Gesellschaft | 18.10.2010

Vergessenes Mie

Zwischen Tokyo und Kyoto denken Reisende selten daran, in Nagoya auszusteigen - oder gar einen der klapprigen Züge in den abgelegenen Süden zu nehmen. Doch an der Pazifikküste wartet eine Perle.
Für diesen atemberaubenden Anblick lohnt es sich, schon um halb fünf Uhr morgens aufzustehen.
Bild: Julian Perrenoud Einkaufsbummel in traditioneller Verkaufsstrasse. Die Hafenlage in Toba. Toba ist bekannt für seine Perlenmuscheln. Die Muschel-Ernte ist für Zuschauende ein Spektakel. In Ise befinden sich die meistverehrten Tempel Japans, die - wie auf dem Bild - durch ihre Schlichtheit auffallen. In den Parkanlagen versuchen Frauen, den heiligen Stein anzufassen, der eine Art Lebenskraft ausstrahlt.

Es ist dunkel, die Nacht ist innert Minuten hereingebrochen. Grillen zirpen, Frösche quaken, auf meiner Stirn kleben Schweissperlen. Es hat geregnet, den ganzen letzten Tag. Eine Mutter und ihr Sohn haben mich soeben mit dem Auto in einem kleinen Dorf an der japanischen Pazifikküste abgesetzt. Der Uhrzeiger stand bei halb acht, als ich aus dem Futaminoura-Bahnhof trat, nach einem Bus fragte, obschon ich wusste, dass keiner fährt, und ziemlich hilflos dreinblickte. Die Mutter konnte gar nicht anders, als mich mitzunehmen. Japaner helfen dem Gaijin (Ausländer), wo sie nur können. Sei es aus Nächstenliebe, oder, weil sie sich dazu verpflichtet fühlen. Jetzt aber bin ich wieder auf mich alleine gestellt. Ich suche die Jugendherberge Taiko-ji, die irgendwo hier bei einem Tempel liegen soll. Ob die Reservation geklappt hat, weiss ich nicht. Die wenigen japanischen Yen auf der Telefonkarte haben gerade mal für meinen Vornamen gereicht.

 

Ich erblicke ein Schild, blaues Logo mit Haus und Baum. Yusuhosteru, 300 Meter, steht in japanischer Schrift geschrieben. Das Schild weist einen geteerten Weg hinauf, mitten in den Wald am Hügelsaum. Ich ziehe meinen übergrossen Koffer hinterher, hieve ihn über eine Treppe, unter einem hölzernen Torbogen hindurch. Da, der Tempel, innen brennt eine Öllampe, auf den Reisstrohmatten (Tatami) liegen Kissen. Ist das die Jugendherberge? Ich schreite um den Tempel, entdecke einen Getränkeautomaten. Diese stehen in Japan überall, in Seitengassen, Hotels oder eben mitten in der Natur. Was noch lange nicht heissen will, dass hier irgendjemand ist. Ich steige eine glitschige Treppe runter, sehe ein zweites Licht. Ein alter Holzbau, das vertraute Schild davor. Geschafft. Im Haus selber ist es dunkel. Barfuss laufe ich auf und ab, der Boden knarrt. Ich finde eine Klingel, und mit ihr wenige Sekunden später die Besitzerin der Jugendherberge. “Hai, hai”, ruft sie und eilt herbei. Englisch spricht sie so gut wie keines, wie die meisten Leute in Japan. Und in dieser Region sowieso, wo sich kaum ein westlicher Tourist verirrt. Ich habe das Haus für mich alleine, auf einem faustdicken Futon schlafe ich ein.

 

Hoffnungslos verschmutzt

Der Tag bricht ebenso früh an, wie die Nacht, besonders hier an der Ostküste. Nach einem japanischen Frühstück – Suppe, Reis, Spiegelei, Kartoffeln und Bohnen – sehe ich mich in der Gegend um. Nach Städten wie Tokyo, Kyoto und Osaka wirkt das Dorf wie ausgestorben. Die Küste zieht sich um dicht bewaldete Hügelketten, die Strände sind verlassen, bis auf drei Fischer. Der nahe Fluss schwemmt eine trübe Suppe in die See. Er ist, wie so viele in Japan, hoffnungslos verschmutzt. 30 Minuten zu Fuss und ein paar Minuten mit dem Zug entfernt liegt Ise, Isesi, Iseshi oder Ise-shi. Jeder scheint den Ort anders zu schreiben, bleiben wir also bei Ise. Ein unaufgeregtes Städtchen, das trotz allem berühmt ist: Es besitzt nämlich Japans meistverehrten Tempel. Geku genannt, liegen sie in einer bewaldeten Parkanlage. Gerade ihre Schlichtheit soll den Shinto-Buddhisten derart faszinieren. Massives Holz, dezent mit Gold verziert. Fotografieren ist bei den heiligsten Heiligtümern verboten. Ordnungshüter stehen überall, genauso wie weiss gekleidete Mönche, die an Ständen Gebetskarten, Ketten und Anhänger verkaufen.

 

Japaner sind höfliche Menschen – aber oft scheu, wenn es darum geht, den ersten Schritt zu machen. Am Bahnhof warte ich am Nachmittag auf einen Bus, der mich nach Oharaimachi bringen soll, einer Strasse aus der Edo- und Meiji-Periode (1603-1912). Die zwei Mädchen in ihrer Schuluniform blicken schon seit fünf Minuten verstohlen zu mir rüber, kichern leise. Da stehen beide auf, kommen auf mich zu, blicken mich an, kichern. Die eine fragt in gebrochenem Englisch: “Where are you from?” – Ich sage es ihnen, und sie antworten, wie fast alle hier, wenn sie es hören: «Eee, Suisu desu!« Ihre Augen werden gross, sie nicken anerkennend. Da kommt schon mein Bus, sie winken zum Abschied und kichern. Oharaimachi liegt vier Kilometer vom Stadtzentrum entfernt an einem Fluss, über den sich hölzerne Brücken schwingen. Kleine Gässchen winden sich durch die alten Häuserreihen. Köche preisen gegrillten Lachs und Tintenfisch an, Bäcker Kuchen mit roten Bohnen. Kleine Holzkätzchen und Steinbuddhas blicken von Regalen, Frauen mit weisser Haube schenken Grüntee aus. In engen Restaurants mit Blick auf Wasser und Wald essen Pärchen Weizennudeln, Krabbe und trinken Sake (Reisswein).

 

Ein Feuerball entsteigt den Wellen

Genau auf der anderen Seite von meiner Herberge aus liegt Toba, ein Ort, bekannt für seine Hotelanlagen direkt am Meer und für seine Perlenmuscheln. Auf der malerischen Kleininsel Mikimoto wurden solche 1893 erstmals weltweit kultiviert. Ein Museum, Statuen und die zahllosen Farmen im Wasser zeugen von der Pioniertat. An schwimmenden Holzbalken befestigt hängen die Netze mit ihrer wertvollen Fracht im Wasser. Zu jeder vollen Stunde können Schaulustige für kurze Zeit die Ernte beobachten. Ein kleines Boot bringt drei Frauen in langen, weissen Gewändern und Taucherbrillen an eine der Farmen. Sie werfen Holzeimer ins Wasser und tauchen ab. Kurze Zeit später erscheinen sie wieder an der Oberfläche, Muscheln in den Händen haltend. Die Zuschauer, Schulkinder und ihre Lehrer, klatschen.

 

Zurück im Taiko-ji die Überraschung: An der Schwelle stehen Schuhe. Tomoki, ein 22-jähriger Tokioter, ist eben mit dem Velo angekommen, 700 Kilometer hat er zurückgelegt. Sein Englisch ist bescheiden, er fragt nach meinen Plänen. Nur zehn Minuten zu Fuss liegt ein berühmter Schrein im Wasser, Meotoiwa. Ich erzähle Tomoki von den zwei Steinen, die ein dicker Strang mit Zotteln verbindet. Wir wollen sie besichtigen gehen, um halb fünf morgens. Bei klarem Wetter zeigt sich dort nämlich erstmals die Sonne.

Der Wecker reisst mich aus dem Schlaf, ein banger Blick zum Himmel, kaum Wolken. Dann los, Tomoki wartet schon angezogen an der Tür. Wir eilen den Weg hinab, das Dorf schläft noch. Doch wir sind nicht die einzigen an der Seepromenade: Etwa hundert Schüler und einige einheimische Touristen schnattern wild durcheinander, halten ihre Kameras bereit. Die See wirft hohe Wellen, Gischt spritzt über die Geländer. Wir warten, blicken auf den Horizont. Um 04.44 Uhr drücken sich gelbe Strahlen durch die Wolkenfetzen, dichter, mehr, ein blutroter Feuerball entsteigt den Wellen, wandert langsam höher. Die beiden Steine sind in rötliches Gold getaucht. Ein neuer Tag bricht an.

 

 

Infos


Lage: Die Mie-Präfektur mit Ise und Toba als Aushängeschilder liegt im Süden von Honshu, der grössten der vier Hauptinseln Japans

 

Anreise: Von Tokyo oder Kyoto mit dem Shinkansen der Japan Rail (JR) nach Nagoya, dann anderthalb Stunden bis Ise. 20 Minuten länger bis Toba. Für Reisende empfiehlt sich der Japan Rail Pass (7, 14 oder 21 Tage), der für das gesamte Netz (nur JR) gültig ist

 

Veranstalter: Beispielsweise Palmtravel, seit Jahren auf Japanreisen spezialisiert. www.palmtravel.ch

 

Uhrzeit: Die Zeitdifferenz zu Mitteleuropa beträgt plus 7 Stunden, im Winter plus 8

 

Sprachen: Japanisch, Englisch (nur in grösseren Städten oder Informationsbüros)

 

Essen: Die Mie-Präfektur ist berühmt für ihre Muschel-, Hummer- und Austerngerichte. Oder auch Chadzuke, Reis, der mit Tee und Thunfisch gemischt wird. Populär sind auch die aromatischen Gokasho Mandarinen.

 

Übernachtung: Wer es günstig mag: Taiko-ji Jugendherberge in Futami-cho oder Ise-shima in Ise. Mitglieder bezahlen zwischen 25 und 30 Franken pro Nacht und Person. Normale Hotelzimmer gibt es etwa ab dem doppelten Preis.

 

Allgemeine Informationen: Tourismusguide zu Mie http://tourismmiejapan.com