Gesellschaft | 18.10.2010

Filmhäuser für jeden Geschmack

Text von Seraina Manser | Bilder von Seraina Manser.
In Paris gibt es mehr als 300 Kinos. Der Film ist eine grosse Leidenschaft der Hauptstädter. Vor allem am Freitag- und Samstagabend stehen sie Schlange, um den neusten Film oder auch einen Klassiker zu sehen. Die Unterschiede zwischen den Kinos könnten nicht grösser sein.
Le Grand Rex: Willkommen im grössten Kino Europas.
Bild: Seraina Manser.

Im 2. Arrondissement in Paris befindet sich Le Grand Rex, der grösste Kinosaal ganz Europas. “Weil die 3000 Sitzplätze nur schwer zu füllen sind, finden Vorführungen nur in der Wintersaison statt”, erzählt mir ein Angestellter, der gerade das Eisentor vor dem Eingang öffnet, “doch während dem ganzen Jahr kann man an Führungen teilnehmen, und bekommt so einen Eindruck vom immensen Saal.”

 

“Oft finden hier auch Vorpremieren statt. Anfangs September war Angelina Jolie da, um sich mit der ganzen Equipe “Salt” anzuschauen”, erzählt er mir weiter. “Logisch, dass dann der rote Teppich ausgerollt wird und viele Schaulustige und Fotografen sich auf dem Boulevard Poissonnière tummeln, um einen Blick auf die Berühmtheiten zu erhaschen.”

 

Plüschiges Warten

Obwohl Javier Bardem nicht persönlich anwesend ist, beschliesse ich den Film “mange, prie, aime” gucken zu gehen. Als Studentin profitiere ich vom Tarif réduit, der Spass kostet mich sechs Euro. Nachdem ich das Ticket gekauft habe, warte ich im plüschigen Foyer. Schon bald schreit ein Mann in Anzug in die Runde: “Mange, prie, aime, suivez-moi! Allez-y!”  Er führt uns in den richtigen Saal, leider nicht “Le Grand Rex”, aber dennoch “grand”. Er reisst ab und zu einen Witz über den Film und meint, dieser Film sei nur für Frauen. Ein Blick in die Runde bestätigt sein Vorurteil.

 

Die Sessel sind nicht nummeriert, ich kann mir also meinen Sitzplatz selbst auswählen. Während der Vorwerbung unterhalten sich die Besucher lautstark, aber als der Film beginnt, ist es mucksmäuschenstill und am Schluss applaudieren einige sogar. Vielleicht möchten sie den Film nochmals gucken gehen. Kein Problem, findet doch die erste Vorstellung bereits morgens um halb elf statt.

 

Saint André des Arts

Im 6. Arrondissement, nahe dem Touristenmagnet Place St.Michel, steht ein winziges Kino, das vorwiegend kleinere, unabhängige Filme zeigt. Es befindet sich in einem unscheinbaren Gebäude, nur das Schild “Kino” lässt mich erahnen, was sich im Innern befindet.

 

Das Saint André ist ein Kino alter Schule. Das Ticket für fünf Euro kaufe ich an einem winzigen Schalter mit Guckloch und Schlitz, um die Tickets durchzureichen, die Angestellte spricht Spanisch mit mir. Tut sie das mit jedem, der sich “Yo también” anschaut? Als Einstimmung auf den Film? Das Billett ist etwa daumennagelgross und auf Umweltschutzpapier gedruckt.

 

Im Saal sind wir dann genau zu dritt. Nach einer einzigen Vorwerbung für einen anderen Film, der im selben Kino gezeigt wird, beginnt schon der Hauptfilm. Eine Pause gibt es keine, um so besser. Die sind sonst nämlich immer zum schlechtesten Zeitpunkt platziert. Nach Filmende beginnt ein Zuschauer mit dem anderen Besucher und mir über den Film zu diskutieren, wir befinden uns in der letzten Vorstellung um 22 Uhr und werden so nicht von neuen Kinogängern verjagt.

 

Das sind erst zwei von dreihundert Arten, in Paris ins Kino zu gehen: Es bleiben 298 zu testen.