Gesellschaft | 26.10.2010

Paris von Venus bis Anémone

Text von Seraina Manser | Bilder von Seraina Manser
Die spannendsten Dinge in Paris lassen sich erst im Alltag entdecken. Es sind die kleinen Macken und Angewohnheiten, die einer Stadt und ihren Bewohnern dieses gewisse Etwas verleihen. Was ich in Paris täglich höre und sehe.
Eine Stadt will gesehen und gehört werden. Auch "Vönüss".
Bild: Seraina Manser

Die Geräuschkulisse

Das Geräusch, das in Paris am meisten zu hören ist, sind wohl die “Klaxons” oder auf gut Deutsch: Autogehupe. Der Pariser Autofahrer braucht seine Hupe vielseitig, sei es um ein Velo aus dem Weg zu jagen oder aber einen anderen Fahrer zurecht zu weisen. Oft ist das Gehupe noch begleitet von einer negativen Geste der anderen, freien Hand. Mehrmals kam ich auch schon in den Genuss eines ganzen Hupkonzerts, nämlich dann, wenn ein Lieferer seelenruhig seinen Lastwagen mitten in einer Einbahnstrasse abstellt und beginnt, seine Ware auszuladen. Für die nachfolgenden Autos ist kein Durchkommen mehr möglich, weil die Strassen oft sehr schmal sind. Da bleibt nur noch der Druck auf die Hupe und die Hoffnung, dass der Lieferer schnell arbeitet.

 

Die meistgehörten Wörter

“Franchement” scheint geradezu ein Modewort zu sein. Es heisst sowohl alles oder aber auch nichts. Am ehesten wäre es noch zu übersetzen mit “Ehrlich gesagt, …” oder aber: “Um ehrlich zu sein…”. Meiner Meinung nach sprechen es viele bewusst langsam und genussvoll aus, um sich währenddessen den folgenden Teil des Satzes im Kopf zusammen zu reimen.

 

Dazu kommt “la grève”. Ein sehr aktuelles Thema in ganz Frankreich, und zugleich verantwortlich für fast alles, wie zum Beispiel für die Zeitung, die nicht zur Zeit ankommt, für das Piscine, das geschlossen hat, oder aber für die eigene, schlechte Laune.

 

Das meistgesehene (lebendige) Tier

“Les chiens”. Kaum zu glauben, aber in Paris gibt es unglaublich viele Golden Retriever, Labradors, Collies  und Cockerspaniels, die sich mit ihren Herrchen und Frauchen auf den grossen Boulevards promenieren. Erstaunlich, da doch Paris nicht gerade das Paradies für Vierbeiner ist: wenig Bäume oder Wiesen und zudem viel Verkehr. Viele, vor allem in den reicheren Arrondissements, sehen sie auch eher als Accessoires denn als Individuum. Meine zwei Lieblingshundenamen, die ich auf der Strasse gehört habe: Venus (ausgesprochen als Vönüss) und Anémone.

 

Das meistgesehene (tote) Tier

“Les pigeons”, die Tauben. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich mit meinem Velo keine Taube überrolle. Natürlich bin ich keine Mörderin, die Autos und Mopeds erledigen das schon vor mir. In Anbetracht dessen, dass die Pariser schrecklich fahren, schockt mich die grosse Anzahl Taubenleichen schon lange nicht mehr.

 

Der meistbesuchte Laden

“Friperie”, sogenannte Secondhandläden, gibt es in Paris so viele wie Bilder im Louvre. Diese Läden haben nichts mit einem Schweizer Brocki zu tun. Oft werden nämlich nur ganz bestimmte, ausgewählte Secondhandkleider angeboten, und zwar zu ziemlich hohen Preisen. Die Kleidungsstücke werden schön präsentiert und oft nach Farbe oder Material angeordnet, so lässt sich zum Beispiel auch echter Pelz finden. Die Pariser à  la mode tragen mindestens ein Teil aus einer Frip.