes nun der netteste und hübscheste sei. In den Abendstunden geht man dann hinüber in das Lagerhaus der Serben und isst da zusammen, quatscht oder lernt tanzen.

 

Es fällt immer wieder auf, dass die Serben direkter, offener und lauter sind als die Schweizer. Besonders gastfreundlich zeigen sie sich, wenn man am Abend noch zu ihnen hinüber geht. Dann tischen sie sofort verschiedene traditionelle Köstlichkeiten auf und man wird vollgestopft, als gäbe es kein Morgen mehr.

 

Bemalte und bleibende Erinnerungen

Am letzten Tag bemalen die Jugendlichen gegenseitig T-Shirts. Jeweils ein Jugendlicher aus Serbien und einer aus der Schweiz tun sich zusammen und malen für den jeweils anderen das Erinnerungs-T-Shirt. Entsprechend traurig fällt der Abschied am Freitagnachmittag aus, haben sich doch viele neue Freundschaften gebildet.

 

Im Nachhinein erkennt man, dass man nie alle Leute in einen Topf schmeissen sollte. Natürlich gibt es im Ausgang Serben, die Probleme machen, sich schlagen oder andere provozieren. Doch es gibt auch die andere Seite, eine grössere Seite, die gastfreundlich, nett, hilfsbereit, zuvorkommend, fröhlich und witzig ist. Von nun an gilt: Zuerst kennen lernen, dann die Meinung bilden!