Kultur | 25.10.2010

Den Tod im Blick

Seit Jem denken kann, sieht sie in den Augen ihres Gegenübers Zahlen. Zahlen, die den Todestag der jeweiligen Person voraussagen. Allein dieser Fakt in Rachel Wards Debüt "Numbers - Den Tod im Blick" verspricht eine atemberaubende Geschichte.
Was bedeuten die rätselhaften Zahlen, die Jem sieht?
Bild: 20th Century Fox Film Corporation

Jem wird von Ort zu Ort, von Schule zu Schule, von Pflegefamilie zu Pflegefamilie geschoben. Wo sie auch ist, sie ist allein, führt ein isoliertes Leben, kapselt sich komplett von der Aussenwelt ab und meidet jeglichen Kontakt zu Menschen. Vor allem jeglichen Blickkontakt. Denn Jem hütet ein Geheimnis: Sie sieht in den Augen ihres Gegenübers dessen exakten Todeszeitpunkt.

 

Flucht mit Plastiktüten

In Spinne, dem ruhelosesten Jungen auf Erden, findet sie den ersten Menschen, dem sie vertrauen kann und den sie mag. Jem könnte fast glücklich sein, wenn ihr Wissen um Spinnes Zahlen sie nicht von innen auffressen würde: er hat nur noch wenige Wochen zu leben. Und die Zahlen lügen NIE.

 

Das zeigt sich auch, als Jem eines Tages beim London Eye in allen Augenpaaren dieselbe Zahl sieht. Panisch ergreift sie mit Spinne die Flucht, und die Zahlen werden bestätigt: hinter ihnen wird das Riesenrad in die Luft gejagt. Die zwei Jugendlichen, die vor diesem Attentat weglaufen, bleiben aber nicht unbemerkt und haben bald die Polizei, die Behörden und die Medien auf den Fersen. Und bei all dieser Hektik tickt Spinnes Uhr unaufhörlich weiter.

 

Jem und Spinne sind also auf der Flucht, dabei hängen sie am liebsten einfach nur rum, ziel- und planlos. Entsprechend überfordert sind sie, als sie für ihre Flucht packen müssen. Und was packen sie schliesslich ein? Chips, Kekse und Cola in rauhen Mengen. Womit tragen sie ihre Esswaren, Kleider und Decken? In sperrigen Plastiktüten. Haben sie eine ungefähre Ahnung wohin sie flüchten wollen? Nicht wirklich.

 

Schwungvoller Jugendroman

Dieses doch sehr chaotische Handeln unterstreicht ihre Charakteren und macht sie irgendwie auch sympathisch. Die Geschichte wird aus der Sicht von Jem erzählt. Und dies in einer sehr jugendlichen, frechen und rotzigen Sprache. Der Jugendroman “Numbers” ist schwung- und temperamentvoll und erzeugt eine nervenzerreissende Spannung.

 

Als Leserin rast man nahezu durchs Buch. Jäh und unspektakulär ist jedoch das Ende – Adrenalinschub und Action bleiben aus. Etwas irritierend ist auch der Gebrauch des Namens Spinne. Das Buch wurde ja auf Englisch geschrieben und somit heisst Spinne dort Spider – und das klingt eindeutig cooler!

 

 

Rachel Ward: Numbers – den Tod im Blick, Carlsen Verlag, 2010, ab 14 Jahren.

Links

  • Diese Buchkritik erschien erstmals bei Leporello, dem Kulturmagazin für Kinder und Jugendliche.