Gesellschaft | 09.09.2010

Viele coole Momente, wenig Schlaf

Text von Eva Hirschi | Bilder von Eva Hirschi
Heute beginnt die "Aktion 72 Stunden - und die Schweiz steht Kopf". Vorläufig noch nicht auf dem Kopf steht der Projektleiter Matthias Fiechter. Im Gespräch erklärt er, warum die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Jungverbände SAJV dieses Projekt organisiert, dass man Jugendliche nicht unterschätzen sollte, und verrät zum Schluss sogar ein paar spannende Projekte.
Co-Projektleiter Matthias Fiechter ist zuversichtlich: "Alles ist bereit, es kann losgehen!"
Bild: Eva Hirschi

Matthias Fiechter, wie ist die Stimmung so kurz vor dem Startschuss?

Matthias Fiechter: Leicht angespannt, aber immer noch gut. Wir sind zuversichtlich, alles ist bereit und es kann losgehen!

 

Die Idee des Projektes 72 Stunden entstand ursprünglich in Deutschland und wurde 2005 von der Schweiz übernommen. Tut die Schweizer Jugend zu wenig Gutes?

Nein, das denke ich nicht. Es wird nicht genug wahrgenommen, was sie Gutes tut. Das ist der Unterschied. Weil wir diese Aktion in der Schweiz alle zusammen machen und weil sie grösser ist, als in den meisten anderen Ländern, liegt die Durchführung auch nicht häufiger drin als alle fünf Jahre, oder möglicherweise alle vier Jahre in der Zukunft.

 

Wie hat sich das Projekt in den vergangenen 5 Jahren verändert?

Vieles ist professioneller geworden, es ist weniger improvisiert, es sind mehr Jugendliche dabei. Wir konnten bei der ganzen Organisation natürlich von den Erfahrungen von 2005 profitieren, aber im Wesentlichen ist es nicht anders als damals. Der grösste Unterschied ist vielleicht, dass wir das Callcenter und das ganze Hauptquartier damals bei uns in den Büros der SAJV hatten. Das klappte gut, stiess allerdings relativ schnell an seine Grenzen. Jetzt hier im Swisscom Gebäude haben wir eine Infrastruktur, die tragend ist und die das Projekt auch noch weiter wachsen lassen könnte.

 

Wo lagen die Schwierigkeiten bei der Vorbereitung des Projektes?

Einerseits ist es nicht gerade einfach, einen Termin zu finden. Eine Herausforderung war auch, alle Jugendorganisationen in ein Boot zu bringen. Die Verbände funktionieren ganz unterschiedlich, haben ihre eigenen Ansprüche, kommunizieren anders miteinander. Es gibt zwar keine Rivalität, doch bestehen wie unterschiedliche Welten. Die Gruppen zusammenzubringen ist uns dennoch sehr gut gelungen. Die Leiter der Verbände haben auch viel dafür getan, dass ihre Leute schliesslich sagten: ‘doch, das wollen wir, wir finden das cool, zusammen etwas zu machen’. Darauf sind wir stolz.

 

Wie und warum organisiert die SAJV neben zahlreichen anderen Projekten auch das Projekt 72 Stunden?

Es ist ein Teil unseres Kerngeschäfts. Die Freiwilligenarbeit, um die es hier geht, ist für die SAJV extrem wichtig, die ganzen Jugendorganisationen funktionieren auf der Basis von Freiwilligenarbeit. Für uns ist es keine Frage, die Freiwilligenarbeit von Jugendlichen – wenn wir die Chance dazu haben – in ein gutes Licht zu rücken und auch zu zeigen, dass wir das machen.

 

Die Gruppen haben rund 72 Stunden Zeit für die Realisierung ihres Projektes. Was, wenn eine Gruppe bereits früher fertig wird?

Das macht nichts, je nach dem haben sie noch eine Idee, was sie mit dem Rest der Zeit machen können. Man darf die Jugendlichen auch nicht unterschätzen. Für viele ist es ein spezielles Erlebnis, bei dieser Aktion mitzumachen, weil nicht nur ihre Gruppe beteiligt ist, und wenn sie wissen, dass alle anderen Gruppen jetzt noch weitere 10, 20 Stunden am Arbeiten sind, dann werden die meisten wahrscheinlich sagen, komm wir machen noch etwas, wir wollen jetzt noch nicht heimgehen.

 

Der Hilferuf an die Bevölkerung erinnert ein bisschen an die Stadtwetten aus der Fernsehsendung “Wetten, dass…?”. Ist die Idee ursprünglich von dort oder wie seid ihr darauf gekommen?

Das ist eine gute Frage, woher diese Idee gekommen ist. Also eigentlich geht es gar nicht anders, weil ein wichtiger Teil der Aktion ja ist, dass die Gruppen nicht mit Geld an ihre Aufgaben gehen. Wenn man Material einkaufen gehen kann, dann ist es nicht sonderlich schwierig, etwas auf die Beine zu stellen. Wenn man aber will, dass kein Geld zur Verfügung steht, dann braucht es die Hilfe aus der Bevölkerung, anders geht es gar nicht. Das hat sich wie aufgedrängt. Konkret von “Wetten, dass…?” übernommen ist dies meines Wissens nach nicht, nein.

 

Welches sind die ausgefallensten, speziellsten und kreativsten Projektideen?

An einem Ort wird ein Hotel im Wald gebaut mit Baumhäusern und Zelten, wo die Leute während dem Wochenende übernachten gehen können und diese Einnahmen werden dann gespendet. Anderswo werden aus Abfall und Petflaschen Skulpturen gebaut. Dann gibt es ein Seifenkistenrennen. Es gibt auch ein Projekt, bei dem elternlose jugendliche Asylsuchende betreut werden und zusammen mit der Bevölkerung vor Ort ein Wörterbuch zu erarbeiten versuchen, ein Bilderwörterbuch, damit sie sich besser verständigen können.

 

Zum Schluss: Was erwarten Sie persönlich von den nächsten 72 Stunden?

Viel Stress. Viel e coole Momente, wenn es irgendwie gelingt, Hilfe zu einer Gruppe zu bringen, damit ihr Projekt vorwärts geht. Wenig Schlaf. Und möglichst viele Medienanfragen, damit diese Idee auch verbreitet wird.

 

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