Kultur | 18.10.2010

Ein Hauch von Wien

Die Fondation Beyeler entführt mit der Ausstellung "Wien 1900. Klimt Schiele und ihre Zeit" in eine Geburtsstätte der Moderne.
Modell des Ausstellungsgebäudes der Secession Wien mit dem Motto der Künstlerbewegung als Inschrift: "Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit."
Bild: Katharina Good. Die Reproduktion des Beethoven-Fries empfängt die Besucher der Fondation Beyeler, als wären sie in der Ausstellung der Secession selbst. Drei Porträts der jung verstorbenen Ria Munk auf einmal. Das zweite wurde von den Auftragsgebern abgelehnt und dann zur berühmten "Tänzerin" umgestaltet. Klimt bekam den Auftrag zwar nochmals, konnte das Werk jedoch nie vollenden: er starb 1918 in Wien.

Sie stellten sich bewusst gegen den traditionellen Kunstbegriff, gegen die Grenzen der Tradition, die durch die Orientierung am Konservatismus und dem Historismus die Kunst bestimmten: Als eine Geburtsstätte der Moderne prägte die Wiener Secession im Wien 1900 den Begriff des Gesamtkunstwerks, des künstlerischen Schaffens über die jeweiligen Gattungsgrenzen hinweg. Die Fondation Beyeler entführt mit rund 300 Leihgaben aus renommierten Museen und Privatsammlungen in die Kaffeehäuser der damaligen Hochburg der Bildenden Künste. “Wien 1900. Klimt, Schiele und ihre Zeit” zeigt das Gesamtkunstwerk einer Kunst an der Schwelle zum Expressionimus und zur Abstraktion.

 

Nur eine Reproduktion

Den Auftakt der Exposition bildet eine Reproduktion des Beethoven-Frieses von Klimt in der Eingangshalle. Anlässlich einer Beethoven-Ausstellung im Jahre 1902 wurde der Fries im Ausstellungsgebäude der Wiener Secession in Wien gezeigt. Er befindet sich bis heute im Keller desselben Gebäudes. Begleitend finden sich als Einstieg in die Thematik ein Architekturmodell des mit einer goldenen Kuppel gezierten Gebäudes sowie einige von Künstlern gestaltete Plakate und Dokumente. Die Idee der Wiener Secession, der Vereinigung Bildender Künste Österreichs über die Gattungsgrenzen hinweg, wird in Basel wiederaufgenommen. Nur eine Reproduktion der Atmosphäre einer längst vergangenen Epoche, aber ein Stück Wien in Basel, das einlädt in die Geburtsstätte der Moderne.

 

An meine Kritiker

Gustav Klimt (1862-1918) kommt in der Ausstellung ein besonderes Gewicht zu, war er doch der erste Vorsitzende der Wiener Secession. Nach dem Durchschreiten eines mit Gold ausgekleideten Türrahmens erblickt der Besucher gut fünfzig Gemälde und Zeichnungen. Nebst Skizzen für den Beethovenfries, Porträts und Zeichnungen finden sich auch die zukunftsweisenden Landschaftsbilder sowie die farbigen Porträts von Ria Munk, die erstmals nebeneinander im Saal hängen. Auch die berühmten sowie typischen ornamentalen und mit Gold gearbeiteten Gemälde “Judith II (Salome)” und “Goldfische (an meine Kritiker)” weisen auf die Ablehnung des traditionellen Kunstbegriffs: “Goldfische (an meine Kritiker)” zeigt eine nackte Frau, die dem Betrachter mit einem Lächeln den Hintern entgegenstreckt. Diese Gemälde ebneten den Weg zur Abstraktion.

 

Vorstoss zum Expressionismus

Als sein Mentor beeinflusste Klimt Egon Schiele (1890-1918) in seiner Entwicklung. Schieles Beschäftigung mit dem Körper entfernte sich zunehmend vom antiken Ideal und schuf einen “wahren” und geschundenen Menschen in den rund 50 Zeichnungen, die in der Ausstellung vertreten sind. Zur damaligen Zeit ein Skandal, wenngleich auch heute noch der Satz «Einige Kunstwerke können aufgrund ihres erotischen Charakters irritierend wirken« die provokanten Darstellungen im Erotikkabinett einleitet. Die Zeichnungen wie auch die Gemälde zeigen eine zunehmende Entfernung von der Idee des Gesamtkunstwerks. Obschon die Beeinflussung Klimts noch immer in den Gemälden aufblitzt, stösst Schiele mit anderen Künstlern – namentlich Oskar Kokoschka (1886-1980), Richard Gerstl (1883-1908) und Arnold Schönberg (1874-1951) – zunehmend in den Expressionismus vor.

 

Die als Gesamtkunstwerk konzipierte Ausstellung zeichnet in übersichtlicher und informativer Raumgestaltung das geistige und künstlerische Klima in Wien auf. Der rote Faden zieht sich von der Gründung der Wiener Secession bis hin zu den Erzeugnissen der Wiener Werkstätte durch und vermittelt einen Eindruck der damaligen Zeit. Ein Hauch von Wien um 1900 – in Basel.

 

 

Info


“Wien 1900 – Klimt, Schiele und ihre Zeit” – noch bis 16. Januar 2011 in der Fondation Beyeler.