Gesellschaft | 25.10.2010

Vom Sehnsuchts- und Strebensglück

Was bedeutet es, glücklich zu sein? Und wie realitätsnah ist unsere Vorstellung des Glücks? Vom Suchen, Finden und Behalten.
Jeder ist wohl seines Glückes Schmied.
Bild: Pixelio.de / Grace Winter

In seinem Werk “Der Staat” sagt der griechische Philosoph Platon von seinen Bürgern in der gesunden Polis, dass sie – frei von Neid, Eifersucht und anderen asozialen Eigenschaften – in Frieden und Eintracht leben, ihr Dasein bei voller Gesundheit führen und erst im hohen Alter sterben. Sie geniessen die Freuden der Liebe. Dank hinreichender Arbeitsproduktivität ernähren sie sich vergnüglich von Wein und Brot, bekränzen sich und lobsingen die Götter.

 

Das Leben der gesunden Polis ist also gleichbedeutend mit der endgültigen Versöhnung und dem ewigen Frieden, und zwar einem mindestens dreifachen Frieden: dem Frieden des Menschen mit sich selbst, dem Frieden mit seinen Mitmenschen und dem Frieden mit den Göttern. Darüber hinaus braucht es vielleicht noch einen vierten Frieden – nämlich jenen mit der unbändigen Natur.

 

Auf ein solches Glück richtet sich die Sehnsucht aller Menschen, und sie richtet sich danach mit einer gewissen Notwendigkeit. Denn jedes Individuum hat eine Vielzahl von Bedürfnissen und Interessen, die von sich aus nach Befriedigung und Erfüllung drängen. Im genannten Glück, dem Sehnsuchtsglück, findet nun die vollständige, überdies weder von innen noch von aussen bedrohte Erfüllung der menschlichen Bedürfnisse und Neigungen statt.

 

Doch mit Leichtigkeit überspringt dieser Sehnsuchtsbegriff des Glücks alle Beschränkungen und Widersprüche der Wirklichkeit und malt sich einen Zustand ohne Konflikte aus; einen Zustand, der weder einen Streit zwischen den Affinitäten desselben Menschen noch einen Konflikt zwischen den verschiedenen Menschen oder zwischen Mensch und Natur kennt.

 

Gegen diese Sehnsucht meldet sich natürlich die Realität unseres Daseins nachdrücklich zu Wort. Denn in der conditio humana (Bedingung des Menschseins) gibt es ein Element, welches die Griechen pleonexia genannt haben. Damit ist gemeint, dass der Mensch in seinem Streben nach Befriedigung von Bedürfnissen und Leidenschaften keine Grenzen kennt. Der Mensch neigt zur Übersättigung. Ferner gibt es hier eine Tendenz zur Verfeinerung und zum Luxus. Von Natur aus sind wir also niemals vollständig zufrieden gestellt. Dies schwört permanente innere und äussere Auseinandersetzungen herauf.

 

Wer trotz dieses Gefahrenpotentials bloss den Sehnsuchtsbegriff des Glücks kennt, ist vor immer wieder neuen Enttäuschungen nicht gefeit und wird wie Sigmund Freud argumentieren: Die Absicht, den Menschen glücklich zu machen, sei im Plan der Schöpfung nicht vorgesehen.

 

Vielleicht hat die Flucht vieler Menschen in die Sucht hier einen ihrer Gründe: in der fehlenden Bereitschaft oder auch in der mangelnden Fähigkeit, ausser dem Sehnsuchtsbegriff einen anderen, realistischeren und humaneren Begriff von Glück zu bilden – den Begriff eines Glücks, auf das man nicht nur hoffen, sondern eben auch hinarbeiten kann, wie dies Aristoteles im Sinne seines Strebensglücks vertritt.

 

Wer das Glück nur als Sehnsuchtsglück kennt, der wird nicht glücklich; wenigstens nicht in dieser Welt, genauer nicht in der eigenen Haut. Unser Alltag ist geprägt von Bedürfnissen, die einander widerstreiten. Zudem kennen wir den Hang zum Überfluss und zur Übersättigung, kämpfen immer wieder mit dem neidischen Blick auf die Früchte in Nachbars Garten und leben mit der ständigen Gefahr, dass uns Freunde verlassen und wir alt und gebrechlich werden.

 

Die primäre Voraussetzung einer persönlichen Glücksfähigkeit liegt vermutlich in der Bereitschaft und Kompetenz, auch ohne das vollkommene Heil, auch ohne die totale Versöhnung und den ewigen Frieden ein glückliches Leben zu führen. Es ist dies die Fähigkeit zum persönlichen Glück – trotz fehlender Glücksdefizite.