Gesellschaft | 28.09.2010

Umdenken im Zelt

Text von Anonym
Das Zeltlager geht in die zweite Runde. Eine Freiwillige erzählt von ihren Erfahrungen in Weissrussland in einem Lager für Menschen mit und ohne Behinderung. In einem Land mit offener Diskriminierung gegen Behinderte findet in einem Zeltlager ein Umdenken statt.
Auch wenn es anstrengend sein kann im Zeltlager. Die Teilnehmenden geniessen die Zeit. Die Gruppe im weissrussischen Wald. Mit einer improvisierten Feuerstelle wissen die Teilnehmenden sich zu helfen. Fotos: zVg

Wie auch zuvor schon gibt es im Zeltlager Wettkämpfe, aber nun immer in denselben Teams, in denen sich erneut Gewinner und Verlierer formieren. Nun wird der Akzent aber auf Teambildung gesetzt. Die Teilnehmer sollen verstehen, dass man zusammen in der Gruppe mehr erreicht, wenn jeder seine Kräfte gewinnbringend einsetzen kann. Ausserdem werden durch die neuen Gruppen Leute dazu gebracht, Dinge zu tun, die sie sonst nie versuchen würden. So schält eine Fünfundzwanzigjährige zum ersten Mal in ihrem Leben Karotten. Ihre Hände sind aufgrund celebraler Kinderlähmung etwas verformt, daher kann sie Karotte und Schälmesser nicht so halten, wie dies üblich ist, weswegen sie es niemals zuvor ausprobierte. In diesen Tagen aber fand sie aber eine andere Haltung, in der sie Karotten schälen kann, und tat dies mit grossem Stolz und viel Geschick.

 

Gemeinsam

Am letzten Abend dieser drei Tage in den Gruppen kommen die Teilnehmer doch noch auf die Idee, ihr Essen gemeinsam über einem grossen Feuer zuzubereiten und sich ihre Zutaten zu teilen. Dies machte viel Sinn, da es im lagerinternen Laden in guter alter sowjetischer Tradition nicht immer von allem genug für alle zu kaufen gab. Die Freude beim Leiterteam war jedenfalls riesig, das Abendprogramm, dass diesmal auch gruppenübergreifend vorbereitet wurde, war sehr amüsant und das anschliessende gemütliche Beieinander am Lagerfeuer entspannter denn je. Bis wir bemerkten, dass zwei junge, fast blinde Frauen schon seit gut drei Stunden verschwunden waren. Kurz nach dem Abendessen wurden sie das letzte Mal gesehen. Sie seien losgezogen, um Heidelbeeren zu pflücken. Der Adrenalinspiegel stieg nicht nur bei den Hauptverantwortlichen des Lagers rasant an, und alle verfügbaren Taschenlampen und Autos schwärmten aus, die Mädchen im finsteren Wald zu suchen. Das Flackern der Lichter und die Schreie nach den Verschwundenen liessen die Szenerie im besten Fall an einen düsteren Krimi erinnern, im schlechtesten an den Film “Blair Witch Project”. Während der fast zweistündigen Suche entstanden dementsprechend die wildesten Spekulationen über den Verbleib der beiden. Interessanterweise tauchten sie aber plötzlich wohlbehalten und unversehrt wieder beim Lagerplatz auf, und teilen mit, sie hätten beschlossen, nicht zu erzählen, wo sie so lange gewesen waren. Wir liessen sie in Ruhe mit ihren Freundinnen am Lagerfeuer sitzen, und hoffen, dass sie zumindest diesen erzählen würden, was los war, falls etwas passiert sein sollte.

 

Brisante Fragen

Nach dieser kurzen, aufregenden Nacht bricht der letzte Teil des Lagers an, in welchem das Miteinander im Vordergrund steht. Die Teilnehmer machen verschiedene Spiele, entspannen sich und ruhen sich aus. Das Essen wird wieder von uns zubereitet. Es bleibt trotzdem Zeit, ab und zu mal beim Programm mitzumachen oder sich mit den Teilnehmden im See abzukühlen. In diesen Tagen werden auch verschiedene Thesen diskutiert und Rollenspiele gemacht, die meistens um das Thema Behinderung kreisen. Soll man Abtreiben, wenn man erkennt, dass das Kind mit Behinderung auf die Welt kommt? Dürfen Behinderte Kinder haben? Und ist es tatsächlich als Strafe Gottes anzusehen, wenn ein behindertes Kind zur Welt kommt? Diese Ansicht ist tatsächlich besonders bei der älteren Generation in Belarus stark vertreten – was auch einiges erklärt in Bezug auf den Status von behinderten Menschen in der Gesellschaft. Aber auch andere brisante Themen werden diskutiert, wie die internationaler Politik der belarusischem Nationalismus, die vorhandene Homophobie und die generellere Intoleranz in Weissrussland.

 

Grenzen überwinden

Das Lager regte alle zum Nachdenken an. Die Teilnehmenden sind an ihre Grenzen gegangen und haben diese dabei teilweise auch etwas ausgedehnt. Viele der körperlichen Einschränkungen erwiesen sich mitunter auch als Einschränkungen, die in den Köpfen sitzen. Dies zu verstehen scheint mir in Belarus besonders wichtig. Denn hier werden Leute mit Behinderung nicht nur stärker marginalisiert als in der Schweiz, sondern auch viel mehr bevormundet, von Eltern, Verwandten und von anderen wohlmeinenden Helfern. Jedenfalls wird klar, dass Menschen mehr erreichen können, wenn sie an sich glauben.

 

 

Info


Das Camp “Round Lake” findet jedes Jahr statt, und wird bestimmt auch nächstes Jahr als SCI Workcamp ausgeschrieben. Mitmachen lohnt sich.

Die Autorin lebt und arbeitet für ein Jahr in Minsk, Belarus. Sie arbeitet als Langzeitfreiwillige im EVS (European Volunteer Service) bei einer regierungsunabhängigen Organisation für blinde Jugendliche. Dies konnte ermöglicht werden durch die Zusammenarbeit des SCI Schweiz und der New Group SCI Belarus und dank der Finanzierung durch Jugend in Aktion.

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