Paris von Venus bis Anémone

Die Geräuschkulisse

Das Geräusch, das in Paris am meisten zu hören ist, sind wohl die “Klaxons” oder auf gut Deutsch: Autogehupe. Der Pariser Autofahrer braucht seine Hupe vielseitig, sei es um ein Velo aus dem Weg zu jagen oder aber einen anderen Fahrer zurecht zu weisen. Oft ist das Gehupe noch begleitet von einer negativen Geste der anderen, freien Hand. Mehrmals kam ich auch schon in den Genuss eines ganzen Hupkonzerts, nämlich dann, wenn ein Lieferer seelenruhig seinen Lastwagen mitten in einer Einbahnstrasse abstellt und beginnt, seine Ware auszuladen. Für die nachfolgenden Autos ist kein Durchkommen mehr möglich, weil die Strassen oft sehr schmal sind. Da bleibt nur noch der Druck auf die Hupe und die Hoffnung, dass der Lieferer schnell arbeitet.

 

Die meistgehörten Wörter

“Franchement” scheint geradezu ein Modewort zu sein. Es heisst sowohl alles oder aber auch nichts. Am ehesten wäre es noch zu übersetzen mit “Ehrlich gesagt, …” oder aber: “Um ehrlich zu sein…”. Meiner Meinung nach sprechen es viele bewusst langsam und genussvoll aus, um sich währenddessen den folgenden Teil des Satzes im Kopf zusammen zu reimen.

 

Dazu kommt “la grève”. Ein sehr aktuelles Thema in ganz Frankreich, und zugleich verantwortlich für fast alles, wie zum Beispiel für die Zeitung, die nicht zur Zeit ankommt, für das Piscine, das geschlossen hat, oder aber für die eigene, schlechte Laune.

 

Das meistgesehene (lebendige) Tier

“Les chiens”. Kaum zu glauben, aber in Paris gibt es unglaublich viele Golden Retriever, Labradors, Collies  und Cockerspaniels, die sich mit ihren Herrchen und Frauchen auf den grossen Boulevards promenieren. Erstaunlich, da doch Paris nicht gerade das Paradies für Vierbeiner ist: wenig Bäume oder Wiesen und zudem viel Verkehr. Viele, vor allem in den reicheren Arrondissements, sehen sie auch eher als Accessoires denn als Individuum. Meine zwei Lieblingshundenamen, die ich auf der Strasse gehört habe: Venus (ausgesprochen als Vönüss) und Anémone.

 

Das meistgesehene (tote) Tier

“Les pigeons”, die Tauben. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich mit meinem Velo keine Taube überrolle. Natürlich bin ich keine Mörderin, die Autos und Mopeds erledigen das schon vor mir. In Anbetracht dessen, dass die Pariser schrecklich fahren, schockt mich die grosse Anzahl Taubenleichen schon lange nicht mehr.

 

Der meistbesuchte Laden

“Friperie”, sogenannte Secondhandläden, gibt es in Paris so viele wie Bilder im Louvre. Diese Läden haben nichts mit einem Schweizer Brocki zu tun. Oft werden nämlich nur ganz bestimmte, ausgewählte Secondhandkleider angeboten, und zwar zu ziemlich hohen Preisen. Die Kleidungsstücke werden schön präsentiert und oft nach Farbe oder Material angeordnet, so lässt sich zum Beispiel auch echter Pelz finden. Die Pariser à  la mode tragen mindestens ein Teil aus einer Frip.

Junge Talente

Worin unterscheiden sich die Master Classes gegenüber dem Unterricht an einer Filmschule?

Sam: Man kann etablierten Filmemachern Fragen stellen und sich austauschen. In dieser kurzen aber intensiven Zeit lernt man sehr viel dazu und kann sich zudem ausgezeichnet vernetzen. Ein anderer Vorteil ist, dass man einen Eindruck darüber bekommt, welche Projekte bei anderen Kollegen gerade laufen, da man sonst sehr stark mit den eigenen Arbeiten beschäftigt ist. Die Master Classes ergänzen die eigene Ausbildung gut.

Luc: Das Ganze ist viel flexibler als an einer Filmschule, da es auch um persönliche Beziehungen geht. So gehen alle zusammen mit den Dozierenden essen. Im Übrigen sind die Dozierenden vielfach nicht nur Meister ihres Faches, sondern auch sehr inspirierende Persönlichkeiten mit spannenden Biografien.

 

Kann man in der Schweiz vom Filme machen leben?

Sam: Ja, ich glaube, dass es in den meisten Bereichen vom Film Möglichkeiten gibt, um gut davon leben zu können, wenn man den Willen und das nötige Engagement mitbringt. Auch wenn es als Selbstständiger nicht immer einfach ist, kann man sich notfalls auch mit Projekten über Wasser halten, bei denen man sich kreativ nicht so stark ausleben kann. Es braucht aber auch eine Prise Glück, damit man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.

Luc: Ich denke auch, dass man in der Schweiz vom Filmemachen leben kann. Im Vergleich zu anderen Branchen mag es beim Film vielleicht weniger klassische Laufbahnen geben. Doch viele aussergewöhnliche Karrieren zeigen, dass man durch unkonventionelle Wege in der Branche Fuss fassen kann und genug verdient, um davon leben zu können.

 

Wie wird man in der Schweiz zum Filmschaffenden?

Luc: Die für das Filmemachen nötige Technologie ist heute äusserst günstig. Bereits mit der Filmkamera vom Handy und einem Computer können erste Videoclips erstellt werden. Ich hatte mir die Handycam meines Vaters ausgeliehen, um meine ersten Projekte anzugehen. Durch das Probieren merkst du schnell, ob die Materie dich packt. Und packen muss es einen, denn trotz der fortgeschrittenen Technologie ist es weiterhin nicht einfach, einen guten Film zu produzieren.

Sam: Mir persönlich hat es sehr geholfen, möglichst viele Filme anzusehen, um mich vom Medium einnehmen zu lassen. Ebenso dienlich war es, sich mit der Filmgeschichte auseinanderzusetzen. So schafft man sich ein gutes Fundament, bevor man den Entscheid fällt, ob und welche Filmausbildung man absolvieren will.

 

Empfiehlt ihr den Besuch einer Filmschule?

Sam: Das ist eine Frage, die auch in den Master Classes gestellt wurde. Die Biografie der Referenten hat gezeigt, dass man nicht zwingend eine Filmschule besuchen muss, obwohl es natürlich eine tolle Ausbildung und ein guter Einstieg wäre. Es gab auch unter den Teilnehmenden der Master Classes absolute Quereinsteiger. Ganz abgesehen von all den erfolgreichen Filmschaffenden, die von Filmschulen abgelehnt worden sind.

Luc: Filme sind auch da, um etwas zu vermitteln. Eventuell hast du Interesse für Soziologie und studierst es. Wenn du danach Filme machst, fliessen deine Eindrücke aus dem Studium automatisch in die Arbeiten ein. Auf jeden Fall ist ein Studium eine zusätzliche Bereicherung.

 

Ihr betätigt euch beide nicht in erster Linie beim Spielfilm. Was sind eurer Meinung nach die Vorteile der Filmformen Kunstfilm und Musikvideos?

Luc: Für mich ist es ein Vorteil, dass die Standardanforderungen ganz anders sind als bei einem Kinospielfilm. Im Kunstbereich kann ich problemlos trashige Mini-DV-Filme produzieren, da andere Aspekte zählen. Ich habe mich bewusst für die Form Kunstfilm entschieden, da ich die Schnittstelle zwischen Film, Musik und Kunst sehr interessant finde.

Sam: Ich nehme es auch so wahr. Obwohl bei den Musikvideos Vorgaben existieren, kann ich mehr ausprobieren als bei einem narrativen Spielfilm oder bei einem Dokumentarfilm, wo die Regeln strenger sind. Durch diese Freiheit, riskante Ansätze ausprobieren zu können, kann ich mein eigenes Handwerk besser weiterentwickeln.

 

Der Schweizer Filmmarkt ist im Vergleich zu anderen Filmmärkten wie Deutschland und Frankreich relativ klein. Gibt es dennoch Vorteile gegenüber den grossen Märkten?

Luc: Ein Vorteil ist, dass du die Filmszene relativ schnell kennenlernst, weil sie so klein ist. Auf der anderen Seite stösst du bei der Verwertung sehr schnell einmal an die nationalen Grenzen.

Sam: Das sehe ich gleich. Mit schweizerdeutschen Produktionen ist es sehr schwierig, in den deutschen Markt einzudringen. Anders sieht es bei den Dokumentarfilmen aus, die im europäischen Raum einfacher auswertbar sind. Der Schweizer Dokumentarfilm ist vielleicht auch deswegen sehr gut entwickelt.

Beim Spielfilm ist der kleine Markt gut spürbar, denn die Filmfinanzierung verläuft grösstenteils über Kulturförderfonds. Diese Abhängigkeit führt dazu, dass wenige Stellen über einen grossen Teil der Realisationen im Schweizer Film entscheiden. Wäre der Zuschauermarkt grösser, könnten mehr Filme ohne Kultursubventionen gedreht werden. Ob das auch zu einer grösseren Anzahl guter Filme führen würde, ist eine andere Frage.

 

Welche zwei gegenwärtigen Entwicklungen im Filmbereich findet ihr erwähnenswert?

Sam: Zurzeit gibt es den Hype auf die dreidimensionalen Filme, wobei es sich zeigen muss, ob sich diese Technologie in allen Genres durchsetzen wird.

Im amerikanischen Kino finde ich den gegenwärtigen Trend zur Entschärfung der Filme bedenklich. Die Filme werden immer stärker geglättet. Beispielsweise muss Ridley Scott seinen Film “Alien” so produzieren, dass er ab 13 Jahren freigegeben wird. Ridley Scott ist damit kein Einzelfall.

Luc: Ich bin neugierig, wie sich die Medien TV und Internet entwickeln werden. Schon heute hat YouTube eigene Genres geschaffen, die teilweise millionenfach angeschaut werden. Auch die Thematik global vs. lokal könnte für Überraschungen sorgen und Umwälzungen in der bisherigen Dominanz des amerikanischen Kinos mit sich bringen.

 

 

Die Interviewpartner


Luc Gut

Studiert in Zürich “Mediale Künste”. Typisch für die Videos von Luc Gut ist die Verbindung zwischen Musik und Bild. Der Ton hat in seinen Arbeiten einen ebenso hohen Stellenwert wie das Bild. In diesem Jahr wurde er für eine Arbeit am Schweizer Onedotzero Festival ausgezeichnet.

 

Samuel Flückiger

Nach seiner Matura begann Samuel Flückiger auf eigene Faust Musikvideos zu drehen. Im Jahr 2003 kam der Durchbruch mit dem Videoclip “Noochbrand” der Band Brandhärd. Im Jahr 2008 gewann er an der Slangnacht den Award für das beste Schweizer Hip-Hop Musikvideo.

Im letzten Jahr schloss Samuel Flückiger sein Studium der Filmwissenschaft und der Soziologie ab. Seither arbeitet er unter anderem als Produktionsassistent von Regisseur Samir bei der Dschoint Ventschr Filmproduktion AG in Zürich.

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Die besten St. Galler Jugendprojekte

Die Nervosität war letzten Freitag fast greifbar im Kinotheater Madlen in Heerbrugg, als die zwölf Projektteams in der Endrunde des kantonalen Jugendprojektwettbewerbs auf ihren Auftritt warteten. Fünf Minuten hatten sie Zeit, ihre Arbeit den rund 200 Zuschauern zu präsentieren und die siebenköpfige Jury bestehend aus Erwachsenen und Jugendlichen zu überzeugen. Zwar kannte die Jury die Projekte schon aus den vorgängig eingereichten Dokumentationen, aber eine aufgestellte Präsentation, die die Freude am Engagement kreativ vermittelt, kann eine Jurymeinung nochmals massgeblich beeinflussen. Und so wurde vorgetragen, Theater gespielt, musikalisch untermalt und informiert und dargestellt, dass da kreative Jugendliche am Werk sind, die ihren Teil an die Allgemeinheit leisten. Beeindruckend.

 

25 Anmeldungen am Wettbewerb

Mehr als zwei Dutzend Projektteams aus dem ganzen Kanton St.Gallen haben ihre Projekte beim Projektwettbewerb eingereicht. Die Jury hat aus diesen 25 Anmeldungen die zwölf Finalisten ausgewählt, welche vom Projekt eine Dokumentation einreichen und dieses präsentieren dürfen und mit der Teilnahme am Finale bereits schon zu Siegern gehören. Vier von diesen Projekten wiederum werden am kantonalen Finale nominiert, am interregionalen Finale des Wettbewerbs am 22. November 2010 im Krempel in Buchs teilzunehmen und sich mit Projekten aus dem Vorarlberg und dem Liechtenstein zu vergleichen. Auch hier werden die Projekte nochmals mit Geldbeträgen im Gesamtwert von Fr. 7’000.- prämiert.

Gewonnen haben in diesem Jahr die Ausstellungsmacherinnen von “arthur jr. hat sturmfrei” und Platanenflow, die Wohngruppe Ikarus des Jugendheims Platanenhof. Erstere organisierten eine Ausstellung speziell für junge Leute, letztere nahmen zu neunt eine Rap-CD auf. Neben diesen beiden Teams dürfen auch der Verein Madness Nation Rüthi und das Bergeinradtreffen “elsbet” mit nach Buchs, um sich am interregionalen Finale zu präsentieren.

 

Anmeldungen für den Wettbewerb 2011 möglich

Schon jetzt rufen die Veranstalter des St.Galler Jugendprojektwettbewerbs, der Verein Verstärkter, Projektteams für eine Teilnahme am Wettbewerb 2011 auf. Angesprochen sind Jugendliche zwischen 14 und 25 Jahren, die im Zeitraum vom Juli 2010 bis Juli 2011 ein Projekt durchgeführt haben oder durchführen werden. Den Themen sind keine Grenzen gesetzt: Ob Kultur, Soziales, Sport, Musik, alles ist erlaubt. Auch Projekte, welche aus Schulen entstanden sind und ausserhalb der Schule ihre Wirkung entfalten, sind gefragt.

 

Gleichzeitig bietet der Verein Verstärker Unterstützungen in der Verwirklichung der Projektideen an, in dem er Tipps, Tricks und Kontakte anbietet.

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Wenn es weiter geht

Eine Stimmprobe bitte.

Daniel Stricker: Ich bin Daniel, ich bin der Schlagzeuger der Band.

Vincent Vendetta: Ich bin Vincent, ich spiele Keyboard und singe. Der Dritte von uns schläft gerade. Wir sind soeben mit dem Bus aus Toulouse gekommen. Noch immer haben wir etwas Jetlag. Bereits am ersten Abend in Europa standen wir auf der Bühne. Wir sind  in diese Routine von Spielen und Reisen eingestiegen, wir sind sozusagen im Tour-Modus. Das ist gar nicht übel, ausser, dass ich Fliegen hasse, aber im Bus ist es angenehm, man kann schlafen, wann man will.

D: Du wachst jeden Tag in einer neuen Stadt auf, entdeckst die Stadt ein wenig, spielst ein Konzert und reist weiter, um am kommenden Tag erneut in einer anderen Stadt aufzuwachen.

V: Mit dem Blick aus dem Fenster kann man diese Landschaften erleben, teilweise reisen wir durch drei Länder in einem Tag. Das ist für uns Australier sehr toll.

 

Hattet ihr Zeit, euch in Zürich umzusehen?

V: Wir waren schon zwei Mal hier. Ich erinnere mich, dass wir hier um die Ecke in einem Laden der Heilsarmee alte Platten gekauft haben, um dann nach dem Konzert mit diesen ganzen kitschigen Aufnahmen Party zu machen.

D: In Deutschland waren wir in diesem Mini-Wunderland, das ist die weltgrösste Modelleisenbahn in Hamburg. Das war verrückt, es macht Spass, unterwegs dumme, lustige Sachen zu machen.

V: Ich habe selber als Kind solche Modellzüge gesammelt, aber die Anlage ist  riesig, da hätte ich zwei Tage verweilen können. Genau wie etwa 1000 Kinder wollten wir immer die Knöpfe drücken. Überall waren dann plötzlich diese Kinderhände und ich habe nicht verstanden, was die Kinder auf Deutsch gesagt haben.

 

Um australische Elektro-Pop Bands wird ein ziemlicher Hype gemacht. Fühlt ihr euch zugehörig?

V: Geographisch schon, es gibt viele Bands, mit denen wir zusammen angefangen haben. Wir waren gegenseitig auf unseren Konzerten und haben uns Remixe gemacht. Neben den bekannten Bands wie “Cut Copy” oder “Presets” gibt es aber noch andere und alle machen sehr unterschiedliche Musik. Der Stempel, der uns aufgedrückt wird, stört mich nicht, aber wir alle haben unsere Freiheiten, um unser Ding zu machen. Es ist natürlich einfach, alle Bands in den gleichen Korb zu werfen, aber für uns ist es wichtig, dass wir uns verändern, uns bewegen, denn wir wollen abenteuerlich bleiben.

 

Eure Musik ist eine Art elektronischer Pop, der sehr gleichzeitig ruhig ist.

V: Das erste Album hatte auch bombastische Momente, aber wir wollten daneben ruhige introspektive Momente haben. Es sollte kein Album zum Entspannen werden, aber doch nachdenkliche Momente beinhalten, das gibt der Musik Dynamik.

 

Eure Musik wird auf Parties gespielt. Leute tanzen zu eurer Musik, ohne dass ihr dabei seid.

V: Es ist toll, wenn den Leuten unsere Musik gefällt und die Musik damit ein eigenes Leben entwickelt. Es ist aufregend, wenn die Leute unsere Musik überall hören können und ihr damit Beine verleihen.

 

Ihr habt für eure Alben ein eigenes Label gegründet.

D: Wir haben immer schon alles selber gemacht, das ist unsere Art zu arbeiten. Zuerst haben wir eine EP gemacht und das hat sehr gut funktioniert. Als wir Angebote von grösseren Labels erhalten hatten, hatten wir schon diese angenehme Grundlage unseres Labels und wollten nichts mehr verändern, sondern lieber so weiter arbeiten und die Musik weiterhin selbst veröffentlichten. Wir sind damit in einer sehr angenehmen Lage. Bei grösseren Labels muss man so viele Rechte an allen möglichen Sachen abtreten, so werden viele Bands wohl unserem Modell folgen.

 

Ihr habt anfänglich bei den Konzerten und nicht vor den Konzerten geprobt.

V: Ja, das stimmt. Ich und Andy wohnen in Melbourne, Daniel in Sydney. Es war am Anfang ziemlich schwierig für uns, zusammen zu proben. Bis zum ersten Konzert mussten wir online kommunizieren und haben Daniel einfach eine CD geschickt mit unseren Stücken. Das erste Mal überhaupt gemeinsam haben wir vor 1’000 Leuten gespielt.

 

Ihr klingt auf der Bühne sehr anders als auf CD. Wie viel spielt ihr live?

D: Wir machen elektronische Musik auf eine Art, dass wir auf der Bühne improvisieren können. Es ist sehr spannend, wenn wir nicht immer gleich klingen. Es soll auch eine Überraschung sein, wenn die Leute unsere CD kennen und uns dann live erleben – eine positive Überraschung natürlich. Ich würde es hassen, wenn wir Leute enttäuschen, die sich vielleicht schon sehr lange auf unseren Auftritt gefreut haben.

 

Ihr langweilt euch nie bei den vielen Konzerten?

V: Wir tun Dinge, um die Konzerte auch für uns interessant zu halten. Gestern haben wir unseren Busfahrer gefragt, ob er einen Song mit uns singen möchte. Er hat überraschenderweise Ja gesagt. Wir konnten kaum üben, aber morgen werden wir es versuchen. Wir machen auch ab und zu Cover-Versionen. Es funktioniert nicht immer, aber es gibt den Konzerten etwas Aussergewöhnliches.

 

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Die Welt auf Ölentzug

Kiwis aus Neuseeland. Wein aus Chile, T-Shirts aus Bangladesh und Fernseher aus Südkorea: Wir kriegen alles, und wir kriegen es billig. Dass die Waren von der anderen Seite der Welt für so wenig Geld zu haben sind, liegt vor allem am günstigen Erdöl. Jedes Containerschiff, jedes Transportflugzeug und jeder LKW verbrennen Unmengen an Diesel oder Kerosin, bis sie ihre Güter in den Coop und die Migros gebracht haben. Daher gilt: Je teurer das Erdöl, desto teurer die Kiwi.

 

Der Erdölpreis entsteht durch das Spiel von Angebot und Nachfrage. Wird viel Erdöl gefördert, sinkt der Preis auf dem Weltmarkt. Wenn der Bedarf an Öl steigt, dann geht der Preis nach oben. Dass die Nachfrage in den nächsten Jahrzehnten weiter zunehmen wird, ist absehbar, da China, Indien und andere Schwellenländer in rasantem Tempo wachsen. Die Menschen in Shanghai und Kalkutta können sich Autos leisten und wollen auch den Treibstoff, um damit zu fahren.

 

Pumpen auf Pump

Auf der anderen Seite ist unklar, wie lange das Angebot noch erhöht werden kann: Erdöl ist kein erneuerbarer Rohstoff und somit irgendwann aufgebraucht. Die Quellen versiegen nicht auf einen Schlag, sondern geben Jahr für Jahr weniger Öl ab. Es werden zwar laufend neue Erdölfelder entdeckt, doch enthalten diese nicht annähernd so viel Öl, wie wir momentan verbrauchen. Wir verbrennen 30 Milliarden Barrel (1.5 Billionen Liter) pro Jahr und finden momentan bloss rund 10 Milliarden Barrel in neuen Quellen. Das heisst, dass ab einem bestimmten Zeitpunkt die Ölförderrate sinken wird: Wir erreichen den sogenannten Peak Oil. Manche Autoren glauben, dass wir diesen Scheitelpunkt erst nach 2030 erreichen, andere gehen davon aus, dass wir ihn gerade überschreiten. Am Grundproblem ändert dies jedoch nichts.

 

Wenn die Nachfrage zu- und gleichzeitig das Angebot abnimmt, steigt der Erdölpreis rasant an. Eine Kiwi kostet dann vielleicht nicht mehr 70 Rappen, sondern 5 Franken. Doch es steht noch viel mehr als der sonntägliche Fruchtsalat auf dem Spiel. Die ganze Weltwirtschaft funktioniert dank dem schwarzen Gold. In der Schweiz werden rund 60 Prozent des Energieverbrauchs durch Erdöl gedeckt, wobei Autos und Heizungen den Löwenanteil ausmachen. Wenn sich die Preise für Benzin und Heizöl massiv erhöhen, trifft uns das sehr direkt. Wir können uns das Auto nicht mehr leisten. Unsere Mobilität nimmt ab, da auch das Eisenbahnnetz nicht von einem Tag auf den anderen alle Autofahrer mitbefördern kann. Neben den hohen Heizkosten bleibt viel weniger Geld übrig für Nahrungsmittel, Kleidung, Uhren oder iPhones. Unser Wohlstand sinkt.

 

Der Markt reagiert zu spät

Zwar führt ein hoher Ölpreis dazu, dass es sich lohnt, effizientere Autos und Häuser zu entwickeln und auf den öffentlichen Verkehr umzusteigen. Der Wandel kommt daher auch ohne politische Unterstützung, nur kommt er viel zu spät. Der Hirsch Report kommt zum Schluss, dass man in den USA zwanzig Jahre vor dem Peak Oil mit der Umstellung beginnen muss, um die schlimmsten wirtschaftlichen Schäden zu verhindern. In Europa sieht die Lage nicht ganz so schlimm, aber immer noch düster genug aus.

 

Hier kommt die Politik ins Spiel, da der Markt eine solche Veränderung erst nach dem Peak Oil einleiten kann, wenn es bereits zu spät ist. Es braucht schärfere Bestimmungen für die Energieeffizienz, eine schrittweise Erhöhung der Benzinsteuer und einen gleichzeitigen Ausbau des öffentlichen Verkehrs, um die Mobilität sicherzustellen. Man kann die Abgaben auf Offroader erhöhen und Hybridfahrzeuge subventionieren. Auf der anderen Seite kann die Schweiz (und Europa) die Energie aus Erdöl nicht so leicht durch erneuerbare Energien ersetzen. Wir können daher kaum auf neue Atomkraftwerke verzichten, da wir die Energieausfälle ansonsten mit Erdgas oder Kohle kompensieren müssen, was wiederum die Umwelt stark belastet.

 

Jenseits von rechts und grün

Da niemand weiss, wann dieser Peak Oil eintritt, könnte man die Wirtschaft auch zu schnell und zu radikal umstellen. Die Kosten eines zu frühen Umstiegs sind zwar gross, aber nichts im Vergleich zum wirtschaftlichen Zusammenbruch, der droht, wenn die Politik die Entwicklung verschläft. In der Schweiz spricht zwar jeder von Umweltschutz, doch scheint kaum jemand zu interessieren, was passiert, wenn uns das Öl ausgeht. Dabei sollten insbesondere diejenigen Politiker, welche sich die Autonomie der Schweiz auf die Fahne geschrieben haben, unserer Erdöl-Abhängigkeit skeptisch gegenüberstehen und den öffentlichen Verkehr fördern. Diese Umstellung erfordert also ein Denken, dass sich nicht am bisherigen links-rechts-Schema orientiert: Unsere Zukunft und unser Wohlstand betreffen schliesslich uns alle.

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Den Tod im Blick

Jem wird von Ort zu Ort, von Schule zu Schule, von Pflegefamilie zu Pflegefamilie geschoben. Wo sie auch ist, sie ist allein, führt ein isoliertes Leben, kapselt sich komplett von der Aussenwelt ab und meidet jeglichen Kontakt zu Menschen. Vor allem jeglichen Blickkontakt. Denn Jem hütet ein Geheimnis: Sie sieht in den Augen ihres Gegenübers dessen exakten Todeszeitpunkt.

 

Flucht mit Plastiktüten

In Spinne, dem ruhelosesten Jungen auf Erden, findet sie den ersten Menschen, dem sie vertrauen kann und den sie mag. Jem könnte fast glücklich sein, wenn ihr Wissen um Spinnes Zahlen sie nicht von innen auffressen würde: er hat nur noch wenige Wochen zu leben. Und die Zahlen lügen NIE.

 

Das zeigt sich auch, als Jem eines Tages beim London Eye in allen Augenpaaren dieselbe Zahl sieht. Panisch ergreift sie mit Spinne die Flucht, und die Zahlen werden bestätigt: hinter ihnen wird das Riesenrad in die Luft gejagt. Die zwei Jugendlichen, die vor diesem Attentat weglaufen, bleiben aber nicht unbemerkt und haben bald die Polizei, die Behörden und die Medien auf den Fersen. Und bei all dieser Hektik tickt Spinnes Uhr unaufhörlich weiter.

 

Jem und Spinne sind also auf der Flucht, dabei hängen sie am liebsten einfach nur rum, ziel- und planlos. Entsprechend überfordert sind sie, als sie für ihre Flucht packen müssen. Und was packen sie schliesslich ein? Chips, Kekse und Cola in rauhen Mengen. Womit tragen sie ihre Esswaren, Kleider und Decken? In sperrigen Plastiktüten. Haben sie eine ungefähre Ahnung wohin sie flüchten wollen? Nicht wirklich.

 

Schwungvoller Jugendroman

Dieses doch sehr chaotische Handeln unterstreicht ihre Charakteren und macht sie irgendwie auch sympathisch. Die Geschichte wird aus der Sicht von Jem erzählt. Und dies in einer sehr jugendlichen, frechen und rotzigen Sprache. Der Jugendroman “Numbers” ist schwung- und temperamentvoll und erzeugt eine nervenzerreissende Spannung.

 

Als Leserin rast man nahezu durchs Buch. Jäh und unspektakulär ist jedoch das Ende – Adrenalinschub und Action bleiben aus. Etwas irritierend ist auch der Gebrauch des Namens Spinne. Das Buch wurde ja auf Englisch geschrieben und somit heisst Spinne dort Spider – und das klingt eindeutig cooler!

 

 

Rachel Ward: Numbers – den Tod im Blick, Carlsen Verlag, 2010, ab 14 Jahren.

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  • Diese Buchkritik erschien erstmals bei Leporello, dem Kulturmagazin für Kinder und Jugendliche.

Vom Sehnsuchts- und Strebensglück

In seinem Werk “Der Staat” sagt der griechische Philosoph Platon von seinen Bürgern in der gesunden Polis, dass sie – frei von Neid, Eifersucht und anderen asozialen Eigenschaften – in Frieden und Eintracht leben, ihr Dasein bei voller Gesundheit führen und erst im hohen Alter sterben. Sie geniessen die Freuden der Liebe. Dank hinreichender Arbeitsproduktivität ernähren sie sich vergnüglich von Wein und Brot, bekränzen sich und lobsingen die Götter.

 

Das Leben der gesunden Polis ist also gleichbedeutend mit der endgültigen Versöhnung und dem ewigen Frieden, und zwar einem mindestens dreifachen Frieden: dem Frieden des Menschen mit sich selbst, dem Frieden mit seinen Mitmenschen und dem Frieden mit den Göttern. Darüber hinaus braucht es vielleicht noch einen vierten Frieden – nämlich jenen mit der unbändigen Natur.

 

Auf ein solches Glück richtet sich die Sehnsucht aller Menschen, und sie richtet sich danach mit einer gewissen Notwendigkeit. Denn jedes Individuum hat eine Vielzahl von Bedürfnissen und Interessen, die von sich aus nach Befriedigung und Erfüllung drängen. Im genannten Glück, dem Sehnsuchtsglück, findet nun die vollständige, überdies weder von innen noch von aussen bedrohte Erfüllung der menschlichen Bedürfnisse und Neigungen statt.

 

Doch mit Leichtigkeit überspringt dieser Sehnsuchtsbegriff des Glücks alle Beschränkungen und Widersprüche der Wirklichkeit und malt sich einen Zustand ohne Konflikte aus; einen Zustand, der weder einen Streit zwischen den Affinitäten desselben Menschen noch einen Konflikt zwischen den verschiedenen Menschen oder zwischen Mensch und Natur kennt.

 

Gegen diese Sehnsucht meldet sich natürlich die Realität unseres Daseins nachdrücklich zu Wort. Denn in der conditio humana (Bedingung des Menschseins) gibt es ein Element, welches die Griechen pleonexia genannt haben. Damit ist gemeint, dass der Mensch in seinem Streben nach Befriedigung von Bedürfnissen und Leidenschaften keine Grenzen kennt. Der Mensch neigt zur Übersättigung. Ferner gibt es hier eine Tendenz zur Verfeinerung und zum Luxus. Von Natur aus sind wir also niemals vollständig zufrieden gestellt. Dies schwört permanente innere und äussere Auseinandersetzungen herauf.

 

Wer trotz dieses Gefahrenpotentials bloss den Sehnsuchtsbegriff des Glücks kennt, ist vor immer wieder neuen Enttäuschungen nicht gefeit und wird wie Sigmund Freud argumentieren: Die Absicht, den Menschen glücklich zu machen, sei im Plan der Schöpfung nicht vorgesehen.

 

Vielleicht hat die Flucht vieler Menschen in die Sucht hier einen ihrer Gründe: in der fehlenden Bereitschaft oder auch in der mangelnden Fähigkeit, ausser dem Sehnsuchtsbegriff einen anderen, realistischeren und humaneren Begriff von Glück zu bilden – den Begriff eines Glücks, auf das man nicht nur hoffen, sondern eben auch hinarbeiten kann, wie dies Aristoteles im Sinne seines Strebensglücks vertritt.

 

Wer das Glück nur als Sehnsuchtsglück kennt, der wird nicht glücklich; wenigstens nicht in dieser Welt, genauer nicht in der eigenen Haut. Unser Alltag ist geprägt von Bedürfnissen, die einander widerstreiten. Zudem kennen wir den Hang zum Überfluss und zur Übersättigung, kämpfen immer wieder mit dem neidischen Blick auf die Früchte in Nachbars Garten und leben mit der ständigen Gefahr, dass uns Freunde verlassen und wir alt und gebrechlich werden.

 

Die primäre Voraussetzung einer persönlichen Glücksfähigkeit liegt vermutlich in der Bereitschaft und Kompetenz, auch ohne das vollkommene Heil, auch ohne die totale Versöhnung und den ewigen Frieden ein glückliches Leben zu führen. Es ist dies die Fähigkeit zum persönlichen Glück – trotz fehlender Glücksdefizite.

 

Nicht nur murren – fordern!

“Die Jungen müssen die Alten mit kreativen und unkonventionellen Gedanken das Fürchten lehren”, ermutigt Kantonsratspräsident Walter Locher die rund 50 Jugendlichen, die am Samstag die 23. Ostschweizer Jugendsession besuchten. “Es ist bemerkenswert, dass Jugendliche in dieser schnelllebigen Zeit einen ganzen Samstag opfern, um sich politisch zu engagieren”, so Locher weiter.

 

Politische Bildung

Wie an jeder Jugendsession wurde ein Workshop zum Thema “Politische Bildung durchgeführt”. Dieser hatte nicht zum Zweck, dass eine Forderung ausgearbeitet wurde, sondern sollte den Jugendlichen Wissen über das politische System der Schweiz vermitteln. “Für mich ist es wichtig, dass ich das politische System verstehe. Denn nur so weiss ich, wie ich mich engagieren kann”, erzählt eine Teilnehmerin des Workshops.

 

Politik an der Schule

Eine Delegation aus Deutschland bot einen Workshop zu Schülerräten an. “Bei uns in Deutschland gibt es an jeder Schule Schülerräte, die aktiv in der Bildungspolitik mitarbeiten”, so Dejan Panow, der Leiter der deutschen Delegation. Zuhanden des Plenums wurde dann auch eine Forderung ausgearbeitet, dass an den sankt-gallischen Schulen ebenfalls bessere Strukturen für eine aktive Mitsprache der Schüler geschaffen werden soll. Die Forderung wurde grossmehrheitlich angenommen.

 

Ausländerstimmrecht

Die Forderung aus dem Workshop “Chancen und Gefahren der Migration” zielten auf eine bessere Einbindung von Migranten mit Niederlassungsbewilligung C in den politischen Prozess, soweit diese über einen einwandfreien Leumund verfügen. Die Forderung wurde nach einem kontroversen Schlagabtausch angenommen. Weiter wurde dem Plenum die Forderung nach einer besseren Erschliessung von Randgebieten durch den öffentlichen Verkehr und höhere Polizeipräsenz an Bahnhöfen und in Zügen und Bussen gefordert. “Wir wollen einen sicheren öffentlichen Verkehr. Ich möchte nicht in Zügen blöd angemacht oder bedroht werden”, so der Teilnehmer, der die Forderung dem Plenum darlegt.

 

Initiative oder Gegenvorschlag?

Nach den Workshops am Morgen, fanden am Nachmittag verschiedene Diskussionen-¨ mit Kantonsräten, Stadtparlamentariern und weiteren Experten statt. Das wohl am heissesten diskutierte Thema war die Ausschaffungsinitiative. Kantonsrätin Helga Klee (FDP) und -¨Stadtparlamentarier Etrit Hasler (SP) standen einem diskussionsfreudigen und hartnäckigen Publikum gegenüber. Da wurde natürlich auch mit sehr viel Emotionen diskutiert. “Es ist immer spannend, wenn gegenteilige Meinungen aufeinander treffen. Das reizt mich an der Politik”, so ein Teilnehmer der Diskussion. Daneben wurden Diskussionen zur Armee, zur Gleichberechtigung sowie zur Europäisierung angeboten.

 

Engagement für die Zukunft

Den Schlusspunkt setzte Roman Tschupp, Vertreter der unabhängigen Politplatfom Vimentis (früher Zukunft Schweiz): “Wer sich nicht selbst in der Politik engagiert, darf sich nicht wundern, wenn die Politik mit einem macht, was ihr gefällt. Dies gilt insbesondere für die heutige Jugend.” Eindrücklich legt Tschupp mit einigen Statistiken dar, wie grosse Unterschiede zwischen den Interessen der Jugendlichen und der älteren Generation bestehen. Er mahnt die anwesenden Jugendlichen: “Politik ist vielfältig und die Diskussion findet überall statt. Ich kann euch nur nochmals dazu aufrufen, euch daran zu beteiligen. Ansonsten riskiert ihr, dass ihr eines Tages aufwacht und die Schweiz, die ihr vorfindet, anders ausschaut als diejenige, die ihr euch erträumt habt.”

 

Die nächste Jugendsession findet im Frühling 2011 statt. Weiter Infos unter www.jupasg.ch

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Ein Statement gegen die Ignoranz

Sie ignoriert die Menschen. Nachdenklich blickt die Helvetia auf der mittleren Rheinbrücke stromabwärts. Wenn man von Grossbasel aus auf sie blickt, schweift ihr Blick an einem vorbei. Je näher man an sie herantritt, desto stärker dreht sie einem den Rücken zu. Der Zugang zu ihr ist versperrt durch den auf der Mauer abgelegten Speer und das Schild mit dem Wappen der “confoederatio helvetica”. Das eine Bein ist auf der Mauer aufgestützt, das andere baumelt frei in der Luft. Ihren Kranz aus Alpenrosen hält sie lose in der einen Hand, die andere Hand liegt auf ihren Haaren. Abwesend, in sich ruhend und “nachdenkend ignoriert sie diesen Platz völlig”.

 

Von der Allegorie zur Frau

Die Inschrift an der Wand verrät, dass die Helvetia das Zweifrankenstück verliess und eine längere Reise unternahm. Sie war nach einem anstrengenden Gang durch die Stadt derart erschöpft, dass sie sich auf den Pfeiler setzte, um sich auszuruhen. Dort ruht sie nun seit 1980, als die Bildhauerin Bettina Eichin sie anlässlich eines Wettbewerbs fertig stellte. Wenn man sie aber mit einem Zweifränkler vergleicht, sieht man auf dem kalten Metall der Münze eine andere Helvetia. Stolz und gebieterisch steht sie da, seit sie 1874 in das Metall eingeprägt wurde. Mit Speer und Schild aufgerüstet strahlt sie als Verkörperung der Schweiz eine majestätische Gewalt aus. In Basel aber hat sie die Waffen hinter sich abgelegt, sie hat die Münze verlassen und ihre Autorität aufgegeben. Die Allegorie ist zur Frau geworden.

 

Teilhabe statt Einspruch

Weshalb aber ignoriert sie uns? Die Helvetia von Bettina Eichin ist als Unikat in den späten 70er Jahren entstanden. Einer Zeit des Aufbruchs der erstrebten Emanzipation der Frau: “Aktive Beteiligung, Teilhabe statt Einspruch” lautete das Motto der Bewegung. Gewisse Hürden waren sicherlich bereits genommen. So wurden die Frauen doch bereits in den 60er-Jahren dazu berechtigt, ein eigenes Konto ohne den Ehemann zu führen. Doch deutet der hinter der Helvetia stehende Koffer auf eine Weiterreise, ein Vorwärtsschreiten auf dem Weg zur Gleichheit und zur Freiheit. Die noch nicht abgegebenen Waffen deuten auf einen längeren Kampf hin, der wohl stromabwärts nicht an der Grenze der Schweiz Halt machen wird. In der abgewendeten Haltung zeigt sich das Nachdenken über die kommenden Versuche, die Gleichheit zu erkämpfen. Sie ignoriert nur scheinbar den Betrachter, eigentlicher Adressat sind die Strukturen, welche die Gleichheit verhindern und unterdrücken.

 

Als historisches Dokument der 70er-Jahre verweist die Helvetia auf die bisherigen Erfolge und die notwendigen zukünftigen Bestrebungen. Mit der doppelten Lebensgrösse der aus Walzblei gefertigten Skulptur wird die Helvetia zu einem Vorbild, zu einer Aufforderung zum selbstständigen Nachdenken über das Dasein in der gegenwärtigen Welt. Ein Statement gegen die Ignoranz.

 

 

Info


In einer losen Serie nimmt Fabian Frei verschiedene Kunstdenkmäler der Stadt Basel unter die Lupe und gibt einen Einblick in die Entstehungsgeschichte der Kunstwerke.