Gesellschaft | 20.09.2010

Zuschlag für den Meistbeatenden

An wen geht die Reitschule: An den Meistbietenden oder an den Meistbeatenden? Darüber entscheiden die Stadtberner Stimmbürgerinnen und Stimmbürger an diesem Wochenende. Es wird Zeit, dass man ein klares Zeichen setzt. Nur so können weitere Reitschulhatzen vermieden werden.
Die Reitschule liegt zentral beim Bahnhof - und sie ist diesen Herbst zum wiederholten Mal Zentrum einer städtischen Abstimmung.
Bild: Julia Weiss Seit den 80er Jahren birgt das Gebäude Bühne, Bibliothek und Bars statt Sattelkammer und Ställe.

Mit olympischer Regelmässigkeit steht die Zukunft der vermutlich umstrittensten Kulturinstitution, wo es in der Schweiz je hez giz, in den Händen des Berner Wahlvolks – zum bereits fünften Mal in zwanzig Jahren. Mit geübter Routine fuhren die Reitschülerinnen und Reitschüler denn auch eine bunte und äusserst originelle Abstimmungskampagne hoch, in der sie aufzeigen, wie viel die Reitschule kulturell bietet und musikalisch beatet. Unterstützt werden sie dabei nicht nur von den Linken, sondern ebenso von zahlreichen Vertretern des bürgerlich-konservativen Lagers. Bisher standen die Hauptstädter immer klar hinter ihrer “Halle”. Auch 2010 wird das Votum vermutlich gleich ausfallen. Und trotzdem: Die Initiative hängt wie ein Damoklesschwert über der Reitschule. Ein einziges Ja genügt und schon bald würden vermutlich Bagger dem Kulturzentrum den Garaus machen. Dies erklärt wohl unter anderem die Hartnäckigkeit der Initiativ-Befürworter.

 

Ihre Argumente haben sich in den vergangen 30 Jahren nicht oder kaum verändert: Die Reitschule sei ein “Schandfleck” für die Stadt, so das Ja-Komitee, bestehend aus Vertretern aus SVP und FDP. Rund um die Anlage würden Drogenhandel und Kleinkriminalität florieren; das Gebäude böte bei Demonstrationen linksextremen Aktivisten Obhut; die Reitschule sei ein rechtsfreier Raum, in dem selbst Polizisten gewaltsam angegangen würden; und schliesslich habe das Kulturzentrum die städtischen Subventionen nicht verdient, denn gute Kunst sei nur solche, die sich selbst finanziere, so Initiant und SVP-Stadtrat Erich Hess.

 

Wandel durchgemacht

Wer so argumentiert, hat scheinbar schon lange nicht mehr die graffiti-bedeckten Gefilde der Reitschule betreten. Denn Tatsache ist: Die Institution ist schon lange aus ihrer Rolle des wildwüchsigen Autonomenzentrums herausgewachsen, die sie noch in den Achtzigerjahren trug. Die

Reitschule lernte es, ihre wilden Pferde (bis zu einem gewissen Grad) im Zaum zu halten. Insbesondere seit 2004, als die Stadt und die Reitschulbetreiber einen Leistungsvertrag vereinbarten, gibt man sich grosse Mühe, die Schattenseiten der Halle auszuleuchten.

 

Mit respektablem Erfolg: Die Drogenszene vor dem Gebäude und auf der Schützenmatte ist dank dem hauseigenen Sicherheitsdienst fast gänzlich verschwunden, auch wird viel weniger geklaut als bisher. Die Interessensgemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur), die basisdemokratisch organisierte Betriebsleitung, hat sich wiederholt von den oft gewaltsam agierenden Aktivistengruppierungen distanziert. Und auch die Müllberge vor der Schule – bedingt durch die riesigen Besucherzuläufe an den Wochenenden – gehören der Vergangenheit an. Bestes Beispiel: Als sich drei Jung-Freisinnige 2008 an einem Sonntagmorgen für ein Wahlplakat mit Besen in den Händen vor der Reitschule ablichten wollten, standen sie vor dem Problem, dass der Vorplatz bereits blitzeblank saubergefegt worden war.

 

Vergleich erlaubt

Auch das kulturelle Angebot des Kulturzentrums braucht keinen Vergleich mit ähnlichen Institutionen zu scheuen. Die Reitschule bietet unter ihrem Dach eine andernorts nicht anzutreffende Vielfalt: Musik und Theater, Essen und Bars, Kino und Sport – ein El Dorado für Kulturinteressierte und Partypeople. Wie die Berner Zeitung jüngst vorrechnete, stellt die Reitschule diejenige Kulturinstitution dieser Grösse in der Stadt Bern dar, die jährlich den kleinsten Verlust einfährt. Konkret: Bei einem jährlichen Subventionsvolumen von 665-˜765 Franken weist sie einen Eigenfinanzierungsgrad von klar über 50 Prozent auf. Das Theater “Tojo” deckt gar 73,2 Prozent seiner Kosten. Zum Vergleich: Die Dampfzentrale kommt hier auf einen Wert von 44 Prozent, das Stadttheater gar nur auf 21,5 Prozent. Wäre der Erich ein bisschen mehr ehrlich, müsste er zuerst die Daseinsberechtigung aller Institutionen der Berner Hochkultur hinterfragen, bevor er die Reitschule attackiert.

 

Eine Hassliebe

Seit dem Minarett-Debakel wagen sich die Abstimmungsprognostikerinnen und -prognostiker nicht mehr allzu weit auf die Äste hinaus mit ihren Voraussagen. Kaum jemand erwartet ein Ja zur hessigen Vorlage. Doch mit vorgehaltener Hand gesteht man: Man weiss ja nie. Es bleibt zu hoffen, dass diese Erkenntnis den einen oder anderen zusätzlich an die Urne lockt.

 

Ich bin überzeugt: Bern steht auch heute zu ihrer Reitschule. Die Zuneigung vieler fusst allerdings weniger auf echtem Einverständnis für das Kulturschaffen der Halle. Es ist eine Hassliebe: Für einen grossen Teil des ordnungsliebenden Stadtbürgertums ist es ein Zugeständnis gegenüber einer in ihren Augen unberechenbaren, doch äusserst kreativen Alternativszene. Man gibt ihr Raum sich zu entfalten (und auszutoben); handkehrum konzentriert sich das anarchistische Moment auf einen einzigen Flecken, statt sich über die ganze Stadt auszubreiten. Und auch wenn man nicht selber die Angebote der Reitschule nutzt, so zeigt man sich doch bis zu einem gewissen Grad stolz auf deren Ausstrahlung auf die ganze Schweiz und über deren Grenzen hinaus. Dies erklärt auch, weshalb die Bürgerlichen die Verkaufsgegner so breit unterstützen.

 

Schliessung ist keine Lösung

Die Schliessung der Reitschule würde keine Probleme lösen. Sie würde diese höchstens verlagern oder gar neue schaffen. Wenn es das Angebot der Reitschule nicht mehr gäbe, so bestünde weiterhin eine ungeminderte Nachfrage danach. Und Hand aufs Herz: Die Stadt Bern hat nun mal nicht die kulturellen Kapazitäten, einen solch grossen Einschnitt abzufedern. Bei einer Schliessung müsste man folglich nicht nur mit dem Zorn der ideologischen Reitschülerinnen und -reitschüler rechnen, sondern ebenso mit dem Frust hunderter Jugendlicher, die gelegentlich im Dachstock tanzen, im Sous Le Pont essen und trinken oder im Flohmi shoppen gehen.

 

Es bleibt zu hoffen, dass die Initiative nicht nur abgelehnt, sondern regelrecht abgeschmettert wird. Es kann nicht sein, dass aufmersamkeitsgeile Rechtspopulisten hessischer und fuchser Couleur sich in regelmässigen Abständen auf Kosten einer gut verankerten Kulturinstitution zu profilieren versuchen. Nur ein klares Nein könnte dem einen Riegel schieben.

Links

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