Kultur | 11.10.2010

Vom Hochzeitsfressen zum Galgenschmaus

Text von Angelika Edelmann | Bilder von Tine Edel.
Wer bekommt das grösste Kuchenstück? Eine Frage, die die Gaunerwelt der Londoner Vorstädte in Brechts "Dreigroschenoper" von Anfang bis Schluss begleitet. - Denn bekanntlich kommt zuerst das Fressen, und dann erst die Moral.
Polly's Hochzeitsshow (Andrea Haller).
Bild: Tine Edel.

Zur Eröffnung der “Dreigroschenoper” im Theater St.Gallen wurde den Gästen bewusst gemacht, dass dies in erster Linie eine Oper für, – und nicht über Bettler ist. Schliesslich sollte das Stück ursprünglich so prunkvoll wie möglich, für Bettler jedoch erschwinglich sein.

 

Die Lizenz zum Betteln

Die “Dreigroschenoper” führt in die Londoner Gaunermilieus, in denen Gewalt und Armut längst zum Alltag gehören. Platz für Gutmütigkeit und Freundschaft existiert nur in Rarität. Schliesslich sind die Umstände schlichtweg zu schlecht um ein guter Mensch zu sein. Eine Rechtfertigung die zum Motto führt: “Der Mensch lebt allein von Missetaten”. Mit dieser Einstellung lebt auch der etwas andere Geschäftsmann “Peachum” (Hans Rudolf Spühler), der sich selbst zum König der Bettler ernennt. Ungeniert stattet er in seinem “Büro” Kunden mit den “fünf Grundtypen des Elends” aus. Was bedeutet, dass er sie in Bettlerkleidung steckt und strategisch in die Londoner Gassen verteilt – ein Prozentanteil des Gewinnes wird selbstverständlich ihm zugesprochen. Sein kapitalistisches Bettlergeschäft zeigt die Sehnsucht nach Wohlstand, den nicht nur Peachum um jeden Preis erreichen will. Mackie Messer (Bruno Riedl), der Anführer einer Diebesbande, legt ihm jedoch diesbezüglich Steine in den Weg. Denn ausgerechnet dieser heiratet Peachum’s Tochter Polly (Andrea Haller), was gleichzeitig das Drama ins Rollen bringt. Die endlose Katz- und Mausjagd beginnt…

 

Und der Haifisch, der hat Zähne

Sinnbildlich für das egoistische Verhalten der bürgerlich kapitalistischen Gesellschaft dreht im Hintergrund der Bühne (Rudolf Rischer) ein Haifisch seine Kreise. Er untermalt das Bild des Menschen als Einzelkämpfer und sein unersättliches Verlangen nach Macht und Respekt. Selbst die junge Polly stellt sich beim Hochzeitsdinner auf den Tisch und schlüpft in die Rolle einer Piratenbraut, die von ihrem Gefolge eiskalt gefragt wird: “Wen sollen wir töten?”. Der Kampf nach Ruhm und Wohlstand erfordert scharfe Zähne und Kampfgeist, und dies ohne Rücksicht auf die kleinen Fische.

 

Mackie Messer

Dem Haifisch gleich dreht Mackie Messer seine Runden, anstelle der Zähne trägt er sein Messer. Trotzdem ist er nicht als allgemeiner Bösewicht anzusehen. So ist er gleichermassen verhasst und verehrt: Ein Gauner, mit dem der Zuschauer trotz allem mitfiebert. Der Bösewicht mit Charme ist jedoch längst keine Einzelerscheinung mehr. Auch in Filmen wird immer wieder mit Verbrechern sympathisiert, sei es der legendäre Jesse James oder ein Ben Wade aus “3:10 to Yuma”. Dieses Phänomen schafft in der “Dreigroschenoper” Platz für vielseitige und menschliche Charakteren, mit denen sich der Zuschauer auch in der heutigen Zeit identifizieren kann.

 

Im Sinne Brechts

Die St.Galler Interpretation der “Dreigroschenoper” legt viel Wert auf Brechts Kerngedanken. Er selbst glaubte nach der deutschen Uraufführung des Stücks, dass der Erfolg nur auf den romantischen Szenen und Kurt Weill’s Musik beruht. Ihm war jedoch stets wichtig, die Gesellschaftskritik in den Vordergrund zu stellen. Diese Idee wird in der St.Galler Inszenierung (Kurt Josef Schildknecht) umgesetzt: Die Liebesgeschichte wird überspitzt eintönig dargestellt. Auch wird mit absichtlichen Räuspern und Husten die Kraft der Musik (Leitung: Martin Gantenbein) abgeschwächt. Allgemein erinnert das Stück an eine Amateuraufführung, was auch in Brechts Sinne gewesen wäre. Ihm war stets von Bedeutung, das Theater als etwas Gemachtes darzustellen. Der Zuschauer sollte nie das Gefühl erhalten in einem echten Geschehen zu sein. So wird die Bühne offensichtlich durch die Schauspieler umgebaut und die Szenenübergänge werden mit humorvollen Ansagen überbrückt. Inwiefern sich das Publikum dessen bewusst war, bleibt fraglich.

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