Gesellschaft | 16.11.2010

Achtung, fertig, Sorgen-Los

Alkohol, Drogen, Stress in der Familie, in der Schule, bei der Arbeit - viele Dinge können einem jungen Menschen auf dem Weg zum Erwachsenwerden Sorgen bereiten. Doch was steckt wirklich dahinter? Werden Sorgen künstlich vergrössert oder ist es die Umwelt, die einen dazu zwingt, sich immer mehr Probleme aufzuhalsen?
Luxusgut oder bereits Normalität im Kleiderschrank? Fotos: Adrian Mangold Das optimale Schönheitsideal - auch hier der Druck der Gesellschaft. "Gespräche helfen mir auf andere Gedanken zu kommen!" "So kann ich meine Sorgen am besten vergessen!"

Wer kennt es nicht: Man steht morgens auf, möchte auf gewohnte Weise in seinen Tag starten und dann geht etwas schief. Das Müsli fehlt. Die Gewohnheit ist weg, die Sorgen sind da. Es gäbe etliche weitere Beispiele: Man fährt in den Urlaub und macht sich mehr Gedanken über den Inhalt des Koffers – von Erholung keine Spur. Oder man ärgert sich über den abgebrochenen Fingernagel.

 

Bestätigung der Studien

Wie kürzlich “20 Minuten” berichtet hat, sind immer mehr Jugendliche von einer psychischen Erkrankung betroffen. Dabei bezieht sich “20 Minuten” auf die MMPI-Studie, die der weltweit am meisten gebrauchte Persönlichkeitstest ist. Möglicherweise ist die Zahl noch höher, da viele Jugendliche ihre psychologischen Probleme inzwischen mit diversen Medikamenten behandeln und bei dieser Studie nicht erfasst sind.

 

Als Hauptgrund sehen Experten die gestiegenen Erwartungen an den materiellen Wohlstand und die Schönheit, von denen sich viele Schüler und Studenten immer stärker unter Druck gesetzt fühlen. Dazu kommen der immer höhere Konkurrenzkampf, die schwierigere Situation auf dem Arbeitsmarkt sowie die steigenden Erwartungen von Aussen und, nicht zu vergessen, die Anforderungen an sich selbst. Eltern, die den besten Schüler oder Studenten zuhause haben wollen. Kollegen, welche nur mit einem perfekt aussehenden Gegenüber in den Ausgang gehen. Oder man will selbst derjenige sein, um den sich die ganze Welt dreht. Zusätzlich kommen noch die schönen oder besser gesagt weniger schönen kleinen Sorgen, die man sich selber täglich macht. Ob sie nötig sind? Darüber lässt sich streiten. Tatsache ist: Die Welt, respektive die Schweiz, wird immer mehr vom Luxus überhäuft. Die Technik wird besser, es kommen neue Geräte auf den Markt, Reisedestinationen der Low-Budget-Ferien werden erweitert. Daneben, dass die Erwartungen von Aussen an sich selbst steigen, steigen auch die eigenen Erwartungen an die Aussenwelt. Man möchte von allem mehr. Nahrung, ein warmes Zuhause und Kleider: Was früher noch geschätzt wurde, ist heute ganz selbstverständlich. Es ist keine Frage mehr, ob man sich diese Dinge leisten kann. Wenn man nun an einen Punkt kommt, an dem man eigentlich glücklich sein könnte, sucht man nach belanglosen Dingen, über die man sich sorgen könnte. Der Fernseher ist zu klein, der Computer nicht mehr auf dem neusten Stand, ein neues Auto wäre auch nicht schlecht. Man muss schliesslich seinem Status gerecht werden.

 

Antworten der Jugend

Doch was denkt die Jugend über dieses Problem? Eine kleine Strassenumfrage bestätigt unsere Vermutung in vielen Punkten. Primäre Stressfaktoren sind meistens solche, die von Aussen kommen, wie wir zum Beispiel von einem jungen Mann erfahren durften. “Der Druck ist im Moment sehr gross, sowohl bei der Arbeit oder als auch zu Hause. Er ist im Moment auch deswegen gross, weil ich alles ein wenig schleifen gelassen habe.”

Auch bei den alltäglichen Sorgen kamen die Worte Schule, Ausbildung und Arbeitslosigkeit immer wieder zum Ausdruck.

 

Wenn es um die Lösung der Probleme geht, gibt es  viele Unterschiede und nicht immer ist Alkohol ein Weg, wie wir es vielleicht erwartet hätten. “In meinen Hobbys kann ich meine überschüssige Energie rauslassen und so auch meine Sorgen vergessen!”, so eine junge Frau, welche gerade kurz vor ihren Abschlussprüfungen steht. Was nun vielleicht nicht sehr überraschend kommt, ist, dass nach unseren Erfahrungen die Männer eindeutig mehr zur Flasche greifen als Frauen. Während Frauen darüber reden, macht der Mann seinen Kummer mit sich selbst und seinem Freund, dem Alkohol, aus.

 

Normalität oder Luxus

Doch zurück zu unserem Drang nach Luxus. Was ist in der heutigen Zeit noch normal, was schon Luxus? “Ein handelsüblicher Fernseher ist für mich in der heutigen Zeit kein Luxusgut mehr, da ihn fast alle haben.” Dies ist eine Aussage, welche wir mehr als nur einmal gehört haben. Ebenso gehören der Computer, das Handy und natürlich viele andere elektronische Geräte nicht mehr zum Luxusgut. Doch ein kurzer Gedankensprung in ärmere Länder reicht, um zu sehen, in welche Richtung wir uns mit solchen Aussagen bewegen.

 

Nun taucht die Frage auf, wohin das Ganze führen wird. Wie sieht es in ein paar Jahren aus, wenn der Arbeitsmarkt noch härter ist, es aber durch die Technik auch immer mehr Güter gibt, welche man als Standard ansieht? Man möchte vor der eigenen Familie gut dastehen, die Nachbarn sollen auch sehen, wie gut es einem geht und sich selbst muss man natürlich auch noch beweisen, dass man es drauf hat. Wir möchten hier natürlich nichts dramatisieren, dennoch werden die Psychologen in naher Zukunft wahrscheinlich gutes Geld verdienen, sollte sich die Entwicklung in diese Richtung fortsetzen.

 

Und noch zum Schluss…

Kommen wir also zum Fazit: Willst du später keine Probleme haben, werde Psychologe. Du wirst sicherlich immer genug Arbeit haben und du lernst bereits im Studium genauestens, wie du selbst am besten mit dem Druck umzugehen hast. Zuletzt tust du damit auch etwas Gutes für deine Mitmenschen.

 

Aber vielleicht möchtest du doch noch einen etwas ernsteren Abschluss? Möglicherweise wird es darauf hinauslaufen, dass immer mehr Menschen ärztliche Betreuung brauchen – beispielsweise wegen einem Burn-out oder sonstiger Überforderung. Vielleicht lernt man mit der Zeit jedoch auch, besser mit dem Druck umzugehen, man grenzt sich besser ab oder schraubt vielleicht, was sicher in vielen Fällen auch sinnvoll wäre, seine Erwartungen an sich und seine Mitmenschen wieder ein wenig zurück. So dass aus dem Sorgen-Los ein sorgloseres Leben werden kann.

 

 

Info


Dieser Text ist in Basel beim 24-Stunden-Medienwettbewerb “Medianonstop” von Junge Medien Schweiz entstanden.

 

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