Kultur | 26.10.2010

Junge Talente

Text von Deniz Yüzüak
Im Rahmen des Zürcher Filmfestivals fanden auch dieses Jahr die Master Classes statt, bei denen rund 20 aufstrebende Filmemacher aus den Bereichen Regie, Drehbuch und Produktion teilnahmen. Tink.ch hat mit zwei Schweizer Teilnehmern aus diesem Jahr gesprochen.
Das Filmfestival fördert mit der Master Class Nachswuchstalente. Für Luc Gut haben Ton und Bild den selben Stellenwert. Samuel Flückiger: "Es gab auch unter den Teilnehmenden der Master Classes absolute Quereinsteiger."

Worin unterscheiden sich die Master Classes gegenüber dem Unterricht an einer Filmschule?

Sam: Man kann etablierten Filmemachern Fragen stellen und sich austauschen. In dieser kurzen aber intensiven Zeit lernt man sehr viel dazu und kann sich zudem ausgezeichnet vernetzen. Ein anderer Vorteil ist, dass man einen Eindruck darüber bekommt, welche Projekte bei anderen Kollegen gerade laufen, da man sonst sehr stark mit den eigenen Arbeiten beschäftigt ist. Die Master Classes ergänzen die eigene Ausbildung gut.

Luc: Das Ganze ist viel flexibler als an einer Filmschule, da es auch um persönliche Beziehungen geht. So gehen alle zusammen mit den Dozierenden essen. Im Übrigen sind die Dozierenden vielfach nicht nur Meister ihres Faches, sondern auch sehr inspirierende Persönlichkeiten mit spannenden Biografien.

 

Kann man in der Schweiz vom Filme machen leben?

Sam: Ja, ich glaube, dass es in den meisten Bereichen vom Film Möglichkeiten gibt, um gut davon leben zu können, wenn man den Willen und das nötige Engagement mitbringt. Auch wenn es als Selbstständiger nicht immer einfach ist, kann man sich notfalls auch mit Projekten über Wasser halten, bei denen man sich kreativ nicht so stark ausleben kann. Es braucht aber auch eine Prise Glück, damit man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.

Luc: Ich denke auch, dass man in der Schweiz vom Filmemachen leben kann. Im Vergleich zu anderen Branchen mag es beim Film vielleicht weniger klassische Laufbahnen geben. Doch viele aussergewöhnliche Karrieren zeigen, dass man durch unkonventionelle Wege in der Branche Fuss fassen kann und genug verdient, um davon leben zu können.

 

Wie wird man in der Schweiz zum Filmschaffenden?

Luc: Die für das Filmemachen nötige Technologie ist heute äusserst günstig. Bereits mit der Filmkamera vom Handy und einem Computer können erste Videoclips erstellt werden. Ich hatte mir die Handycam meines Vaters ausgeliehen, um meine ersten Projekte anzugehen. Durch das Probieren merkst du schnell, ob die Materie dich packt. Und packen muss es einen, denn trotz der fortgeschrittenen Technologie ist es weiterhin nicht einfach, einen guten Film zu produzieren.

Sam: Mir persönlich hat es sehr geholfen, möglichst viele Filme anzusehen, um mich vom Medium einnehmen zu lassen. Ebenso dienlich war es, sich mit der Filmgeschichte auseinanderzusetzen. So schafft man sich ein gutes Fundament, bevor man den Entscheid fällt, ob und welche Filmausbildung man absolvieren will.

 

Empfiehlt ihr den Besuch einer Filmschule?

Sam: Das ist eine Frage, die auch in den Master Classes gestellt wurde. Die Biografie der Referenten hat gezeigt, dass man nicht zwingend eine Filmschule besuchen muss, obwohl es natürlich eine tolle Ausbildung und ein guter Einstieg wäre. Es gab auch unter den Teilnehmenden der Master Classes absolute Quereinsteiger. Ganz abgesehen von all den erfolgreichen Filmschaffenden, die von Filmschulen abgelehnt worden sind.

Luc: Filme sind auch da, um etwas zu vermitteln. Eventuell hast du Interesse für Soziologie und studierst es. Wenn du danach Filme machst, fliessen deine Eindrücke aus dem Studium automatisch in die Arbeiten ein. Auf jeden Fall ist ein Studium eine zusätzliche Bereicherung.

 

Ihr betätigt euch beide nicht in erster Linie beim Spielfilm. Was sind eurer Meinung nach die Vorteile der Filmformen Kunstfilm und Musikvideos?

Luc: Für mich ist es ein Vorteil, dass die Standardanforderungen ganz anders sind als bei einem Kinospielfilm. Im Kunstbereich kann ich problemlos trashige Mini-DV-Filme produzieren, da andere Aspekte zählen. Ich habe mich bewusst für die Form Kunstfilm entschieden, da ich die Schnittstelle zwischen Film, Musik und Kunst sehr interessant finde.

Sam: Ich nehme es auch so wahr. Obwohl bei den Musikvideos Vorgaben existieren, kann ich mehr ausprobieren als bei einem narrativen Spielfilm oder bei einem Dokumentarfilm, wo die Regeln strenger sind. Durch diese Freiheit, riskante Ansätze ausprobieren zu können, kann ich mein eigenes Handwerk besser weiterentwickeln.

 

Der Schweizer Filmmarkt ist im Vergleich zu anderen Filmmärkten wie Deutschland und Frankreich relativ klein. Gibt es dennoch Vorteile gegenüber den grossen Märkten?

Luc: Ein Vorteil ist, dass du die Filmszene relativ schnell kennenlernst, weil sie so klein ist. Auf der anderen Seite stösst du bei der Verwertung sehr schnell einmal an die nationalen Grenzen.

Sam: Das sehe ich gleich. Mit schweizerdeutschen Produktionen ist es sehr schwierig, in den deutschen Markt einzudringen. Anders sieht es bei den Dokumentarfilmen aus, die im europäischen Raum einfacher auswertbar sind. Der Schweizer Dokumentarfilm ist vielleicht auch deswegen sehr gut entwickelt.

Beim Spielfilm ist der kleine Markt gut spürbar, denn die Filmfinanzierung verläuft grösstenteils über Kulturförderfonds. Diese Abhängigkeit führt dazu, dass wenige Stellen über einen grossen Teil der Realisationen im Schweizer Film entscheiden. Wäre der Zuschauermarkt grösser, könnten mehr Filme ohne Kultursubventionen gedreht werden. Ob das auch zu einer grösseren Anzahl guter Filme führen würde, ist eine andere Frage.

 

Welche zwei gegenwärtigen Entwicklungen im Filmbereich findet ihr erwähnenswert?

Sam: Zurzeit gibt es den Hype auf die dreidimensionalen Filme, wobei es sich zeigen muss, ob sich diese Technologie in allen Genres durchsetzen wird.

Im amerikanischen Kino finde ich den gegenwärtigen Trend zur Entschärfung der Filme bedenklich. Die Filme werden immer stärker geglättet. Beispielsweise muss Ridley Scott seinen Film “Alien” so produzieren, dass er ab 13 Jahren freigegeben wird. Ridley Scott ist damit kein Einzelfall.

Luc: Ich bin neugierig, wie sich die Medien TV und Internet entwickeln werden. Schon heute hat YouTube eigene Genres geschaffen, die teilweise millionenfach angeschaut werden. Auch die Thematik global vs. lokal könnte für Überraschungen sorgen und Umwälzungen in der bisherigen Dominanz des amerikanischen Kinos mit sich bringen.

 

 

Die Interviewpartner


Luc Gut

Studiert in Zürich “Mediale Künste”. Typisch für die Videos von Luc Gut ist die Verbindung zwischen Musik und Bild. Der Ton hat in seinen Arbeiten einen ebenso hohen Stellenwert wie das Bild. In diesem Jahr wurde er für eine Arbeit am Schweizer Onedotzero Festival ausgezeichnet.

 

Samuel Flückiger

Nach seiner Matura begann Samuel Flückiger auf eigene Faust Musikvideos zu drehen. Im Jahr 2003 kam der Durchbruch mit dem Videoclip “Noochbrand” der Band Brandhärd. Im Jahr 2008 gewann er an der Slangnacht den Award für das beste Schweizer Hip-Hop Musikvideo.

Im letzten Jahr schloss Samuel Flückiger sein Studium der Filmwissenschaft und der Soziologie ab. Seither arbeitet er unter anderem als Produktionsassistent von Regisseur Samir bei der Dschoint Ventschr Filmproduktion AG in Zürich.

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