Politik | 04.10.2010

Frieden, Gerechtigkeit, Bildung

Ansprachen, Musik, Raclette und ein Strauss Erwartungen. Damit empfingen die Gemeinde Köniz, Politikerinnen und Politiker die neue Bundesrätin Simonetta Sommaruga letzte Woche. Von den Unruhen nach der Rochade der Departementsverteilung war kaum etwas zu spüren.
Statt mit der Limousine reiste die neue Bundesrätin vom Rathaus mit dem Bus nach Köniz.
Bild: Eva Hirschi Gang über den roten Teppich Schulter an Schulter mit einem Weibel. Das Jugendorchester Köniz spielte zum offiziellen Empfang auf.

“Das ist ein grosser Tag für unsere Gemeinde”, freute sich der Könizer Gemeindepräsident Luc Mentha über die Wahl von Simonetta Sommaruga zur Bundesrätin. “Sie hat ihre ersten politischen Erfahrungen in Köniz gesammelt.” Um die ehemalige Gemeinderätin von Köniz offiziell zu empfangen, hat Mentha seine Ferien in Schottland frühzeitig beendet. Der neuen Bundesrätin brachte er auch gleich ein exklusives Geschenk mit: einen schottischen Whisky. Dieser solle Sommaruga durch die manchmal etwas “rauen Zeiten” im Politikerleben helfen, scherzte Luc Mentha.

 

Geboren im Aargau, zu Hause in Bern

Eigentlich kommt Simonetta Sommaruga aus dem Aargau. Schon lange hat sie aber, wie sie sagt, ihr Herz an Bern und – in Anspielung auf ihren Ehemann, den Schriftsteller Lukas Hartmann – noch viel länger an einen Berner verloren. “Im Spiegel (Ortsteil von Köniz, Anm. d. Red.) habe ich mich schnell zu Hause gefühlt”, erzählt sie. Als damalige Chefin bei der Feuerwehr hat sie sozusagen schnell Feuer gefangen.

 

Von 1998 bis 2004 gehörte sie der Könizer Exekutive an, wo sie dem Ressort Feuerwehr und Zivilschutz vorstand. Schon damals habe der Gemeinderat sie in eine Direktion abgeschoben, die sie nicht wollte. “Das Ressort Polizei wäre mir lieber gewesen. Jetzt habe ich es und jenes der Justiz noch dazu. Ich freue mich sehr auf diese Aufgabe”, lacht die neue Justiz- und Polizeiministerin.

 

Alleskönnerin?

Kaum etwas war letzte Woche am offiziellen Empfang in Köniz zu spüren von den Unruhen, die die Rochade in der Departementsverteilung im Bundesrat vor allem bei der SP und FDP ausgelöst hatte. Moritz Leuenberger, der seinen Posten als Bundesrat und Vorsteher des Verkehrsdepartements am 31. Oktober offiziell abgibt, wird später an der offiziellen Feier im Oberstufenzentrum Köniz gesagt haben: “Es ist kein Problem, dass Simonetta Sommaruga keine Juristin ist – schliesslich bin ich ja auch kein Lokführer.”

 

Auch SP-Präsident Christian Levrat gratulierte in Köniz seiner Parteikollegin. Levrat findet, mit Sommaruga habe man eine starke, populäre Politikerin im Bundesrat, die die Interessen der breiten Bevölkerung vertrete. Auf die Frage, ob er Sommaruga das Justizdepartement denn nicht zutraue, antwortet der Fribourger: “Doch, sie wird noch manche überraschen, die sie dort zwangsversetzt haben. Das Problem ist ein anderes: Uns wurden die sozial-wirtschaftlichen Themen weggenommen. Wir werden versuchen, dies bei den nächsten Wahlen zu ändern.”

 

Bundesrätin fürs Volk

Nicht nur wegen des von der Gemeinde offerierten Raclettes und Biers war der Schlosshof Köniz voll von Menschen. Man war dort sichtlich stolz auf die ehemalige Gemeinderätin. Fotografen, Reporter und Leute aus der Könizer und Berner Bevölkerung überrumpelten die neue Bundesrätin mit Glückwünschen und Fragen regelrecht. Hier schüttelte sie eine Hand, dort lächelte sie in eine Kamera.

 

Auf die Frage, was sie als Bundesrätin für die Jugend tun möchte, antwortet Simonetta Sommaruga: “Eine Welt schaffen, in der Jugendlichen Möglichkeiten offen stehen, sich zu verwirklichen. Dafür braucht es Frieden, Gerechtigkeit und Bildung.”

 

Reden ist Silber, Zuhören Gold?

Der Bundesrätin zu Ehren spielten das Jugendorchester Köniz sowie die Brass Band Schlatt auf, letztere sogar mit einem vom Berner Musiker Mario Bürki selbstkomponiertem Marsch mit dem Namen “Simonetta”. “Es ist das erste Mal, dass mir jemand ein Stück geschrieben hat”, freut sich Simonetta Sommaruga, die selbst Piano spielt. Sie nahm auf einem weissen Gartenstuhl Platz und hörte dem Orchester zu.

 

“J’écoute – ich höre”, das ist auch das neue Motto der Bundesrätin. Als Musikerin hat sie gelernt: Nur wer wirklich zuhört, kann auch mitspielen. Sie versichert: “Ich nehme die Herausforderung an.”

 

Wer rückt in den Ständerat nach?

Kaum ist Simonetta Sommaruga in den Bundesrat gewählt, beginnt sich das Kandidatenkarussell um ihre Nachfolge im Ständerat zu drehen. Gleich mehrere Parteien erheben Anspruch auf den freiwerdenden Berner Sitz. Die SVP schickt ihren Spitzenkandidaten Adrian Amstutz, Vizepräsident der SVP Schweiz, ins Rennen. Auch die FDP will mit einer eigenen Kandidatur antreten. Im Gespräch sind Christa Markwalder, Christian Wasserfallen und Corinne Schmidhauser.

 

Noch unklar ist, wen die linke Seite nominiert. Klar ist: Man will sich auf eine gemeinsame Kandidatur einigen. Die SP hat zehn Personen aus ihren Reihen angefragt, wobei insbesondere der Regierungsrätin Barbara Egger-Jenzer sowie den Nationalräten Hans Stöckli und Ursula Wyss Chancen zugerechnet werden. Die Grüne Freie Liste Bern schlägt Alec von Graffenried vor.

 

Wer in den Ständerat nachrückt, entscheidet das Berner Stimmvolk am 13. Februar.< >