Kultur | 25.10.2010

Ein Statement gegen die Ignoranz

Als Versinnbildlichung der Schweiz übernahm die Helvetia auch eine Verantwortung und eine Pflicht, die Freiheit und Gleichheit ihrer Bürger zu erhalten. Eine Aufgabe, der sie immer noch nachzukommen versucht.
Nachdenklich sitzt Helvetia auf dem Pfeiler.
Bild: Katharina Good Speer und Schild hat sie abgelegt und zeigt dem Betrachtenden die kalte Schulter. Doch die Nicht-Beachtung gilt nicht dem Betrachter, sondern den Strukturen, die Gleichheit verhindern und unterdrücken.

Sie ignoriert die Menschen. Nachdenklich blickt die Helvetia auf der mittleren Rheinbrücke stromabwärts. Wenn man von Grossbasel aus auf sie blickt, schweift ihr Blick an einem vorbei. Je näher man an sie herantritt, desto stärker dreht sie einem den Rücken zu. Der Zugang zu ihr ist versperrt durch den auf der Mauer abgelegten Speer und das Schild mit dem Wappen der “confoederatio helvetica”. Das eine Bein ist auf der Mauer aufgestützt, das andere baumelt frei in der Luft. Ihren Kranz aus Alpenrosen hält sie lose in der einen Hand, die andere Hand liegt auf ihren Haaren. Abwesend, in sich ruhend und “nachdenkend ignoriert sie diesen Platz völlig”.

 

Von der Allegorie zur Frau

Die Inschrift an der Wand verrät, dass die Helvetia das Zweifrankenstück verliess und eine längere Reise unternahm. Sie war nach einem anstrengenden Gang durch die Stadt derart erschöpft, dass sie sich auf den Pfeiler setzte, um sich auszuruhen. Dort ruht sie nun seit 1980, als die Bildhauerin Bettina Eichin sie anlässlich eines Wettbewerbs fertig stellte. Wenn man sie aber mit einem Zweifränkler vergleicht, sieht man auf dem kalten Metall der Münze eine andere Helvetia. Stolz und gebieterisch steht sie da, seit sie 1874 in das Metall eingeprägt wurde. Mit Speer und Schild aufgerüstet strahlt sie als Verkörperung der Schweiz eine majestätische Gewalt aus. In Basel aber hat sie die Waffen hinter sich abgelegt, sie hat die Münze verlassen und ihre Autorität aufgegeben. Die Allegorie ist zur Frau geworden.

 

Teilhabe statt Einspruch

Weshalb aber ignoriert sie uns? Die Helvetia von Bettina Eichin ist als Unikat in den späten 70er Jahren entstanden. Einer Zeit des Aufbruchs der erstrebten Emanzipation der Frau: “Aktive Beteiligung, Teilhabe statt Einspruch” lautete das Motto der Bewegung. Gewisse Hürden waren sicherlich bereits genommen. So wurden die Frauen doch bereits in den 60er-Jahren dazu berechtigt, ein eigenes Konto ohne den Ehemann zu führen. Doch deutet der hinter der Helvetia stehende Koffer auf eine Weiterreise, ein Vorwärtsschreiten auf dem Weg zur Gleichheit und zur Freiheit. Die noch nicht abgegebenen Waffen deuten auf einen längeren Kampf hin, der wohl stromabwärts nicht an der Grenze der Schweiz Halt machen wird. In der abgewendeten Haltung zeigt sich das Nachdenken über die kommenden Versuche, die Gleichheit zu erkämpfen. Sie ignoriert nur scheinbar den Betrachter, eigentlicher Adressat sind die Strukturen, welche die Gleichheit verhindern und unterdrücken.

 

Als historisches Dokument der 70er-Jahre verweist die Helvetia auf die bisherigen Erfolge und die notwendigen zukünftigen Bestrebungen. Mit der doppelten Lebensgrösse der aus Walzblei gefertigten Skulptur wird die Helvetia zu einem Vorbild, zu einer Aufforderung zum selbstständigen Nachdenken über das Dasein in der gegenwärtigen Welt. Ein Statement gegen die Ignoranz.

 

 

Info


In einer losen Serie nimmt Fabian Frei verschiedene Kunstdenkmäler der Stadt Basel unter die Lupe und gibt einen Einblick in die Entstehungsgeschichte der Kunstwerke.