Gegenwärtige Tradition

Bändigung der Urkräfte

Knapp 250 Jahre ist es her, dass sich der Künstler Caspar Wolf mit den Landschaften der Schweiz auseinandersetzte. Als Vertreter der Vorromantik und des Rokoko interessierten ihn die Urkräfte der Natur, die unbändigen Kräfte der Felswände und Gletscher. In der Wahrnehmung der Urkräfte versuchte er, sie in seinen Bildern einzufangen und zu bändigen. Caspar Wolf, der 1735 in Muri geboren war, fand erst nach etlichen Anstrengungen wieder zurück in seine Heimatstadt. Gut 200 Jahre nach seinem Ableben konnten die verschollenen Landschaftsmalereien aus holländischem Privatbesitz zurück in die Schweiz und im 1981 gegründeten Caspar-Wolf-Kabinett als Denkmal für den berühmtesten Murianer ihren Platz finden.

 

Ausbruch der Urkräfte

Als Auftakt zum 30-jährigen Jubiläum des Caspar-Wolf-Kabinetts 2011 hat sich die gegenwärtige Kunstszene mit dem berühmten Schweizer Landschaftsmaler beschäftigt. 19 Künstler aus der Region Freiamt zeigen verschiedene Interpretationen der Werke von Caspar Wolf. Von Öl-, über Acrylmalerei und Mischtechniken wird der Betrachter mit einer Vielzahl von Stilen konfrontiert. Die Geschichte einer Kunst, die sich in diesem letzten Viertel des Jahrtausends noch einmal stark verändert hatte. Zwischen Tradition und Innovation zeichnet sich eine Kunst ab, die eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart herstellt. Abstrakte Motive, Kombinationen aus Malerei und Collage oder assoziative Pinselführungen, tragen die Erscheinungen, die Wolf damals faszinierten, in die Gegenwart. Caspar Wolf hatte die Urkräfte der Natur gebannt und auf seinen Bildern festgehalten. In der Gegenwart brechen sie wieder aus der Bildfläche hervor, liefern Inspiration für die Kunstszene und ziehen den Betrachter wieder in ihren Bann.

 

Vergangenheit und Gegenwart

Zwischen der Textur der zeitgenössischen Interpretationen scheint die Erinnerung an Caspar Wolf und eine Kunst hindurch, die sich in den 250 Jahren verändert hat. Dass der Maler zwei Jahrhunderte nach seinem Tod 1783 zu neuem Ruhm kam, hätte seine Zeitgenossen wohl noch überrascht. Gegenwärtig überrascht es wohl kaum mehr, dass neben dem Gemälde des an der Ausstellung teilnehmenden aber kürzlich verstorbenen René Villiger ein Roter Punkt angebracht ist.

 

Die Ausstellung K10 lädt ein zu einem Blick in die Vergangenheit. Gleichsam auch zu einer Reflexion der Gegenwart.

 

 

Info


“K10” Kunstszene Freiamt, noch bis am 5. Dezember 2010 im Singisenforum Muri (www.murikultur.ch)

 

 

Es bleibt dunkel

Ohne grosse Worte

Der Limmatquai ist voll. Die Menschen stehen dicht an dicht. Nein, die Streetparade wurde nicht auf November verschoben. Die Leute sind nicht hergekommen, um zu feiern. Es ist ein Trauerzug, der sich Richtung Bellevue schiebt. Beim Anblick der Massen überkommt mich innere Wärme. Am liebsten würde ich jeder und jedem die Hand schütteln und mich bedanken. “Schön, dass es dich gibt.” Den Leuten mit Flaschen, Steinen oder bengalischem Feuer würde ich die Hand jedoch nicht schüttlen. Unterwegs zum Bellevue sieht man immer wieder eingeschlagene Scheiben. Um mich herum höre ich öfters ein Murmeln. “Nicht gedacht, dass so viele kommen würden.” Ja, das hätte ich tatsächlich auch nicht gedacht. Auch wenn man die Leute um sich nicht kennt, so blickt man einander ins Gesicht und lächelt. Man scheint sich ohne grosse Worte zu verstehen. Nachdem so viel vor dem Wahlkampf geschrien wurde, ist die Stille angenehm.

 

Das Auge brennt

Weiter geht es am Stadelhofen vorbei. Jemand hat auf der Strasse einen grünen Van parkiert und aus grossen Boxen schallt Musik. Die Demonstranten werden leicht und fröhlich gestimmt. Aber nicht mehr lange, denn kaum sind wir um die Ecke gebogen, sehe ich die eingeschlagenen Scheiben bei der NZZ. Die Zeitung wird bestimmt nett über die Demonstration schreiben. Spätestens jetzt ist mir bei der Sache nur noch halb so wohl im Bauch. Aber ich entscheide mich doch dazu, weiterzugehen. Nur weil man an derselben Demonstration mitgeht, unterstützt man noch lange nicht alles, was an der Demonstration selbst geschieht. Vor dem Opernhaus liegt ein brennender Müllwagen auf der Strasse. Die Ausländerinnen und Ausländer, die ihn wegräumen müssen, werden keine Freude haben. Wir kommen an einem der nobelsten Zürcher Restaurants vorbei. Mit grossen Augen schauen die Hotelgäste aus dem Fenster. So etwas hätten sie wohl in Zürich nicht erwartet. Die ganze Situation erinnert an die Französische Revolution. Neben mir wird gefragt: “Weisst du, welche Bastillon wir stürmen?” Gerne wüsste ich auf diese Frage eine Antwort. Das Ganze erscheint mir immer zielloser zu sein. Kurz vor dem Rathaus kommt die Demonstration ins Stocken. Es werden Feuerwerke gestartet und beissender Rauch steigt in meine Nase. Ja, so also muss man sich Tränengas vorstellen. Das gute Gas hat seinen Namen wohl verdient.

 

Was bleibt

Die meisten Leute machen auf dem Absatz kehrt und kommen uns entgegen. Eine kleine Gruppe versucht mit der Parole “Keine Gewalt!” die Demonstranten an der Spitze vom Gegenteil zu überzeugen. Aber sie sind chancenlos. Nachdem die Demonstranten in alle Richtungen davon gesprungen sind, kommen wir um die Ecke beim Rathaus. Der Boden ist übersät mit Scherben. Mein Herz blutet. Auf der Strasse liegen Tische und Stühle eines Cafés. Der Kellner räumt sie von der Strasse. Auf mein Hilfsangebot meint er in gebrochenem Deutsch: “Fast fertig. Nur bitte nicht mehr machen.” Heute Abend bin ich auf die Strasse, weil ich dachte, Ausländerinnen und Ausländer verlören Rechte. Die Demonstration hat die Rechte jedoch wohl kaum gestärkt. Von hinten war nicht zu erkennen, wer die Demonstration anführte. Als ich bei mir zu Hause angekommen Bilder ansehe von der Demonstration, steht der schwarze Block zuvorderst. Ich ärgere mich. Solchen Leuten möchte ich auch im übertragenen Sinn nicht folgen. An der anschliessenden Diskussion über die Abstimmungsergebnisse mag stimmen, dass es in der Schweiz keine genügend starke Gegenkraft gibt. “Weisst du, ich habe vor der Abstimmung keine Plakate dagegen gesehen”, meint eine Bekannte am nächsten Tag zu mir. Ich muss ihr zustimmen. Wir sind in der Schweiz tatsächlich wieder soweit, dass wir Plakate für die Menschenrechte aufhängen sollten.

Zum Hören und Geniessen

Würden Chris Martin und Thom Yorke ein Kind adoptieren und ihm Bravo Hits-CD’s zum Hören geben würden, käme wahrscheinlich so was in der Art heraus: Ein süffiges Pop-Rock-Album an der Grenze zwischen Alternativem Indierock und Mainstreampop. In zwölf Songs à  la Coldplay und Radiohead mit einem Schuss Snow Patrol zeigen Junes ihr musikalisches Können.

 

Zarte Geschichtslosigkeit

Das Album tastet sich mit “Autumn” voran, einem sanften Lied, das einer musikalischen Umarmung gleicht. Auch die darauffolgenden Songs beziehen sich auf dasselbe Konzept: Man paare poppige Beats mit singbaren Melodien. Songs wie “Save Me” zeigen aber auch die nachdenkliche Seite des Albums. Zeilen wie “Give me one more reason to survive / save me” “I can’t comlpain / I’m alive / but I don’t know why” und “feeling quiet alone and lost” zeugen von melancholischer Stimmung. Doch das Album erzählt keine Geschichte. Die Titel sind alle sehr ähnlich gestrickt und keines überrascht auffallend.

 

Einzig der Song “Crawling Over Me” sticht ein wenig aus dem Album heraus: Er zeichnet sich durch ein etwas schnelleres Tempo als der Rest aus und landete in den FM1-Charts auch schon auf dem dritten Platz. Das Werk der beiden St.Galler endet mit “Jealousy”: Einem wunderschönen, ruhigen Song mit akustischen Gitarrenklängen.

 

Live und für Kopfhörer

Obwohl die meisten Titel sich doch sehr ähneln, bleibt “Don’t Leave Me In Autumn” ein Album zum Hören und Geniessen, perfekte Musik für die momentan herrschenden Wetterverhältnisse. Ein Album für Pendler, Liebeskranke und Liebhaber von einfach schöner Musik.

 

Wer sich live von Junes überzeugen will, dem bietet sich diesen Donnerstag, dem 2. Dezember, die perfekte Möglichkeit. Im Palace stellen sie ihr neues Album höchstpersönlich vor. Unterstützt werden sie dabei von den Elektroakustikern A Crashed Blackbird Called Rosehip.

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Das Ende hat begonnen

Keiner kann leben …

… während der Andere überlebt. So will es die Prophezeiung. Hart auf hart soll es kommen. Entweder Lord Voldemort oder Harry Potter müssen sterben. Dunkle Mächte haben im letzten Teil von Joanne Rowlings Romanreihe sowohl das Zaubereiministerium in London als auch die Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei übernommen. Schulleiter Albus Dumbledore, der Harry als Einziger noch Sicherheit geben konnte, ist tot. Nirgends ist es mehr sicher für Harry, und die Zeichen stehen schlecht für ihn. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Und so macht er sich mit seinen altbekannten Freunden Ron Weasley und Hermine Granger auf, die sieben Horkruxe zu suchen, in die der dunkle Lord seine Seele aufgeteilt hat. Seine letzte Chance ist es, alle diese Horkruxe zu zerstören. Nur so kann Voldemort besiegt werden…

 

Buchgetreuer denn je

Für die Filmindustrie hat die Zweiteilung der Verfilmung von “Harry Potter und die Heiligtümer des Todes” einen angenehmen Nebeneffekt: Der Goldesel Harry Potter kann bis zum Maximum ausgeschlachtet werden. Abgesehen davon macht es aber dramaturgisch tatsächlich Sinn, den siebten Band von Harry Potter in zwei Filmen umzusetzen. Regisseur David Yates kann sich so viel Zeit nehmen, das grosse Finale um Harry Stück für Stück zu erzählen. Dies kommt Yates, der auch bei den beiden Vorgängerfilmen Regie geführt hat, zugute. Schliesslich wurde er insbesondere für die Umsetzung von”Harry Potter und der Orden des Phönix” stark kritisiert. Teil fünf gilt als der am schlechtesten umgesetzte der Harry Potter-Reihe, nicht zuletzt, weil sich Yates darin beträchtlich von der Romanvorlage abgewandt hat. Nicht so im aktuellen Film. Noch nie war ein “Harry Potter”-Film so buchgetreu gehalten wie dieser. Bis auf einige Ausnahmen sind alle im Buch vorhandenen Handlungssequenzen umgesetzt oder zumindest angetönt.

 

Düster und trotzdem komisch

Harry beziehungsweise sein Darsteller Daniel Radcliffe ist spätestens mit dem siebten Film erwachsen geworden. Wie das Buch ist auch der Film mit Abstand am düstersten ausgefallen. Auf Folter- und Mordszenen wird mit der Kamera draufgehalten und auch sonst kommt der Film in einem unheimlichen Grauton daher, der mitunter historische Vergleiche zieht. Wenn Harry, Ron und Hermine sich in eine im Zaubereiministerium abgehaltene Gerichtsverhandlung schmuggeln und dort sehen, wie eine Muggelgeborene nur aufgrund ihrer Herkunft aus einer Nicht-Zaubererfamilie verurteilt werden soll, dann kommen einem unweigerlich Parallelen zum zweiten Weltkrieg in den Sinn.

 

Doch es darf auch gelacht werden. Zum Brüllen komisch umgesetzt ist etwa das Täuschungsmanöver von Mitgliedern des Orden des Phönix: Sie verwandeln sich optisch in viele Harry Potters, während die Charakterzüge dieselben bleiben.

 

Reise durch “Mittelerde”

Die Suche nach den Horkruxen führt denn die drei Freunde zu verschiedenen Schauplätzen. Vom Piccadilly Circus im Zentrum Londons durch dunkle Wälder bis hin zu Godrics Hollow, dem Dorf, in dem Harrys Eltern gelebt haben. Dabei lehnt der Film zeitweise an Szenen aus “Der Herr der Ringe” an. Als Harry einen noch nicht zerstörten Horkrux trägt und das Böse beginnt, auf ihn einzuwirken, fühlt man sich einen Moment lang in Mittelerde. Wunderschön hervorgehoben wird die Stimmung im Film mit Helikopteraufnahmen von Wäldern und Flüssen. Melodien untermalen die Szenerie, die bereits aus älteren Filmen bekannt sind und das Bild so magisch unterstützen.

 

Das komplette Fernbleiben von Hogwarts als Handlungsort sowie der Mix zwischen Grusel und Komödie bieten Abwechslung vom Feinsten. Dass die emotionalste Szene allerdings gerade jene ist, in der man den – wohlverstanden computeranimierten – Hauselfen Dobby leiden sieht, spricht nicht gerade für die schauspielerische Leistung der Darsteller. Der Film weist ausserdem tricktechnische Schwächen auf: Voldemort lässt aus dem Körper einer alten Frau eine Schlange austreten. Rowlings Idee ist zwar kreativ, im Film wirkt die Szene ziemlich unglaubwürdig. Nie hängt jedoch die Story durch in “Harry Potter und die Heiligtümer des Todes”. Zweieinhalb Stunden lang besteht eine angenehme Anspannung, von Anfang bis Ende. Das pompös inszenierte Ende des Films macht Lust auf das definitive Finale im nächsten Juli. Dann, in Teil zwei, wird auch auf der Leinwand endgültig entschieden, wer überlebt.

Los viajes del viento

Das Filmfestival endet mit einer wahren Perle: dem kolumbianischen Film “Los viajes del viento” aus dem Jahre 2009. Der Protagonist Ignacio Corillo reist mit seinem Esel und seinem Akkordeon, das einst, so sagt man, sogar dem Teufel gehört hat, durch den Norden Kolumbiens. Er ist ein sogenannter “Juglar”, ein fahrender Musiker, einer der besten überhaupt. Als seine Frau stirbt, beschliesst er, das Akkordeon seinem Lehrer zurückzubringen und macht sich auf seine letzte Reise. Allerdings nicht alleine, der Junge Fermin weicht nicht von Ignacios Seite, er hofft nämlich das Akkordeonspiel zu lernen und zukünftig auch so ein fahrender Musiker wie Ignacio zu sein. Der zuerst skeptische Juglar weiss die Anwesenheit und Hilfe Fermins immer mehr zu schätzen.

 

Von Cannes nach St. Gallen

Der 29-jährige, kolumbianische Regisseur Ciro Guerra hat ein Händchen für wunderschöne Landschaftsaufnahmen und auch für Rollenbesetzungen. Die Ansprüche an den Hauptdarsteller waren hoch: Er musste nicht nur schauspielern, singen und Akkordeon spielen können, sondern auch montar a burro, also Esel reiten. Mit Augustin Nieves, einem Laienschauspieler, hat Guerra den Part hervorragend besetzt. Der Film scheint nicht nur in Cannes anzukommen, wo er 2009 mit dem Arco Iris Latino ausgezeichnet wurde. Nein, auch das St. Galler Publikum applaudiert während dem Abspann.

 

Erfolg trotz Zauberlehrling

Obwohl an jenem Wochenende dank Harry Potter die Kinokonkurrenz immens war, ziehen die Veranstalter des Pantalla Latina eine durchaus positive Bilanz: “Mit über 1200 Besuchern sind es deutlich mehr als letztes Jahr. Wir freuen uns über den Anklang, den das Festival in der Bevölkerung gefunden hat”, sagt Ursina Schaede, Mitorganisatorin des Festivals. Die meisten Mitglieder des Vereins Pantalla Latina haben südamerikanische Wurzeln, der Hauptorganisator Eduardo Cerna beispielsweise kommt aus Peru. Das Festival findet bereits zum zweiten Mal statt. Das Ziel ist es, dem St. Galler Publikum eine Palette aktueller lateinamerikanischer Filme zu präsentieren und ihm somit einen Eindruck des südamerikanischen Kontinents zu vermitteln.

 

Wer das Festival verpasst hat, darf sich bereits auf nächstes Jahr freuen: Ende November 2011 geht zum dritten Mal der Vorhang auf. Dass die Veranstalter dabei wieder haufenweise lateinamerikanische Filmleckerbissen präsentieren, pues, es claro!

“Wir kommen wieder, auch wenn wir gestorben sind!”

Get Well Soon gaben St.Gallen schon einmal die Ehre, anno 2008. “Ich werde meinen Enkeln noch von diesem wunderbarem Konzert im Palace erzählen”, meint Konstantin Gropper am Anfang des jetzigen Konzerts. “Es ist ein unvergessliches Erlebnis in unserer Bandgeschichte.” Man merkt, er ist glücklich über die Rückkehr in die Ostschweizer Metropole. Im Gepäck hat er sein neues Album “Vexations” und auf dem Gesicht ein freudiges Lächeln, das bald auf die Gesichter des Publikums in der Grabenhalle überspringt.

 

Sänger und Leader

Es gibt zwei Arten von Bandleader. Die einen betreten die Bühne, ignorieren das Publikum, spielen ihre Musikstücke in der geplanten Reihenfolge durch und flüchten nach dem letzten Track ohne ein Abschiedswort von der Bühne, obwohl das Publikum nach einer Zugabe schreit. Dann gibt es jene Sänger, die das Publikum mit einem “Grüziiii!” begrüssen, zu jedem Musikstück eine kleine Anekdote oder die Entstehungsgeschichte erzählen, Zugabe um Zugabe geben und sich nach dem Konzert unter die begeisterte Menschenmenge mischen.

 

Konstantin Gropper von Get Well Soon gehört ganz klar zur zweiten Gruppe. “Es ist uns leider Wasser über dem Mehrzweckstecker ausgeleert. Falls wir nun alle sterben sollten, denkt dran, wir haben euch geliebt und wir kommen auch wieder hierhin, wenn wir gestorben sind”, verspricht Gropper vor einem der letzten Lieder. Zum Glück ist nichts passiert und Gropper lässt es sich nicht nehmen, am Schluss persönlich 3D-Brillen an die Menge zu verteilen, damit sie einen 3D-Clip im Internet anschauen können, ein Mann ganz ohne Starallüre. Aber wer ist überhaupt dieser blasse Jüngling in gepunktetem Hemd mit stylischer Frisur, auf dessen Gitarre Ludwig II klebt?

 

Der Mann hinter dem Namen

Konstantin Gropper, auch schon “Prädikat wertvoller Gegenentwurf zum Tokio-Phänomen” oder aber “German Wunderkind” genannt, ist in Erolzheim ganz in der Nähe vom Bodensee und somit auch von St.Gallen aufgewachsen. Der erste Track des Albums “Vexations” namens “Nausea” handelt dann auch von einem frühmorgendlichen Gang in den Wald, aufgenommen im Gehölz gleich hinter dem Elternhaus Groppers. Die Songs seines ersten Albums “Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon” produzierte er alle bei sich zu Hause im Schlafzimmer, dem Studenten fehlte das Geld für Studioaufnahmen.

 

Das zweite Album klingt nun endlich so, wie er sich das vorgestellt hat, und nicht wie “eine Anhäufung von Unzulänglichkeiten”. Er brauchte dazu nur zwei Monate, 80 Prozent der Lieder sind sogar während einer kreativen Schaffensspanne von zwei Wochen entstanden. Aufgenommen wurden sie in einem echten Studio mit Streichquartett, Bläsern, Xylophon, Marimbaphon und Vibraphon.

 

Ein Hauch Melancholie

Auch in St. Gallen konnten seine Lieder ihre Wirkung verbreiten. Zwei Stunden lang erwärmte Herr Gropper mit seinen sieben Kumpanen die Herzen der Konzertbesucher. Ein Konzert voller Publikumspräsenz, Schönheit und auch etwas Melancholie. Dass er bald wieder zurückkehrt, hat Konstantin versprochen und ich glaub es ihm vollkommen, während ich in die Schneeflocken starre, die über den Parkplatz der Grabenhalle flattern, seine mystische Musik noch immer im Ohr.

Peer und die Party im Theater

Auf der Suche nach dem roten Faden

Ich setze mich auf meinen Platz in der zweiten Reihe und bestaune das Interieur der Bühne. Bücher und Reisekoffer türmen sich, eine alte Badewanne steht mitten im Raum, in einer Ecke liegen Stofftiere, die verwitterten Wände zeugen noch von einstigem Prunk. Nichts scheint zusammenzupassen. Ich bin gespannt und freue mich auf das Schauspiel, das soeben beginnt. Es braucht einige Zeit, bis ich den roten Faden in der Geschichte finde und die Rollen zuordnen kann. Der junge Bauernsohn Peer Gynt versucht, mit Lügengeschichten der tristen Realität zu entkommen. Er sucht das Abenteuer, entführt die Braut eines anderen, verstösst diese kurze Zeit später wieder, geht seines Weges und trifft Trolle und andere Gestalten. Er gewinnt viel in seinem Leben, verliert jedoch alles. Peer wird dabei in drei Rollen besetzt: Als ärmlicher Jugendlicher, als gestandener Erwachsener und als verarmter Greis. Das äussere Erscheinungsbild verrät den Wandel in Peer Gynts Leben. Die drei „Ichs“ führen oft einen emotionalen, verbalen Schlagabtausch, bei dem existentielle Fragen aufgeworfen werden.

 

Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens

Der alte Peer resümiert sein Leben passenderweise mit einer Zwiebel. Mit allen Kräften versucht er, die einzelnen Schalen abzureissen, um den Kern zu entdecken. Ich rieche den Zwiebelduft und kann ihm in dieser packenden Szene nachfühlen. Neben all den bedrückend wirkenden Szenen, in denen gestorben und geschrien wird, gibt es aber auch viele Momente, in denen ich ausgelassen lachen kann. Zum Beispiel, wenn sich die Darsteller immer wieder in kuriose Reimzwänge verstricken oder ein ganzer Hofstaat von Trollen zu Beyonce Knowles-˜ „Single Ladies“ tanzt. Zeitgemässes vermischt sich mit dem klassischen Stück, das 1867 geschrieben wurde. Ohnehin passt die Thematik hervorragend in die heutige Zeit, was die Regie auch bewusst in Szene setzt. So verlässt der ergraute Peer seine Rolle und sinniert über das heutige Dasein als Schauspieler.

 

Wie lange dauert die Suche nach uns selber? Übernehmen wir Rollen und lügen damit andere, aber auch uns etwas vor? Wer sind wir am Ende? Mit einem Kopf voller philosophischen Fragen verlasse ich nach dem fulminanten Ende den Theatersaal. Beste Voraussetzungen für eine angeregte Unterhaltung an der Bar, denn anschliessend findet im Theaterfoyer eine Party mit DJ Chucks statt. Was bleiben wird, ist eine aufrüttelnde Sicht auf das eigene “Ich” und eine grosse Achtung vor den gezeigten schauspielerischen Leistungen. Und leider auch “Single Ladies” als Ohrwurm.

 

 

Info


Das Take-Off-Angebot des Luzerner Theaters richtet sich an junge Menschen bis 25 Jahre sowie an Studierende/Auszubildende. An ausgewählten Daten können bestimmte Vorstellungen für wenig Geld (15 Franken) besucht werden. Danach findet noch eine Party im Theaterfoyer statt. “Peer Gynt” wird noch am 30. Dezember 2010 sowie am 07. und 20. Januar 2011 aufgeführt.

 

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Ohh! Là  là ! Chèrie!

It’s exciting, it’s thrilling – vielversprechend, nicht wahr?

Dezember, Adventszeit. Während die Aussentemperaturen sinken, heizt das Plaza Zürich an den ersten drei Montagen des Monats Dezember mit heissen Showeinlagen ein, und zwar mit einer Burlesque Varietease-Show. Richtig gehört: Burlesque, das ist jene Kunstform mit wahnsinnig wohlgeformten Damen, die sich in überdimensional-grossen Champagnergläsern räkeln, die so lustige Zotteln auf den Brüsten haben und im Falle von Dita Van Teese auch Schockrocker wie Marilyn Manson heiraten.

 

Basierend auf den traditionellen Ausdrucksformen der Burlesque erlaubt die New Burlesque eine deutlich erweiterte Palette an Stilrichtungen. Vom klassischen Striptease bis hin zum modernen Tanz, von kleinen Theaterstücken bis hin zu Comedyeinlagen ist erlaubt, was gefällt. Der Fokus liegt wie in der klassischen Burlesque eher auf neckisch-humorigen Reizen (tease) als auf dem Ausziehen (strip). Und so ruft das Zürcher Plaza diesen Augenschmaus genau zur richtigen Zeit ins Leben und bringt das Feuer dahindorthin, wo’s hingehört.

 

 

Info


Montag, 06. Dezember: Vicky Butterfly (London), Miss Honey Lulu (London), Louise De Ville (USA), Abagail Evans (London), Emma Mylan (Geneva). Hier gehts zum Ticketvorverkauf.

 

Montag, 13. Dezember: Millie Dollar (Liverpool), Lada Redstar (Berlin), Anna Fur Laxis (Liverpool), Miss Mo (Las Vegas), Emma Mylan (Geneva). Hier gehts zum Ticketvorverkauf.

 

Montag, 20. Dezember: Loulou D’vil (Helsinki), Kitty Bang Bang (London), Miss Banbury Cross (London), Pippa the Ripper (London), Emma Mylan (Geneva). Diese Show ist bereits ausverkauft.

 

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“Mal etwas anderes als schnelle Schnitte”

Welcher Film hat Ihnen so gut gefallen, dass Sie ihn gleich noch einmal schauen würden, und warum?

 

“‘Ich bin’s. Helmut.’ Es war einfach etwas total Spezielles und etwas, das es nicht immer gibt. Geil gemacht.”

Savino Caruso, 17

 

“Ich würde grundsätzlich keinen noch einmal schauen gehen. Aber was mir am besten entsprochen hat, war ‘Logged In’, der Film über Facebook.”

Stella DeVito, 22

 

“Mir hat ‘Logged In’ am besten gefallen, weil ich glaube, dass die ganzen Social Networks im Moment ein wahnsinnsgrosses Thema sind. Das dann in drei Minuten ein bisschen zu präsentieren mit wirklich ganz einfachen Mitteln, habe ich ganz erfrischend cool gefunden. Halt einfach mal etwas Anderes als schnelle Schnitte.”

Dominik Pabst, 25

 

“‘Kritzeln & Kribbeln’ hat mir am Besten gefallen, weil er schöne Einstellungen hatte. Es hat mich gepackt und einfach interessiert, wie es weiter geht. Das Ende hat mir aber nicht gefallen, da es, typisch Kurzfilm, abgeschnitten wurde.”

Eva Furrer, 20

Am Ende war die Kritik

Maybe Forever

Zwei Persönlichkeiten, die gegensätzlicher nicht sein könnten, betreten eine Fabrikruine. Die quirlige Surja sieht die Welt durch die Linse ihrer Kamera. So sieht sie auch Sid, der ihr widerwillig folgt und immer wieder ängstlich ihren Namen ruft. Der Zauber des Neuen steht im krassen Gegensatz zu den zerstörten Räumen. Mit einer erfrischenden Natürlichkeit lockt Surja Sid in den ausgebrannten Dachstuhl, wo sie zusammen einen wunderschönen Sonnenuntergang erleben. Ein kleiner Ausschnitt aus zwei Leben. Alles, was vorher und nachher ist, liegt in der Fantasie des Zuschauers. Ein kleines Lächeln bei der Verabschiedung durchdringt das Herz mit der Wärme eines letzten Sonnenstrahls.

 

Lilla’s Familie

Lilla, ihr Bruder Ruben und ihre Eltern sprechen über Prioritäten im Leben, Familie, Studium, Beruf und Motorräder. Der Dokumentarfilm zeigt auf eindrückliche Weise die verschiedenen Einstellungen einer ungarischen Familie zum Leben. Alltagssorgen wie Tattoos oder der Konflikt zwischen Geschwistern werden thematisiert. Die Kontraste der verschiedenen Personen regen den Zuschauer an, sich über sein eigenes Leben Gedanken zu machen.

 

Stillstand

Ich versuche einen Text zu schreiben, mir fällt nichts ein. Kaffee. Ich versuche einen Text zu schreiben, mir fällt nichts ein. Zigarette. Ich versuche einen Text zu schreiben, mir fällt nichts ein. Ein Über-Ich im Anzug, welches mich daran hindert, auszubrechen. Draussen im Schnee spielt die unbeschwerte Kindheit. Ich versuche einen Text zu schreiben, mir fällt nichts ein. Und dann klingelt das Telefon.

 

500g Alltag

Das Förderband läuft, die Schlange steht still. Mensch an Mensch aufgereiht, warten die Kunden auf das nächste Grüezi, auf die Frage nach der Supercard, auf den nächsten Schritt in Richtung Ausgang. Mittendrin zwei antiautoritär erzogene Kinder, welche die geschäftige Ordnung unserer Einkaufswelt bekleckern. Vielleicht hätte Mami doch einmal nein sagen sollen…

 

Into The Zone

Alles schweigt, ausser der Geigerzähler. Der Traum von absoluter Sicherheit ging vor 24 Jahren in die Luft, mit der Kraft von 500 Hiroshima-Bomben. Der Tod lauert seither unsichtbar, unfühlbar zwischen den grauen Sowjetbauten. Der Krebs sucht die Menschen heim, zufällig, statistisch, grundlos. Und doch gibt es Leben in Pripyat. Menschen arbeiten, pflanzen Gemüse an, essen es und werden dennoch 85 Jahre alt. Es gibt ein Leben nach Tschernobyl, Block 4.

 

Ich bin-˜s. Helmut

Da sitzt Helmut. Er feiert. Man sieht ihm das zwar nicht an, aber die Gertrud hat-˜s am Telefon gesagt. Sein Haus ist voller Wände, sorgsam tapeziert und geschmückt. Den Bus, der ihn aus dem Dorf bringen würde, hat er nie erwischt. Als sich sein Geburtstagsessen plötzlich in seinen Nachbarn verwandelt, fällt auch der Rest der Fassade von Helmuts Welt zusammen. Auf einer grünen Wiese gestrandet erkennt er, dass er keinen Bus braucht, um zu gehen. Eine Trompete, ein Orchester, etwas Jazz, das reicht vollkommen. Smooth, Helmut.

 

Harlekin

Die berührende Doku zeigt einen Zirkus-Direktor in seinem täglichen Überlebenskampf. Neben der Show existiert eine ebenso reale Gegenwelt, in welche der Zuschauer nun eintauchen darf. Eine ungeschminkte, musiklose Welt, die sich hinter den Kulissen abspielt mit Rückenleiden und Fernsehkäufen. Während die Last der Nähe erdrückend wird, glühen die Lichter des kleinen Zirkus vor der riesigen Bergkette.

 

Störfaktor

Einatmen. Losrennen. Springen. Ausweichen. Weiterrennen. In den Lichtern der Nacht untergehen. Der Vergangenheit entkommen. Rennen. Rennen. Rennen. Die Orientierung verlieren. Die Gesellschaft hassen. Bier trinken. Texte rappen. Frauen aufreissen. Die Leere füllen. In die Anonymität abtauchen. Den Graben überspringen. Aufs Wesentliche konzentrieren. Ausatmen.