Politik | 12.10.2010

Gute Gene, schlechte Gene

In politischen Diskussionen erleben Begriffe wie Blut oder DNA eine Rückkehr. Doch haben sie da nichts zu suchen. Nicht nur die Erfahrung mit dem Nationalsozialismus zeigt, dass in solchen Metaphern mehr Ideologie als Wissenschaft steckt.
Gemäss FPÖ basiert das Plakat auf einer Operette von Johann Strauss. Das Blut hat hier dennoch nichts verloren.
Bild: Helge Fahrnberger/www.helge.at

Mehr Mut für unser “Wiener Blut” – Zu viel Fremdes tut niemandem gut. Mit diesem Slogan erreichte die freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) an diesem Wochenende ein Glanzresultat bei der Landtagswahl in Wien. Zur gleichen Zeit debattiert Deutschland über ein Buch namens “Deutschland schafft sich ab”. Geschrieben wurde es von SPD-Politiker Thilo Sarrazin, der daraufhin in der Berliner Morgenpost verlauten liess: “Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben Gene, die sie von anderen unterscheiden.” Er nahm diese Aussage später zurück, argumentierte in der Folge aber weiterhin mit einem wilden Begriffsgemisch aus Gen, Kultur und Identität für seine Anliegen.

 

Eugenik ist keine Wissenschaft

Blut und Gene: Der Körper kehrt in die politische Sprache zurück. Das ist beängstigend und falsch. Einerseits führte die Eugenik, die politische Anwendung von humangenetischem Wissen, bereits zu Holocaust und Völkermorden. Andererseits ist die diffuse Verbindung von Genen, Intelligenz und Kulturen, wie Sarrazin sie beschreibt, wissenschaftlicher Nonsens. Gene determinieren uns nicht als Individuen und erst recht nicht als Gruppe. Sie beeinflussen nebst anderen Einflüssen unsere Intelligenz. Wie stark wir beeinflusst werden, bleibt unklar. Wenn Sarrazin davon spricht, dass “die Wissenschaft sich darin einig ist, dass die gemessene Intelligenz zu 50 bis 80 Prozent erblich ist”, dann missachtet er einige grundsätzliche Probleme: Was ist Intelligenz überhaupt? Wie lässt sie sich messen? Wie kann man zweifelsfrei herausfinden, welcher Anteil davon von den Genen, vom sozialen Umfeld oder von der Erziehung bestimmt ist? “Die Wissenschaft” ist sich in solchen Fragen überhaupt nicht einig.

 

Wer mit dem menschlichen Körper Politik betreibt, vermittelt daher kein neutrales Wissen, sondern versucht seine eigene Ansicht als biologische Wahrheit zu verkleiden und sie der politischen Arena zu entziehen. Die Biologie ist schliesslich nicht verhandelbar. So werden scharfe Trennlinien zwischen schwammigen Begriffen wie Nation, Ethnie oder Rasse errichtet und für politische Agitation benutzt. So geschehen in Österreich: Für die FPÖ hat man Wiener Blut, oder man hat es nicht. Die Auswirkungen können verheerend sein. Die Vernichtungspolitik der Nazis war zum Beispiel nur die logische Folge einer Ideologie, die aus einem sonderbaren und unwissenschaftlichen Mischung aus Sozialdarwinismus und Genetik entstand: Wenn ein Volk durch seine Gene klar abzugrenzen ist und nur das stärkste Volk überleben darf, dann müssen die anderen Völker eben sterben.

 

Schweizer Erbgut?

In nächster Zeit wird es nicht wieder zu einem ähnlichen Massenmord kommen. Allerdings gewöhnen wir uns wieder mehr und mehr an genetische Argumente in sozialen und ethischen Fragen. In vergleichbar harmloser Form ist das auch in der Schweiz der Fall. So bezeichnet Markus Somm, Chefredaktor der Basler Zeitung, in seiner Biographie von General Guisan die Idee des Réduits als “Teil der DNA der Schweiz”. Ein genetisch echter Schweizer wäre demnach nur, wer sich dem Réduit-Wehrgeist verpflichtet fühlt, was ganz offensichtlich nicht stimmt. Die Metapher ist irreführend.

 

In der Schweiz wurde die Genetik aber auch schon schlimmer missbraucht: Das “Hilfswerk” Kinder der Landstrasse nahm hunderten jenischen Familien ihre Kinder weg und verfrachtete diese in Heime, Pflegefamilien und Besserungsanstalten. Das Projekt wurde 1926 von der Stiftung Pro Juventute gegründet, die heute noch aktiv ist. Ziel war es, die Lebensweise der Fahrenden auszumerzen, die gemäss den Ideologen hinter dem Projekt erblich mitbedingt war. Erst 1973 hörte man mit dieser Praxis auf. Psychisch kranke Menschen wurden hierzulande sogar bis in die 1980er Jahre zwangssterilisiert oder gar kastriert, damit sich kein “minderwertiges Erbgut” fortpflanzen könne. Von gepriesenen demokratischen Werten wie Freiheit oder Selbstbestimmung keine Spur.

 

Für eine blutlose Politik

Solche Beispiele zeigen: Blut- und Genmetaphern haben in der Politik nichts verloren. Die Genetik, die Vererbungslehre, liefert zwar wichtige Erkenntnisse innerhalb der medizinischen Forschung, darf aber nicht auf Bevölkerungs- und Minderheitenpolitik übertragen werden. Es liegt hier an der Politik, ihre Sprache klar von derjenigen der Biologie zu trennen. Die Naturwissenschaft sollte sich wiederum noch stärker als bisher fragen, für welche politischen Zwecke ihre Forschungen benutzt werden können. Es ist fraglich, ob man, wie geschehen, den Genpool von Griechen und Mazedoniern vergleichen sollte um herauszufinden, welche Ethnie näher mit anderen mediterranen Völkern verwandt ist. Denn genau diese zwei Länder streiten sich momentan darüber, wer den Namen “Mazedonien”, und somit auch das kulturelle Erbe Alexanders des Grossen, für sich beanspruchen darf.

 

Doch auch als Wähler sollte man hellhörig werden, wenn Parteien anfangen von heimischem Blut und der DNA des Landes zu erzählen. Dass sich in Wien mit solcher Rhetorik 27 Prozent Wähleranteil gewinnen lassen, ist daher ein Armutszeugnis für das Bundesland.

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