Sport | 18.10.2010

“Der YB-Fan in mir hätte ein anderes Resultat zeigen wollen”

Text von Matthias Strasser | Bilder von Matthias Strasser
Der Berner Filmemacher und Dozent Enrique Ros hat zusammen mit Norbert Wiedmer den Film "Meisterträume" gedreht. Er wolle den BSC YB dokumentieren, nicht das Verliererimage der Mannschaft zementieren, sagt Ros im Gespräch mit Tink.ch.
"Rainer Zufall" sei ein wichtiger Mitspieler im Filmteam gewesen, sagt Co-Regisseur Enrique Ros.
Bild: Matthias Strasser

Herr Ros, in Ihrem neuen Dokumentarfilm “Meisterträume” wird der Fan-Song “We love you” abgespielt. Lieben sie YB?

Enrique Ros: (lacht) Lieben? YB ist mein Club in der Schweiz. Das ist wie die DNA! Eine genetische Prägung, die man in sich trägt. Es ist ein Klub, der mich durchs Leben begleitet. Das ist keine Frage von Liebe oder nicht. Es ist Schicksal!

 

Ursprünglich stammen sie aber aus Katalonien. Müssen sie da nicht Fan des FC Barcelona sein?

Ich bin nicht nur Anhänger des FC Barcelona. Bei Barcelona ist es noch schlimmer als bei YB, da ist es eine Familientradition. Ich bin sogar Mitglied des FC Barcelona. Ich habe die Mitgliedschaft von meinem Vater geerbt und trage sie nun weiter.

 

Wurde der Film vom Berner Sport Club Young Boys unterstützt?

Es ist eine unabhängige Produktion. Sie wurde vor allem insofern unterstützt, als dass man uns unglaublicherweise alle Türen geöffnet hat. Wir haben kein kategorisches Nein auf unsere Wünsche erhalten. YB stand hinter dem Projekt und das haben wir auch gespürt.

 

Der Film zeigt sehr viel Hintergrund zu YB. Versteht sich der Film als Film über YB oder als Film über YB in der Saison 2010?

Ich würde sagen, der Film versteht sich zuerst als Film über einen Fussballverein und über den Fussball im Allgemeinen. Konkret ist es in diesem Fall YB in der letzten Saison. Wir hatten aber auch den Anspruch, einen allgemeingültigen Film über den Fussball und sein Business zu machen. Wir haben viele Dinge, die allzu konkret sind oder extrem persönlich fixierbar, ausgelassen.

 

Wie etwa den unschönen Abgang von Verteidiger Ghezhal nach Saudi-Arabien im Winter?

Richtig. Im Fussballbusiness ist es für einen Spieler unüblich, die Mannschaft unangekündigt, unter fadenscheinigen Vorwänden zu verlassen und mit laufendem Vertrag bei einem anderen Verein zu unterschreiben. Wir haben zwar das Filmmaterial dazu, waren aber nie auf der Suche nach Sensationsgeschichten. Nach langer Diskussion darüber, ob wir die Geschichte mit Ghezal in den Film nehmen sollen oder nicht, haben wir uns dagegen entschieden, weil die Sache sehr persönlich gefärbt und spezifisch ist. Beim Fall Yapi war das hingegen anders. Deshalb auch haben wir im Film die Geschichte um seinen Wechsel zu Basel mitten in der Saison eingebaut. So funktioniert das Fussballgeschäft.

 

Kann man diesen Film über “Fussball im Allgemeinen” in der ganzen Schweiz zeigen?

Im Prinzip wäre das schön. Der Film handelt jedoch konkret von YB. Vielleicht lernen die Fans ihren Verein so noch ein wenig besser kennen. Deshalb ist es ein Film für die Fans, aber nicht nur. Abgesehen vom inhaltlichen haben wir auch einen cineastischen Anspruch. Ich finde, man sollte ihn als Film, in diesem Fall als Dokumentarfilm ansehen.

 

Eine oft gehörte Kritik ist, der Film zementiere das Verliererimage von YB. Wie reagieren Sie auf diesen Vorwurf?

(Zögert) Wir haben einfach dokumentiert, was passiert ist. YB hat nun mal den Meistertitel nicht gewonnen. Wir wollten weder etwas zementieren, noch etwas aus der Welt schaffen, noch etwas schön reden. Der YB-Fan in mir hätte auch ein anderes Resultat zeigen wollen.

 

Die Arbeit des Trainers und seines Teams wird sehr unmittelbar gezeigt. Wer hat diese Drehs möglich gemacht?

Möglich gemacht hat dies die Vereinsleitung, konkret Stefan Niedermaier. Er hat unser Projekt vorbehaltlos unterstützt. Der Trainerstab und die Mannschaft haben mit der Zeit gemerkt, dass man uns vertrauen kann und darf. Eine gewisse anfängliche Skepsis ist verständlich. Du kannst nicht das erste Mal mit einer Kamera hingehen und gleich in der Kabine filmen wollen. Du musst zuerst Vertrauen schaffen. Das braucht Zeit.

 

Das Filmteam hat Stefan Niedermaier und Chef-Scout Stéphane Chapuisat nach Abidjan begleitet. Sprengt so eine Reise nicht den Rahmen einer Low-Budget-Produktion?

Diese Reise hat das Budget sogar soweit gesprengt, dass wir sie gar nicht selber gemacht haben. Wir haben sozusagen via Telefon gedreht. Ein Team mit Urs Widmer und Olivier Distel hat Niedermaier nach Abidjan begleitet, um für das Fernsehen einen Film über die dortige YB-Fussballakademie zu drehen. Da haben wir gefragt, ob sie für unseren Film auch einige Aufnahmen machen könnten. Unser Team war also gar nie in Abidjan.

 

Vereinsleiter Stefan Niedermaier war offenbar eine sehr wichtige Person bei der Produktion. Allerdings wurde er kurz nach Beendigung der Dreharbeiten entlassen. Wie haben Sie darauf reagiert?

Ich muss schon sagen, für uns kam das wirklich überraschend. Wir haben verschiedene Szenarien durchgespielt. Was geschieht, wenn die halbe Mannschaft verkauft wird? Was geschieht, wenn der Trainer entlassen wird? Aber dass der CEO entlassen werden könnte, damit haben wir nicht gerechnet.

 

Im Abspann wird der Name Rainer Zufall aufgeführt. Gibt es den?

Rainer Zufall war zweifellos ein wichtiger Mitspieler, wenn nicht sogar einer der wichtigsten. Er hat uns sehr geholfen. Häufig ist es so, dass in einem absolut unerwarteten Moment genau das passiert, was man für den Film brauchen kann. Dann musst du aber bereit sein und richtig reagieren.

 

Nach der 5:1-Niederlage gegen Luzern wird eine schwarze Krähe gezeigt, die verheissungsvoll auf dem Grossbildschirm im Stadion sitzt. Haben sie nach dieser Niederlage noch an einen Triumph von YB geglaubt?

Darauf gehofft habe ich sicher. Aber daran geglaubt… Ich hätte es erwartet, hätte das sehr gerne gehabt, natürlich. Der Dokumentarfilmer in mir hat jedoch gesagt, es kommt wie es kommt, ich will dabei sein, wir werden sehen. Aber ich habe ich mich schon gefragt: Mein Gott, sind die fähig, das zu schaffen?

 

Warum hat es nicht gereicht?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Am Schluss ist es aber einfach: Es hat nicht gereicht, weil YB am Ende weniger Punkte als Basel hatte.

 

Wenn es YB nicht gelingt mit Spielern wie Yapi, Wölfli und Doumbia und mit 13 Punkten Vorsprung den Titel zu holen, was braucht es dann?

Es braucht am Ende einfach mehr Punkte als der Zweitplatzierte. Ich bin der Meinung, dass YB in der Hinrunde der letzten Saison guten Fussball gezeigt hat. Und dann ging es abwärts. Die mangelnde Konstanz ist eines der Probleme. Dieselbe Mannschaft spielt gegen Tottenham und Fenerbahçe Istanbul auswärts sehr stark – und zu Hause gegen einen schwächeren Klub aus der Schweiz verliert sie.

 

Sind Filmproduktionen über andere Fussballvereine in der Zukunft für Sie ein Thema?

Nicht unbedingt. Ich konnte zwei meiner Leidenschaften – Fussball und Film – verbinden, das war wunderbar. Aber ein zweites Mal interessiert mich das nicht unbedingt. Obwohl: Würde der FC Barcelona an meine Tür klopfen, sagte ich natürlich nicht Nein.

 

 

Filmemacher und Dozent


Enrique Ros, 55, stammt aus Katalonien. Als Junior hat er beim BSC YB gespielt. Mit seiner Frau und seiner 18-jährigen Tochter lebt er heute in der Stadt Bern. Er unterrichtet Spanisch an verschiedenen Institutionen und hat an mehreren Filmprojekten mitgewirkt, neben “La Mallorquina” unter anderem am Film “Sounds and Silence” von Peter Guyer und Norbert Wiedmer, der für den Schweizer Filmpreis 2010 nominiert war. Den Dokumentarfilm “Meisterträume” über den Fussball und den Berner Fussballclub Young Boys hat Enrique Ros zusammen mit Norbert Wiedmer realisiert. Ab kommendem Donnerstag läuft der Film in den Berner Kinos.