Gesellschaft | 04.10.2010

Kaffeehaus St. Gallen

Text von Diana Berdnik
Freitagabend, es ist kalt und es regnet. "Kaffeehaus" steht auf den grossen Fenstern. Drinnen herrscht eine gelassene Stimmung. Auf den Stuhlunikaten sitzen Studenten und trinken Kaffee, aber auch anderes.
Piano, Einzelmöbel, Porzellan: Im Kaffeehaus wird wert gelegt auf Individualität. Gallus Hufenus will mit seiner Idee das Kulturleben der Stadt anregen. ©Urs Anderegg.

Nicht weit entfernt von der St. Galler Altstadt, in der alten Linsebühlpost, riecht es nach Kaffee. Der Geruch stammt nicht etwa von einem Ableger einer grossen kommerziellen Kaffeeladenkette, sondern vom neuen Kaffeehaus. Um 1900 gab es zahlreiche solcher Häuser in der Stadt, heute findet man sie vor allem in grossen Städten wie Wien oder Paris.

 

Eine Starbucks-Kopie?

Die schwarze Tafel mit dem vielfältigen Angebot an Kaffees lässt befürchten, dass sich hier jemand mit dem berühmt berüchtigten Starbucks anlegen will. Doch weit gefehlt: Hier wird Kaffeekultur gelebt. Altertümlicher Charme tritt gegen modernes Ladendesign an. Wo andernorts die schwarze Brühe wie am Fliessband produziert und in Pappbecher abgefüllt wird, entstehen im Kaffeehaus liebevoll gebraute Getränke, die in hübschen Tassen serviert werden. Die Gäste machen es sich auf antiken Stühlen, von denen jeder ein Unikat ist, bequem und geniessen den Feierabend. Einmal pro Woche präsentiert ein Künstler den Gästen sein Talent, wie an diesem einen Abend ein Gitarrist. Das junge Publikum nimmt’s gelassen, auch wenn ab und zu ein Fehler passiert.

 

Hörbar

Am Freitagabend lauschen Studenten der Livemusik und trinken ihr Bierchen. “Ansonsten ist das Durchschnittsalter eher etwas höher”, meint Gallus Hufenus, Gründer des Kaffeehauses. Es sind meistens Kaffeekenner oder Kulturinteressierte, die ihn besuchen. “Letztens war aber auch eine Frau mit ihrem trotzenden Mädchen hier”, erzählt er. Während die Mutter einen Kaffee trank, ein Stück Kuchen ass und in einer der angebotenen Zeitungen blätterte, hörte die Tochter selig eines der Hörspiele, die man ausleihen kann. Im Kaffeehaus gibt’s etwas für alle Generationen.

 

Ein Mann, so vielseitig wie sein Kaffee

Gallus Hufenus will die Kaffeekultur zurück nach St. Gallen bringen. Sein Kaffee hat Qualität: Davon zeugen die Menschen, die extra zu ihm in sein Geschäft kommen. An der Bar erzählt er jedem Kunden, woher sein Kaffee kommt und wie er ihn zubereitet, damit sich sein Geschmack am besten entfalten kann. Ein Fachwissen, das sich der junge Mann selbst erarbeitet hat. Nebenbei arbeitet er nämlich als Journalist und Radiomoderator. Er ist sich auch nicht zu schade, kurz vor Ladenschluss auf dem hauseigenen Klavier ein Liedchen anzustimmen. Mit seinem Kaffeehaus will er nicht das grosse Geld machen, sondern vielmehr eine Plattform bieten. “So können Geschichten passieren, sie werden ausgetauscht und die Kultur hat wieder einen Platz im Alltag der Menschen.”