Kultur | 18.10.2010

“Menschen sind keine Maschinen”

Text von Corina Fuhrer | Bilder von Corina Fuhrer
In ihrer letzten Ferienwoche versuchten sich acht Jugendliche im Rahmen eines Schreibworkshops als Drehbuchautoren. Das Experiment ist geglückt, die Teilnehmer sind vom Theatervirus infiziert.
Die Wirkung der Dialoge auf einer Bühne,... ...die im Schreibworkshop enstanden sind,... ...analysiert die Autorenschaft kritisch.
Bild: Corina Fuhrer

“Man legt den Hebel um – und schon kommt etwas heraus”, ist Gabriele Michel-Frei, Theaterpädagogin am Stadttheater Bern, fasziniert. Umgelegt wurde der Hebel bei acht Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren in einem Schreibworkshop des Stadttheaters eine ganze Woche lang. Herausgekommen ist ein Theaterstück, dessen Vielfältigkeit auf die Gruppe selbst schliessen lässt.

 

Der Schreibworkshop fand letzte Woche zum dritten Mal statt. Nachdem die Teilnehmer in den vergangenen Jahren Theaterkritiken und Biographien über Theaterschaffende umgesetzt hatten, stand in diesen Herbstferien nun das eigene, szenische Schreiben im Zentrum. “In fünf bis sechs Tagen Grundlagen von journalistischem Schreiben zu entwickeln, hatte sich als schwierig herausgestellt. Daher haben wir dieses Jahr etwas Neues versucht”, sagt Karla Mäder, Dramaturgin und Co-Leiterin des Workshops.

 

Bühne frei

Als erstes entwickelten die Jugendlichen zwölf fiktive Charakteren, die sich immer paarweise im Dialog begegnen. Der Zuschauer wird in jeder neuen Szene mit einer frischen Figur konfrontiert. Das zentrale Ereignis, welches alle Figuren miteinander verbindet und als roter Faden dient, ist das bevorstehende Begräbnis einer alten Frau. Eine Dolmetscherin und Freundin der Verstorbenen reist extra aus Frankreich an, eine Enkelin hat ihre einzige Bezugsperson verloren, während andere Besucher bloss aufs Erbe aus sind. Die Dialoge sind witzig, gar ironisch und manchmal versteckt sich auch ein kleines bisschen Drama zwischen den Zeilen.

 

Das Geschehen im so entstandenen Theaterstück “Komm lass uns erben… – ein Trauerspiel in 12 Begegnungen” nimmt immer wieder unerwartete Wendungen. Es sind skurrile Geschichten, die da erzählt werden, doch geht der Bezug zur Realität nie verloren. Scheu vor heiklen Themen wie Tod oder Vergewaltigung kennen die Jungautoren auch keine. Manche Stellen kommen sogar sehr erwachsen daher. So legt einer der Schreiberlinge seiner Figur zum Beispiel die Worte “Menschen sind keine Maschinen. Doch das habe ich erst spät gelernt – zu spät, um meine Ehe zu retten” in den Mund.

 

Anders als Schule

Der Workshop im Stadttheater bietet Platz für Aspekte des Schreibens, welche in der Schule selten zum Zuge kommen. “Wir wollen den Jugendlichen einen Schonraum bieten, in dem das Geschriebene vorurteilsfrei und doch kritisch diskutiert werden kann”, sagt Gabriele Michel-Frei. Die Korrekturen sind nicht wie bei einem Schulaufsatz unten an den Blattrand gekritzelt, sondern werden in der Gruppe besprochen.

 

“Ich würde den Workshop sicher weiterempfehlen”, sagt Lea König, 15, “aber man muss schon Freude am Theater haben”. Und das haben die jungen Autorinnen und Autoren zweifellos – dafür liefert das Resultat den besten Beweis. Den Jugendlichen das Theater und dessen Hintergrund vermitteln, bei Proben und Vorstellungen dabei sein: auch darum geht es im Workshop. Wie zum Beispiel verändert sich der Blick auf eine Theateraufführung, wenn man darauf vorbereitet hingeht? Der Diskurs untereinander hilft die Eindrücke zu verarbeiten und richtig einzuordnen.

 

Die Jugendlichen haben sich eine (Ferien-)Woche lang voll und ganz der Theaterwelt gewidmet. Am Vormittag war zu Hause schreiben angesagt, jeweils von 14 bis 18 Uhr traf man sich im Stadttheater. “Ich finde es toll, wie aus dem Nichts heraus etwas entsteht”, erzählt Lea König. Die intensive Auseinandersetzung mit den Rollen habe den Schreiberlingen einiges abverlangt, aber alle seien mit Herzblut dabei gewesen. “Jeder hat seine seine eigenen Charaktere entwickelt – und wenn jemand von seiner Figur sprach, dann tat er das auf einmal in der Ich-Form.”

 

 

Die öffentliche Lesung des im Workshop entstandenen Theaterstücks “Komm lass uns erben… – Ein Trauerspiel in 12 Begegnungen« findet am Samstag, 23. Oktober 2010 um 15 Uhr in der Mansarde des Stadttheaters Bern statt. Eintritt frei.